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Ade, Dedé : Mann und Meister

  • -Aktualisiert am

Auf den Schultern der Spieler - im Herzen der Fans: Dede Bild: dapd

Sein Vater sagte: „Beiß dich durch, werde ein Mann.“ Udo Lattek nannte ihn „preußischen Brasilianer“: 1998 kam Dedé als Nachwuchsspieler, am Samstag nimmt er als deutscher Meister Abschied. Dedé und Dortmund - das war echte Liebe.

          Als Leonardo Dedé im Sommer 1998 aus Brasilien nach Deutschland kam, war er ein unbedarfter Junge aus einfachen Verhältnissen. Borussia Dortmund, sein neuer Arbeitgeber, gehörte zum Establishment des europäischen Fußballs. Der 20 Jahre alte Dedé wusste nicht, ob er in der fremden, nicht nur klimatisch kühleren Welt zurechtkommen würde. Aber sein Vater sagte nur: „Beiß dich durch und werde ein Mann.“

          Dreizehn Jahre später nimmt der Sohn Abschied von Dortmund, der Stadt und dem Klub, die ihm zur zweiten Heimat wurden. Er geht als Mann und als Meister, so wie der Vater es ihm aufgetragen hat.

          Männer und Meister weinen für gewöhnlich nicht, jedenfalls nicht am Arbeitsplatz. Im Fußball ist das anders. In diesem rauen Geschäft liegen Tränen im Trend, besonders wenn Abschiede anstehen. Auch Dedés Augen werden feucht schimmern, wenn er an diesem Samstag gegen Eintracht Frankfurt sein 322. Bundesligaspiel bestritten hat und zum zweiten Mal in seiner Karriere die Meisterschale hochhält.

          Das erste Mal: Deutscher Meister 2002 (r., mit Marcio Amoroso)

          „Diesen Abschied wird er nicht vergessen“, sagt Kevin Großkreutz. Der zehn Jahre jüngere Mittelfeldspieler gehört zu den Berufskollegen, die sich dem dienstältesten BVB-Profi besonders verbunden fühlen, ihn als fast väterlichen Freund ansehen. „Dedé hat immer alles für den Verein gegeben und ihm auch in schlechten Zeiten die Treue gehalten. Vor einem solchen Spieler ziehe ich den Hut“, sagt Großkreutz. „Ich bin traurig, dass er geht. Er hat sich immer um uns junge Spieler gekümmert.“

          In diesem Fall ist es nicht das Geld, das die Trennung erzwingt, sondern das Konzept, das im Zweifel der Jugend den Vorrang einräumt vor den Verdiensten. Dedé hat seinen Stammplatz verloren. Die Planstelle auf der linken Abwehrseite wurde Marcel Schmelzer zuerkannt, einem aufstrebenden jungen Profi, der inzwischen zum Nationalspieler avanciert ist.

          Frost auf der Scheibe

          Dedé nimmt es sportlich. Er sieht sich in einer ähnlichen Lage wie zwei noch weit berühmtere Kollegen. Raul und Lucio, vormals bei Real Madrid und Bayern München beschäftigt, hätten nach einem Vereinswechsel gezeigt, dass sie zu jung und zu stark seien, um in den Vorruhestand auf der Ersatzbank zu treten. Als Dedé in Dortmund anfing, war der BVB Weltpokalsieger. Knapp sieben Jahre später stand der Revierklub kurz vor der Insolvenz und musste sparen, besonders bei den Gehältern. Dedé blieb, obwohl er noch Verträge aus der Zeit der Verschwendung gewohnt war. Er hätte nach Rom gehen können, doch er hatte sich eingerichtet in dem Land, das er mit den Jahren zu verstehen und zu schätzen lernte.

          Die kalte Jahreszeit machte ihm stets zu schaffen, vor allem wenn Niederschläge dazukamen. In seinem ersten deutschen Winter stieg er staunend aus dem Auto und meldete sich vom Training ab. Die Windschutzscheibe sei zersprungen, er könne nichts mehr sehen. Tatsächlich war die Scheibe nur von einer Eisschicht überdeckt. Später wurde Dedé warm mit Land und Leuten und erhielt sogar die Staatsbürgerschaft seiner Wahlheimat, die er anfangs nur als Zwischenstation für drei Jahre angesehen hatte. „Ich habe alles richtig gemacht, als ich Angebote anderer Vereine ausgeschlagen habe“, sagt er. „Ich vermisse Dortmund jetzt schon.“

          Immer Ärger mit den Nachbarn

          Manches von dem, was deutsche Mentalität bedeutet, ist Dedé in Fleisch und Blut übergegangen. In der Bundesliga haben Brasilianer gekickt, die künstlerisch mehr zu bieten hatten als der zweikampfstarke, oft sehr harte, aber auch als Flankengeber geübte Linksverteidiger aus Dortmund. Udo Lattek, einer seiner Trainer, nannte ihn mal den „preußischen Brasilianer“.

          Dedé versteht es, deutsche Wertarbeit mit brasilianischer Lebensfreude zu verbinden. Der zweite Teil dieser mitunter explosiven Mischung störte allerdings lärmempfindliche Nachbarn, die häufig die Polizei riefen, wenn im Hause Dedé gefeiert wurde. Um den Beamten die Arbeit zu erleichtern, gab Dedé ihnen seine Telefonnummer und sagte: „Ruft doch einfach an, wenn sich wieder jemand beschwert.“ Bei der lauten Meisterfeier in Dortmund wird sich niemand in der Ruhe gestört fühlen. Und es wird auch leisere Momente geben; so etwa wenn Dedé von der Bühne abtritt. Dann wird das an die Fans gerichtete Vereinsmotto durchklingen, das für Dedé und Dortmund Wirklichkeit wurde: „Echte Liebe.“

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