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96-Präsident Martin Kind : Der Feind im eigenen Klub

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Für Martin Kind ist Fußball nur ein Produkt, das kühl vermarktet wird Bild: Imago

Martin Kind ist der letzte Patriarch der Liga: Er hat Hannover 96 einst saniert und will nun den Lohn ernten. Mit Investoren plant er, den Klub zu übernehmen. Vor der Partie in Gladbach (17.30 Uhr) ist das für manche ein Schreckensszenario.

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          Der Chef muss an diesem Abend noch einmal weg. Ins Ostwestfälische. Nach Lemgo, um genau zu sein. „Sie haben einen Doofen gefunden“, sagt Martin Kind. Er soll beim abgestürzten Handball-Bundesligaklub TBV über Erfolgsstrategien im Profisport sprechen. Auf der 45 Minuten langen Fahrt vom Firmensitz in Großburgwedel will er sich noch ein bisschen einlesen, fragt aber schon mal ein paar Basics ab, während er an seinem Wasser nippt.

          Der 70 Jahre alte Unternehmenschef ist bekennender Asket. Er gibt in Jeans und Lederjacke auch am Anfang des achten Lebensjahrzehnts eine gute Figur ab. Abends isst er höchstens Obst, und die Frage nach einer erholsamen Auszeit hatte er schon vor Jahren mit einem empörten Schnaufen beantwortet: „Urlaub? Ich wüsste gar nicht, was ich da machen sollte. Ich bin ein unruhiger Geist und muss immer etwas machen. Ich entspanne mich bei der Arbeit.“

          Meinungsstark – aber kein guter Redner

          Abendrunden wie in Lemgo sind eine Ehrensache für den Präsidenten von Hannover 96 vor dem Aufeinandertreffen mit Borussia Mönchengladbach am Sonntagnachmittag (17.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker auf FAZ.NET). Wer anfragt, bekommt eine Antwort, meist eine positive, obwohl Kind zwar meinungsstark, aber kein guter Redner ist. Er stellt sich, immer, auch in Krisenzeiten wie diesen, gemäß seinem Credo: „Wenn es stürmt und regnet, zeigt sich, ob jemand etwas kann. Nicht bei Sonnenschein. Es kommt darauf an, in der Krise zu stehen.“ Er selbst steht. Daran kommen auch seine Gegner nicht vorbei.

          Verglichen mit seinem Start als Präsident 1997, sind die aktuellen Sorgen bei den abstiegsbedrohten und von Fan-Auseinandersetzungen gebeutelten „Roten“ in seinen Augen „Peanuts“. Damals stand Hannover als Drittligaklub vor der Pleite. Sportlich bedeutungslos, finanziell am Rande des Ruins. Gern kokettiert Kind mit der Rettung des damaligen „Scheißklubs“, wie er einmal flapsig sagte. Kind kam, gab Geld, viel eigenes Geld, sammelte fremdes ein und erhielt 2002 die Belohnung – den Aufstieg. Seit zwölf Spielzeiten ist Hannover 96 nun mit diesem Präsidenten Teil der Beletage. Ohne groß aufzufallen, als „regionale Marke“, würde Kind sagen.

          Als Chef seines Hörgeräte-Unternehmens mit 2500 Angestellten und 170 Millionen Euro Jahresumsatz schätzt und achtet er die Gesetze des Marktes. Im Fußball gibt es aber eben auch ein paar Eigenheiten. Kind sagt: „Presse, Politik, Zuschauer, alle nehmen Einfluss auf diesem Markt. Das ist schon eine schwierige Herausforderung für jemanden, der Verantwortung hat. Es gibt viele Meinungsbildner. Das Ganze auszusteuern, ist manchmal eine hohe Belastung. Aber ich kann damit umgehen, weil ich mit mir im Reinen bin und weiß, was ich will.“

          Sein Gespür für Geschäfte außerhalb des Fußballs hat ihn nach Angaben des „Handelsblatts“ mit einem geschätzten Vermögen von 600 Millionen Euro zu einem der reichsten Deutschen gemacht. Neben dem Hörgeräte-Imperium, das er bald seinem älteren Sohn Alexander übergeben will, hält Kind über eine Beteiligungsgesellschaft unter anderem Anteile an Immobilien, Radiosendern und einem Musikverlag. Gleich neben dem Firmensitz liegt sein Hotel „Kokenhof“.

          Die Hannover-Fans würden auf Martin Kind am liebsten verzichten
          Die Hannover-Fans würden auf Martin Kind am liebsten verzichten : Bild: Imago

          In der Region ist Kind als strenger Firmenlenker von vielen angesehen, von einigen gefürchtet. Das Bundesligageschäft aber ist ihm bis zum heutigen Tag ziemlich rätselhaft, bisweilen unverständlich geblieben. Die Emotionen der Fans, ja die Liebe zum Klub, die jedem Verein ein bisschen Seele gibt? Nicht seine Welt. Die ihm wohlgesinnten Fans und Zuschauer schätzen Kind für sein finanzielles Engagement und eng geknüpftes Netzwerk hannoverscher Geldgeber – lieben werden sie ihn nie. Dafür kommt er zu kühl rüber, wenn er in seiner Loge neben Dieter Schatzschneider sitzend bei Toren sparsam applaudiert.

