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Abschiedsspiel in München : Der letzte Abpfiff für Oliver Kahn

  • -Aktualisiert am

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Nicht ungerührt - aber ohne Tränen: Oliver Kahn warf sein letztes Hemd in die Menge und verließ die voll besetzte Münchner Arena. Für immer. Bundestrainer Löw ist sich sicher: „Er wird allen fehlen, ganz sicher.“

          3 Min.

          Als der Abpfiff ertönte, sein Abpfiff, da schnappte sich Oliver Kahn die Bayern-Fahne, die zuvor im Tor deponiert worden war, umarmte seinen Nachfolger beim FC Bayern München, Michael Rensing, und begab sich auf seine letzte Ehrenrunde als Torhüter. Der englische Opern-Star Paul Potts sang dazu „Time to say Good-bye“ und die 69.000 Zuschauer in der Münchner Arena begleiteten einen der besten Torhüter der Welt - mit Standing ovation.

          „Das war das Größte, was ich in meiner Karriere erlebt habe. Ich kann mich nur bedanken, das war der Gipfel“, sprach er ins Mikrofon, ehe der Torhüter Kahn für immer verschwand, starke Spuren zurücklassend: „Ein einmaliger Moment“, sagte National-Mannschaftskapitän Michael Ballack, „das hat er sich mit seinen herausragenden Leistungen verdient.“ „Ein großartiger Typ, der mit seiner Haltung nach der Entscheidung für Jens Lehmann vor der WM wesentlich zum Erfolg beim Turnier beigetragen hat“, sagte der frühere Bundestrainer und jetzige Bayern-Coach Jürgen Klinsmann.

          Nicht ungerührt - aber ohne Tränen

          Die Spieler des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft standen Spalier, als Kahn den Platz verließ. Schiedsrichter Markus Merk beendete die Partie am Dienstag zwischen der DFB-Auswahl und dem deutschen Meister beim Stand von 1:1 nur fünf Minuten später. Da riefen die Zuschauer immer noch: „Olli, Olli“. Mit dem Trikot über den Schultern tauchte Kahn dann doch noch einmal auf, warf sein letztes Hemd in die Menge und ging ein zweites Mal, nicht ungerührt - aber ohne Tränen.

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          Abschiedsspiel in München : Der letzte Abpfiff für Oliver Kahn

          Zwei Stunden zuvor war Kahn aus dem Tunnel gekommen, zum letzten Mal in seinem blauen Torwart-Trikot. Als er das Spielfeld betrat, verwandelte sich das Stadion in ein Tollhaus. Unter den tosenden Applaus mischten sich der von „Ich + Ich“ dargebotene Song „So soll es sein, so kann es bleiben“. Nach den Abschiedsworten von Theo Zwanziger, dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes, sowie den Bayern-Verantwortlichen Karl- Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, die den Torhüter zum Ehrenspielführer ernannten, begann das letzte Spiel des Oliver Kahn.

          In Zeitlupe über den Platz

          Bundestrainer Joachim Löw hatte vier von fünf Bayern-Nationalspielern an Klinsmann ausgeliehen, weil der Meister sonst mit einer verstärkten Amateur-Auswahl hätte antreten müssen. Nur Bastian Schweinsteiger musste oder durfte beim EM-Zweiten mitmachen und vertrat dort den verletzten Ballack. Nach sechs Minuten lag Kahn zum ersten Mal auf dem Rasen. Marcus Marin hatte aus halblinker Position aufs Tor geschossen, Kahn unterschätzte den Aufsetzer und musste sich gewaltig strecken.

          Danach allerdings waren die Kollegen aus der Nationalmannschaft lange sehr freundlich zum ehemaligen Torwart-Titan. Niemand auf dem Platz schien großes Interesse an Tempofußball zu haben, die Spieler bewegten sich in Zeitlupe über den Platz und brachten damit die Hauptperson des Abends kaum in die Bredouille. Als Piotr Trochowski in der 32. Minute dann doch nicht anders konnte, als am geschlagenen Kahn vorbeizuschießen, hätte Breno in der Münchner Verteidigung seinen ehemaligen Kapitän vor einem Gegentor bewahren können, aber statt den Ball wegzudreschen, lenkte er ihn ins eigene Tor zum 0:1 aus Sicht Kahns und der Bayern.

          Löw: „Mich hat die Stimmung an Stuttgart erinnert“

          In der Pause wurde es dann wesentlich temperamentvoller - beim Auftritt der „Prinzen“ mit dem „Kahn-Song“. Zuvor hatte Kahn noch fünf Amateurspielern zu einer stattlichen Prämie verholfen. Zehn Schützen waren angetreten, um dem ehemaligen Welttorhüter aus 16 Metern zu überwinden, fünf hatten Erfolg und kassierten jeweils 100.000 Euro.

          In der zweiten Halbzeit ging es etwas munterer zu, die Torchancen häuften sich, und die Bayern strengten sich an, die Scharte aus der ersten Hälfte auszumerzen. In der 51. Minute gelang dies Miroslav Klose, nach der Pause für Luca Toni eingewechselt. Mit seinem zweiten Treffer innerhalb von nur zwei Tagen setzte der Stürmer seinen Genesungsprozess fort. Kahn bekam bis zur 75. Minute, seiner abgesprochenen Auswechslung, noch ein paar Gelegenheiten zu zeigen, dass er trotz dreimonatiger Leistungssport-Abstinenz noch ein sehr passabler Torhüter ist.

          Um 21.44 Uhr verließ er den Rasen. Zum letzten Mal. Ein Moment, der auch den Bundestrainer bewegte: „Mich hat die Stimmung hier an die WM 2006 in Stuttgart erinnert“, sagte Joachim Löw, „es war ein klasse Abschied für Oliver, der mir immer imponiert hat, weil er, obwohl schon ganz oben, immer wieder versucht hat, seine Leistung noch zu toppen. Dabei hat er es geschafft, alle Emotionen auszuleben. Er wird allen fehlen, ganz sicher.“

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