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Bundesliga-Kommentar : Ehre deinen Schiedsrichter!

  • -Aktualisiert am

Manuel Gräfe machte einen Fehler – und gab ihn auch später zu. Bild: dpa

Protestierende Spieler, wütende Trainer, zornige Manager: Im Fußball stimmt der Umgang mit dem Schiedsrichter längst nicht mehr. Es ginge auch anders, wie die angeblich groben Rugby-Raufbolde bei der WM bewiesen haben.

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          Da ist sie also wieder, die alte Diskussion um den Videobeweis, neu belebt durch den Wahrnehmungsfehler des Schiedsrichters vor dem Wolfsburger Führungstreffer beim 2:1-Sieg des VfL gegen Bayer Leverkusen. Manuel Gräfe war souverän genug, seinen Irrtum nicht schön zu reden. Und er gab auch bereitwillig zu, was für Fußballromantiker das offenbar größtmögliche Dilemma wäre: „Der Videobeweis hätte in dieser Szene geholfen.“

          Natürlich hätte er das. Schließlich setzte auch der wütende Leverkusener Sportdirektor Rudi Völler erst zu seinem Sprint aus der Vip-Loge hinab an die Seitenlinie zum Vierten Offiziellen Wolfgang Stark an an, nachdem er sich anhand der Fernsehbilder vergewissert hatte, dass es sich tatsächlich um ein Abseits gehandelt hatte und nicht, wie von Gräfe fälschlicherweise erkannt, um ein Zuspiel eines Leverkusener Spielers.

          Die Argumente für oder gegen einen Videobeweis sind seit langem ausgetauscht. Verlassen kann man sich darauf, dass immer jemand sagen wird, auch ein Videobeweis könne nicht alle strittigen Situationen aufklären. An dieser Sicht ist nichts Falsches, nur die Schlussfolgerung darf man überdenken.

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          Nur weil immer noch ein paar Fälle überbleiben, die auch noch so viele Fernsehkameras nicht endgültig aufklären könnten, verzichtet der Fußball darauf, für die Mehrzahl der strittigen Situationen die richtige Antwort zu finden? Das mag ja toll sein, dass solche Szenen wie in Wolfsburg für wahnsinnig viel Gesprächsstoff an den „Stammtischen“ sorgen. Aber bringt die Bundesliga nicht genügend Themen hervor?

          Am Wochenende zumindest hat es mal wieder mächtig geknirscht in der wackligen Beziehung zwischen den Beteiligten auf dem Platz – auf der einen Seite der Schiedsrichter, auf der anderen Seite protestierende Spieler, wütende Trainer, zornige Manager in Wolfsburg. Augsburg oder Köln.

          Der Blick über den eigenen Zaun könnte helfen, die eingeschränkte Sicht der Dinge zu erweitern. Warum nur haben sich andere Sportarten längst entschieden, der richtigen Entscheidung zu den wichtigsten Szenen auch mithilfe eines Video-Unparteiischen näher zu kommen und haben damit die Autorität des Schiedsrichters nicht im geringsten geschmälert, was im Fußball immer befürchtet wird?

          Generell stimmt im Fußball der Umgang mit dem Schiedsrichter nämlich längst nicht mehr. Gibt es irgendeine andere Sportart, in der sich der Spielleiter so vielen Protesten erwehren muss? In Wolfsburg ging es so weit, dass Gräfe schon in der Halbzeitpause über seine Fehlentscheidung diskutieren musste.

          Dass er es tat, widerspricht zwar dem gerne gezeichneten Bild des unnahbaren Schiedsrichters, wird aber nur im Fußball als normal hingenommen und wäre woanders das, was es ist: Eine Einflussnahme, und noch dazu eine, die viele Wiederholungstäter in allen Spielklassen animieren dürfte.

          Es ginge ja auch anders: Es gäbe die Möglichkeit, dem Schiedsrichter so respektvoll zu begegnen, wie dies die angeblich groben Rugby-Raufbolde bei ihrer WM gerade eindrucksvoll taten. Oder der Internationale Fußball-Verband würde als innovative Idee beispielsweise das Abseits ganz abschaffen, was dem Spiel neue Räume verschaffen würde. Aber vermutlich hat die Fifa momentan ganz andere Sorgen, was ihre Zukunft betrifft.

          Peter Penders
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

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