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SV Darmstadt 98 : Hatira und die Salafistenszene

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Seit dieser Saison steht Änis Ben-Hatira für Darmstadt 98 auf dem Fußballplatz Bild: Reuters

Der Angreifer des SV Darmstadt steht einer muslimischen Hilfsorganisation nahe, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Zu Unrecht – wie der Berliner sagt.

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          In sportlich ungemütlicher Zeit hat Änis Ben-Hatira dem Bundesliga-Klub SV Darmstadt 98 zusätzlichen Ärger abseits des Fußballs eingehandelt. Der tunesische Nationalspieler steht offensichtlich einer Hilfsorganisation nahe, die vom Verfassungsschutz beobachtet und als Teil der salafistischen Szene hierzulande eingeschätzt wird. Auf der Internetseite von „Ansaar International“ posiert der 28-Jährige in einem blau-weißen Trikot und wirbt um Spenden für die muslimische Hilfsorganisation.

          Nach Angaben des Vereins – Motto: „Sehen, wie die Spende ankommt“ – versorgt Ben-Hatira mit seinem Engagement monatlich 4300 Palästinenser mit Trinkwasser. In einem Werbefilm von Ansaar werden Spielszenen des Deutschtunesiers, unter anderem sein bisher einziges Saisontor für die „Lilien“ im Heimspiel gegen Wolfsburg, gezeigt, verknüpft mit Sequenzen von einem erfolgreichen Brunnenbau in Ghana, für den Ben-Hatira 2000 Euro gespendet haben soll.

          Nach Informationen des Hessischen Rundfunks beobachten der nordrhein-westfälische und der hessische Verfassungsschutz den Verein, dessen Büros im Düsseldorfer Bahnhofsviertel liegen. Im Jahresbericht des NRW-Verfassungsschutzes (2014) heißt es über Ansaar: „Er ist fest mit der deutschen Salafisten-Szene verwoben.“ Zu Veranstaltungen des Vereins in Moscheen sollen bekannte Prediger von islamistischen Gedankengut eingeladen worden sein. In vielen deutschen Städten, auch im Rhein-Main-Gebiet, soll die Organisation mit Teams aktiv sein, die im Namen des Vereins Spenden sammeln sowie auf der Straße, in Moscheen und im Internet für sich werben. Die wachsende salafistische Bewegung in Deutschland gilt als möglicher Einstieg für junge Menschen in Terrorgruppen wie den IS. Den Salafisten wird vorgeworfen, humanitäre Hilfe mitunter als Vehikel zur Verbreitung ihrer Ideologie zu missbrauchen.

          „Die Behauptungen stehen in komplettem Widerspruch zu dem, für was sich Ansaar einsetzt“, sagt Ben-Hatira in einem vom SV 98 online veröffentlichen Interview. Es mache ihn traurig, dass seine sozialen Projekte in ein schlechtes Licht gerückt werden. Unlängst hat der Offensivspieler auf seiner Facebook-Seite die Gründung der „Änis Ben-Hatira Foundation“ angekündigt mit den Worten: „Zu meinen Träumen gehörte es schon immer, so viel wie möglich von dem, was ich bekommen habe, mit anderen zu teilen.“ Mit Hilfe von Ansaar komme er an die Orte, wo Hilfe nötig sei.

          Ben-Hatira ist „sehr traurig“

          Der Verein um den Vorsitzenden Joël Kayser selbst bestreitet jeglichen Kontakt zu extremistischen oder gar terroristischen Gruppen. Nach eigenen Angaben habe man über eine Million Spender, die sich aktuell für 68 Projekte in 26 Ländern engagieren. Der Verein bezeichnet sich als unabhängig und unpolitisch, politische Weltanschauungen spielten keine Rolle, vielmehr helfe man auch Menschen anderen Glaubens.

          Ben-Hatira ist in der Fußballbranche mehr als Typ mit Ecken und Kanten und Hang zum Ärger mit seinem Arbeitgeber und weniger als pflegeleichter Sportsmann bekannt. Der im Berliner Stadtteil Wedding sozialisierte Profi kultiviert sein Image als Bad Boy. Auch wenn er bei jeder Gelegenheit beteuert, dass er dies gerade nicht sei und sein öffentliches Bild von Leuten kreiert werde, die ihn gar nicht kennen. Bei seinem Heimatverein Hertha BSC Berlin gab man ihm in der Vorsaison den Laufpass, nachdem er im Mannschaftsbus den Mitspieler Mitchell Weiser geohrfeigt haben soll. 

          Daraufhin landete er in der Winterpause bei der Frankfurter Eintracht. Zwar erzielte der Flügelspieler zwei wichtige Tore für den Klassenverbleib, doch vollends zu überzeugen vermochte der dribbelstarke Stürmer nicht. Seinen Abschied bei den Frankfurtern nach nur einem halben Jahr wird auch die Affäre beschleunigt haben, als er in einem sozialen Netzwerk im Internet ein Bild postete, auf dem Spritzen, Kanülen und ein Behälter mit einer im Fußball verbotenen Substanz zu sehen waren. Ein Doping-Vergehen lag allerdings nachweislich nicht vor. Irritationen hatte zuvor auch Ben-Hatiras Aussage vor dem Hessen-Derby gegen die „Lilien“ ausgelöst, als er sagte: „Das wird ein Krieg.“

          Der einstige deutsche Junioren-Nationalspieler ist wegen der Berichte über seine Kooperation mit Ansaar „sehr traurig“, will sich aber „nicht beeinflussen lassen“, wie er sagt. An einem für die „Lilien“ aufreibenden Tag gab es obendrein vor dem Auswärtsspiel gegen Schalke an diesem Sonntag eine weitere schlechte Nachricht zu verkraften: Stammspieler Immanuel Höhn zog sich im Vormittagstraining einen Mittelfußbruch zu und fällt bis auf weiteres aus.

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