https://www.faz.net/-gtm-74mbj

96-Boss Kind im Gespräch : „Die Politik darf die Spielregeln nicht definieren“

  • Aktualisiert am

Konstruktiver Lautsprecher: Martin Kind, Präsident des Fußball-Bundesligaklubs Hannover 96 Bild: picture alliance / dpa

Martin Kind führt mit einem Jahr Unterbrechung seit 1997 den Bundesligaverein Hannover 96. Der 68 Jahre alte Unternehmer hält eine Entscheidung über die Maßnahmen gegen Gewalt im Fußball am 12. Dezember für nicht sinnvoll.

          4 Min.

          Entzündete Pyrotechnik, dunkle Rauchschwaden, brennende Transparente - in einigen Stadien der Fußball-Bundesliga kam es am Wochenende wieder einmal zum Eklat. Sehen Sie diese Aktionen als Provokation gewaltbereiter Fangruppen, weil am 12. Dezember die Vereine der ersten und zweiten Liga ihr von fast allen organisierten Fans kritisiertes Sicherheitskonzept beschließen wollen?

          Die Reaktion kommt nicht unerwartet. Sie ist unvernünftig. Sie kann den notwendigen Dialog und die Anerkennung von Rechtsvorschriften nicht ersetzen.

          Die Zeit wird knapp bis zu dem Termin. Noch scheinen sich die Klubs uneins. Denken Sie, der Fußball schafft es, dieser Verantwortung gerecht zu werden?

          Dieses Konzept kann nur der erste Schritt sein. Entscheidender ist die Umsetzung. Aber klar ist: Wir sind gefordert, die Politik hat uns gefordert, für die Sicherheit in den Arenen zu sorgen. Und weil ich ein Anhänger von Eigenverantwortung bin, müssen wir diesen Job erfüllen. Die Alternative wäre, dass uns die Politik die Spielregeln definiert. Dann hätten wir verloren.

          Fanorganisationen wie „Pro Fans“ oder „Unsere Kurve“, inzwischen akzeptierte Gesprächspartner, fordern mehr Zeit zur Diskussion des Sicherheitskonzeptes. Diese Gruppen betrachten auch die nach der Kritik überarbeiteten Entwürfe für das Papier als nicht tragfähig. Das erscheint nicht gerade vielversprechend.

          Ich bin ein Anhänger des Dialoges. Wir müssen die Kritik inhaltlich auch ernst nehmen. Es gibt jedoch Punkte, über die nicht geredet werden kann, zum Beispiel die Pyrotechnik. Sie ist gesetzlich verboten, das müssen die Fans akzeptieren. Und wir als Vereine müssen nach diesen Gesetzen handeln.

          Auch Vereinsvertreter monierten den ersten Entwurf des Sicherheitskonzeptes. Glauben Sie daran, dass am 12. Dezember von der Liga ein umfassender Katalog verabschiedet wird, der für alle Seiten annehmbar ist?

          Das erste Papier hat zu unterschiedlichen Diskussionen geführt. Das ist normal. Unerwartet war, dass Mitarbeiter von Vereinen, die an dem Entwurf mitgewirkt haben, dann in Opposition dazu gegangen sind. Das ist schon sehr ungewöhnlich. Wenn nun die Mehrheit der Vereine zu einer Entscheidung kommen sollte, dann wäre das zu respektieren.

          Haben Sie nicht die Befürchtung, dass am Ende eine umstrittene, nicht einhellige Entscheidung der Liga wieder für Konfrontation in der emotional geführten Diskussion sorgen würde?

          Wir sollten den Dialog weiter führen und den 12. Dezember als Entscheidungstag noch mal überdenken. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Termin wirklich sinnvoll ist. Aber Dialog ist keine Einbahnstraße. In Hannover wurde mir von unseren Fans gerade ein netter Brief geschrieben, in dem mir dann im Ergebnis mitgeteilt wurde, dass alles abgelehnt wird. So kann das nicht funktionieren.

          Sicherheitsexperten sähen als großen Fortschritt, wenn endlich ein für alle Seiten verbindlicher Fan-Kodex entwickelt würde, der eine Orientierung vorgäbe. Finden Sie auch?

          Ich kann das nur unterstützen. Beide Seiten würden dann in die formale, aber auch moralische Pflicht genommen werden.

          Heißes Eisen: Eine Lösung soll her - wie sie zu erreichen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander

          Aber der Grundton verschärft sich gerade wieder. Die Fanorganisation Baff spricht von einer Hysterie der Polizeigewerkschaften sowie der Innenminister und vermutet, dass dies ablenken soll von den Ermittlungspannen bei den Neonazi-Morden.

          Nein, einen Zusammenhang zwischen den Ermittlungspannen bei den Neonazi-Morden und den Problemen bei Fußballspielen kann ich nicht erkennen. Dass die Innenminister sehr sensibel sind und den einen oder anderen Vorfall überbewerten, will ich nicht ausschließen. Auf der anderen Seite erwarten auch wir als Vereine, dass die Polizei die Sicherheitsstrukturen sicherstellt. Das kostet Geld und belastet auch die Polizisten. Da haben wir eine Verantwortung gegenüber der Politik und den Polizisten. Wir haben doch gerade vergangene Woche in Hannover beim Europa-League-Spiel wieder erlebt, dass sehr viele Polizisten nötig waren, weil 300 Fans verrückt gespielt haben. Ich verstehe schon die Polizei und die Innenminister, dass sie irgendwann sagen: so nicht. Aber ich warne zugleich davor, solche Ereignisse überzubewerten. Die Zuschauerzahlen in der Bundesliga sind deutlich gestiegen, dadurch sind auch die absoluten Zahlen der Vorfälle hochgegangen. Relativ gesehen ist mit größter Wahrscheinlichkeit sogar ein Rückgang zu verzeichnen.

          Weitere Themen

          Deutscher Doppelsieg beim Ironman Video-Seite öffnen

          Hawaii : Deutscher Doppelsieg beim Ironman

          Jan Frodeno und Anne Haug durften sich über den Erfolg bei einer der schwersten Sportveranstaltungen der Welt freuen.

          Topmeldungen

          Präsident Erdogan erklärt sich gegenüber Journalisten.

          Krieg in Syrien : VW stellt Werk in der Türkei in Frage

          Eigentlich war die Sache in trockenen Tüchern, nahe Izmir wollte VW sein erstes türkisches Pkw-Werk errichten. Doch weil Erdogans Truppen in Nordsyrien einmarschiert sind und dort die Kurden bekämpfen, wachsen die Zweifel an der Standortentscheidung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.