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Adler gegen Neuer : Das moderne Torwart-Spiel

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Vorteil Adler: Er hat es selbst in der Hand, ob er die deutsche Nummer 1 bleibt Bild: REUTERS

Die Spitzenpartie Leverkusen gegen Schalke (18.30 Uhr) ist auch ein Spiel um die Rangfolge im Tor der Nationalmannschaft: René Adler gegen Manuel Neuer. Die Entscheidung von Bundestrainer Joachim Löw scheint gefallen, aber nicht unumstößlich.

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          Obwohl der Bundestrainer sein Urteil über die Rangfolge im Tor der Nation zeitig gefällt hat, scheint die öffentliche Debatte zu diesem Thema Nummer eins noch nicht abgeschlossen. Für die Fußball-WM ist René Adler die erste Kraft, Manuel Neuer sein erster Stellvertreter und Tim Wiese der keineswegs unsichtbare Dritte – diese Reihenfolge wird auf dem Marktplatz des Fußballs zuweilen allerdings wie eine Arbeitsthese behandelt, die noch nicht endgültig ist. Beim Bundesliga-Spitzenspiel zwischen Adlers Klub Bayer Leverkusen und Neuers Verein Schalke 04 am Samstagabend (18.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) werden wieder alle genau hinschauen und hüben wie drüben jede Torszene sezieren, die darüber Aufschluss geben könnte, wer zwischen den Pfosten der Bessere ist.

          Für ein unumstrittenes Ergebnis ist die Beweislage zu dünn – beide Kandidaten sind jung, interpretieren ihre Position modern, besitzen ein gutes Image und sind noch längst nicht am Ende ihrer sportlichen Möglichkeiten angelangt. Also wird weiter nach Indizien gesucht. Die einen hoffen Adlers Nominierung bestätigt zu sehen, andere spekulieren darauf, Gesichtspunkte zu finden, die für Neuer und damit doch für einen Wechsel sprechen.

          Zuweilen entsteht der Eindruck, als könnte es in der T-Frage noch eine Art Revisionsinstanz geben. Vor allem der Herausforderer und seine Sekundanten treten auf, als wäre die Entscheidung gefallen, aber nicht unumstößlich. „Ich glaube noch daran, die Nummer eins für die WM in Südafrika zu werden“, sagt Manuel Neuer. „Ich werde nicht nachlassen und will weiter Druck ausüben.“

          Will weiter Druck machen: Manuel Neuer glaubt an seine WM-Chancen

          Bis zu Enkes Freitod galt Neuer als Torwart 1c

          Seine T-Aktie ist zuletzt nicht allein aufgrund eigener Leistung gestiegen (jüngst in Hamburg sah er beim ersten Gegentor selbst nicht gut aus), sondern vor allem weil der favorisierte Mitbewerber nach Löws Torwartbeschluss den Zweiflern einige Argumente lieferte, in der Bundesliga und auch beim Länderspiel gegen Argentinien.

          Zudem weiß Neuer einen meinungsstarken Manager und Trainer hinter sich. Felix Magath macht Marketing für seinen Torwart. Er lobt ihn bei jeder Gelegenheit, häufiger als etwa den erfolgreichsten Stürmer der Mannschaft, Kevin Kuranyi. Und an Gelegenheiten mangelt es schon deshalb nicht, weil es aufgrund der Spielweise bei Schalke noch mehr auf den Mann im Tor ankommt als bei Leverkusen.

          Magath hat schon kurz nach Löws Verkündung darauf hingewiesen, dass der frühe Zeitpunkt für den Begünstigten nicht nur Vorteile mit sich bringen könnte. „Wir alle leben jetzt mit der Entscheidung. Wie der deutsche Nummer-eins-Torwart damit lebt, werden wir sehen. Die Rolle des Herausforderers ist auch nicht so schlecht.“ Neuer hat allerdings erst zwei Länderspiele absolviert; bis zum Freitod Robert Enkes galt er eher als Torwart 1c. Hingegen sprechen für Adler vor allem die starken Leistungen in den beiden WM-Qualifikationsspielen gegen Russland.

          Selbstdarsteller ist Neuer nur zwischen den Pfosten

          Der Angriff aus Schalke ist nicht zu überhören, aber die Worte sind wohl gesetzt, forsch genug, um Druck zu erzeugen, aber so dezent, dass niemand den Vorwurf erheben kann, Neuer bediene sich unlauterer Mittel. Sicherheitshalber betont der gebürtige Gelsenkirchener, der früh zur Identifikationsfigur im Klub wurde, sein gutes Verhältnis zu den beiden Mitbewerbern, sobald er sich mit der T-Frage konfrontiert sieht. Neuer ist zu klug, zu kontrolliert und zu gut beraten, um extrovertiert und egozentrisch seinen Anspruch zu stellen.

          Und er zeigt nicht mit dem Finger auf andere Torhüter, wenn sie etwas falsch machen. Selbstdarsteller, im besten Sinne, will er nur an seinem Arbeitsplatz zwischen den Pfosten sein wie zuletzt wieder im Pokalhalbfinale gegen Bayern München. Drei Tage nach seinem Patzer in Hamburg hielt er Schalke nicht nur lange im Spiel, sondern dürfte abermals das Interesse des deutschen Rekordmeisters geweckt haben. Die Bayern sind offenbar bereit, den laut Magath derzeit „unverkäuflichen“ Neuer aus seinem bis Juni 2012 datierten Vertrag zu kaufen, sei es in diesem Sommer oder ein Jahr später.

          Es bleibt dabei: Vorteil Adler

          Auch im Hinblick auf ihre diplomatischen Fähigkeiten sind Neuer und Adler einander ähnlich. Adler versucht dem Angriff aus Schalke wie ein junger Souverän zu begegnen. Er hat gar nicht erst versucht, seine Fehler zu beschönigen. Zuletzt blieb er buchstäblich ruhig. „Wir halten es für besser, wenn er sich auf das Wesentliche konzentriert und sich bei Interviews etwas zurücknimmt“, sagt der Leverkusener Trainer Jupp Heynckes. Statt dessen plädiert Heynckes selbst für seinen Schützling. „Große Torhüter, die bei Weltmeisterschaften gespielt haben, Champions-League-Sieger waren und mehrmals deutscher Meister, waren mit 25 Jahren nicht so weit, wie René Adler heute ist.“

          Und was sagt der Bundestrainer? Joachim Löw vertraut „sehr gelassen“ darauf, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Wir werfen nicht wegen jedes vermeintlichen Fehlers unsere Entscheidungen über den Haufen“, bekräftigt er. „Wir haben gesagt, dass es René selbst in der Hand hat, ob er die Nummer 1 bleibt.“ Es gilt also weiter: Vorteil Adler. Aber einen kleinen Rest an Entscheidungsspielraum enthält dieser Satz des Bundestrainers wohl doch.

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