          Mit den Ultras hat Kind nach zahlreichen Fehden um Pyrotechnik und anschließende Strafen, zu zahlen vom Klub, gebrochen. Und sie mit ihm. Sie wanderten ab, zur eigenen zweiten Mannschaft. Nach Ricklingen. So wurde die Arena am Maschsee zum Stadion mit der schlechtesten Stimmung. Ärger, Trotz und Unverständnis schwingen mit, wenn Kind dazu Stellung nimmt: „Es tut mir für die Mannschaft leid, wenn sie nicht die Unterstützung erhält, die sie verdient hat, jetzt sogar braucht. Dafür sind Fans doch eigentlich da. Aber die Mannschaft kann damit umgehen.“

          „Reden kann man über alles“

          Er selbst scheint gut mit den Anfeindungen im Stadion zu leben. Eine diplomatische Reaktion aber darf man von Martin Kind nicht erwarten. Nach seinen in der Wirtschaft erworbenen Maßstäben ist es dabei ganz normal, als Buhmann dazustehen. „Reden kann man über alles“, sagt er, „aber am Ende müssen Entscheidungen getroffen werden.“

          Die Spieler um Torhüter Ron-Robert Zieler lässt der Streit zwischen Fans und Vorstand nicht kalt
          Die Spieler um Torhüter Ron-Robert Zieler lässt der Streit zwischen Fans und Vorstand nicht kalt : Bild: dpa

          Eine solche wird wohl sein, sich am Saisonende von Sportchef Dirk Dufner zu trennen. Das dürfte für Kind schon seit dem Jahresende 2013 feststehen. Damals hatte Dufner den inzwischen bei 1860 München entlassenen Trainer Ricardo Moniz an der Angel – und zwar so fest, dass Kind, als er sich gegen Moniz entschieden hatte, ein „Abstandsgeld“ zahlen musste. Dufner und Moniz hatten sich da schon geeinigt.

          Als den Chef aber bei einem persönlichen Gespräch das Gefühl beschlich, Moniz sei ungeeignet, blieb nur die monetäre Lösung. Dafür Geld ausgeben? Für keine Leistung? Das hat Kind richtig geärgert. Beim Profi-Kader ist Kind vor der Saison ungewöhnlich stark ins Risiko gegangen, hat den Käufen der Spieler Josélu und Kiyotake für zusammen zehn Millionen Euro zugestimmt. Und wo ist der Ertrag geblieben? Platz zwölf. Das bringt nun auch den von ihm sehr geschätzten Trainer Tayfun Korkut in die Schusslinie. Und wenn es sein muss, wird Kind auch hier kühl entscheiden. „Am Ende geht es immer um 96“, sagt er.

          2018 soll für ihn Schluss sein als ehrenamtlicher Präsident. Dann, 20 Jahre nach seinem Einstieg in den Klub mit der „Hannover 96 Sales&Services GmbH&Co. KG“, will Kind zusammen mit sechs regionalen Investoren 100 Prozent der Anteile an der ausgegliederten Profiabteilung von Hannover 96 halten. DFL und DFB haben den Weg für die Übernahme nach langem Kampf mit Kind frei gemacht, obwohl – wie im Falle Hopp und Hoffenheim – abermals die „50+1“-Regel ausgehebelt wird.

          Für die kritischen Fans ist die Übernahme durch Kind ein Katastrophenszenario. Der Feind im Klub hätte dann seinen letzten Willen bekommen. Für Kind ist es ein normaler Vorgang nach 20-jährigem Einsatz von Mitteln und Arbeitskraft. Keiner der Investoren werde in das Tagesgeschäft hineinreden, alle hätten ein großes Interesse am Erfolg von 96. Kind sagt: „Märkte leben, Märkte verändern sich. Veränderung sollte man gestalten.“ Wenn dabei Tradition auf der Strecke bleibt – nicht sein Problem.

          Vereinen wie dem VfL Wolfsburg, der TSG Hoffenheim oder Bayer Leverkusen kann er fast ebenso so viel abgewinnen wie dem FC Bayern München. Kind sagt: „Wolfsburg hat eine klare strategische Ausrichtung. Ich freue mich über ihren Erfolg.“ Und dass die Bayern 500 Millionen Euro vom jährlichen Bundesliga-Gesamtvolumen von 2,4 Milliarden umsetzen? Gerecht? Verdient? „Es ist ein Wettbewerbsmarkt, in dem jeder seine Chancen hat“, sagt er.

          Es ist eine nüchterne Sicht auf den Unterhaltungsbetrieb Bundesliga, diesen merkwürdigen Markt. Als es um mögliche Solidarität unter den Vereinen geht, schnaubt Kind nur und lacht. Jeder muss sehen, wo er bleibt, heißt das. So gönne er den viel beneideten englischen Klubs der Premier League auch das horrende TV-Geld, sagt: „Wir sollten da nicht auf andere schauen. Die Bundesliga ist doch ein ordentlich funktionierendes Produkt.“ Aber eines, über das Martin Kind auch nach 18 Jahren in der Verantwortung Samstag für Samstag den Kopf schütteln kann.

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