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Dortmunder 3:2 im Spitzenspiel : Mit Höllentempo den Bayern enteilt

Glückliche Schwarz-Gelbe: Doppeltorschütze Reus (l.) und Witsel. Bild: Reuters

Der FC Bayern tritt in Dortmund auf wie ein Team von Format. Bis der BVB in der zweiten Halbzeit Tempo und Verwegenheit steigert und den hochklassigen Bundesliga-Gipfel noch dreht.

          „Die ganze Fußballwelt“, hatte Norbert Dickel vor dem Anpfiff gesagt, schaue auf dieses Stadion. Das schien ein wenig übertrieben vom Dortmunder Stadionsprecher, in Buenos Aires stand an diesem Wochenende schließlich Superclásico auf dem Programm, und auch ein bisschen näher dran, in Köln, konnte man sich nicht sicher sein, ob an einem Vorkarnevaltag mit acht Toren des Effzeh noch Kapazität für den Fußball der anderen blieb. Aber, klar: Eine solch prickelnde Erwartung lag lange nicht mehr über dem deutschen Klassiker zwischen der Dortmunder Borussia und dem FC Bayern, aber auch der Bundesliga insgesamt.

          Und wer es dann erlebte am Samstagabend, hautnah im Stadion oder, wo auch immer, an den Fernsehschirmen, dürfte hemmungslos in den Bann dieses rasanten, dramatischen, ja geradezu rauschhaften Spektakels gezogen worden sein. In dem es riskant gewesen wäre, auch nur für ein paar Sekunden nicht hinzusehen – weil einfach immer und überall etwas passieren konnte.

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          So wie in der 26. Minute, als Robert Lewandowski die Bayern in Führung brachte. Oder in den dramaturgisch dichten Minuten nach der Pause, als erst Marco Reus mit einem Foulelfmeter für die Borussia ausglich (49.), ehe Lewandowski, nur drei Minuten später, zum zweiten Streich des Tages ansetzte (52.). Und auch danach noch, als der BVB erst nahezu hundertprozentige Chancen nicht nutzte, dann aber doch noch zwei Mal zuschlug, erst durch Reus (67.), dann durch Paco Alcacer (73.).

          So dass die Tabelle nach diesem 3:2-Sieg tatsächlich die Borussia sieben Punkte vor den Bayern auswies, die sich in Dortmund zwar nach Kräften gewehrt hatten, am Ende aber zwei, drei Mal nicht mehr mit dem Höllentempo des BVB mitkamen und so in der Liga fürs Erste abgehängt dastehen.

          Mit Vorgeplänkel hielt sich niemand lange auf. Nach gerade einmal fünf Minuten hatten die Bayern schon drei Ecken zu Buche stehen, dazu eine vielversprechende Flanke von Alaba auf Gnabry. Und die Borussen erst. Hätten Sancho und Götze in verheißungsvollen Umschaltmomenten das Gespür für den Moment besessen, wäre der BVB-Express früh zwei Mal in deutlicher Überzahl Richtung Münchner Tor gerollt. Freie Bahn hatte wenig später dafür Reus, der Hummels den Ball frech vom Fuß stibitzte, dann aber zu schwach schoss, um Neuer zu bezwingen (10.).

          Was für ein Auftakt – zu dem auch gehörte, dass Lewandowski nach einer Viertelstunde die Rolle des Buhmanns für das Dortmunder Publikum übernommen hatte. Zwei Mal hatte der frühere BVB-Profi heftig reklamiert, einmal nach einem Duell mit Weigl im Strafraum (11.), einmal nach einem Körpereinsatz von Akanji (16.), doch Schiedsrichter Gräfe ließ sich zu Recht nicht aus der Ruhe bringen.

          Der lässige Siegtorschütze: Paco Alcacer Bilderstrecke

          Der Ton aber war nun gesetzt für dieses Spitzenspiel. Auf der einen Seite die eroberungslustigen Dortmunder, die es darauf auslegten, mit Hochgeschwindigkeit in den Rücken der Münchner Abwehr zu gelangen – es sah oft ebenso elegant wie einstudiert aus, wie Götze, Reus oder andere die Bälle in die Tiefe legten, in der Erwartung ihrer lossprintenden Kollegen. Trainer Favre hatte Torwart Bürki durch Hitz ersetzen müssen, außerdem brachte er etwas überraschend Weigl für Delaney an der Seite von Witsel in der Zentrale. Bei seinem bayerischen Gegenüber lag die Überraschung in der Konstanz.

          Kovac schickte dieselbe Elf aufs Feld wie beim 2:0 gegen AEK Athen. Nur, dass diese sich all ihre Spannkraft und Schärfe für den Bundesliga-Gipfel aufgehoben zu haben schien. Die Münchner, allen voran Uli Hoeneß, hatten sich ja freiwillig und strategisch nicht ungern in die Außenseiter-Rolle begeben. Wie ein solcher aber spielten sie nicht, sondern endlich mal wieder wie ein Team von Format. Das beste Beispiel dafür war Ribéry, der ein höchst lebendiges Beispiel dafür gab, dass man auch im fortgeschrittenen Fußballalter auf eine hohe Drehzahl und das nötige Tempo kommen kann. Der Franzose, 35 Jahre alt, schien geradezu die Uhr zurückdrehen zu wollen, so leidenschaftlich bearbeitete er seine linke Außenbahn, offensiv wie defensiv.

          Das Ergebnis all dieser Zutaten war ein brisantes, unter dem Kesseldruck des Publikums explosiv anmutendes Gemisch, bei dem Hochspannung herrschte angesichts der Frage, wo es zuerst zu einer Reaktion kommen würde. Und man musste sagen, dass die Bayern schon vor Lewandowskis Treffer der zündenden Formel immer nähergekommen waren. Doch das sollte längst nicht alles gewesen sein. Die zweite Hälfte begann mit einem Wechsel beim BVB, Dahoud kam für den blass gebliebenen Weigl, und Leuchtfeuern aus dem Münchner Fanblock. Es lag leichter Nebel über dem Rasen, als wenig später Sancho einen feinen Pass in den Strafraum spielte, Reus den Ball an Neuer vorbeilegte, und nach einer Berührung durch den etwas zögerlich wirkenden Münchner Torwart zu Boden ging – der Elfmeter ging in Ordnung, und Reus verwandelte sicher.

          Lange währte die Freude nicht, weil die Abwehr der Borussen nicht entschlossen gegen Gnabry und Kimmich zu Werke ging – Lewandowski hatte leichtes Spiel. Kimmich wiederum hatte kurz darauf Grund, eine Szene im eigenen Strafraum wie ein Tor zu feiern: als er einen Schuss von Reus auf der Linie blockte. Es war eine riesige, aber noch nicht die größte Ausgleichschance. Die vertat der gerade eingewechselte Paco Alcacer, der den Ball nur noch ins Tor hätte schieben müssen. Kann man solche Chancen vergeben, und doch noch etwas mitnehmen? Man kann, wie Reus und Alcacer der staunenden Fußballwelt zeigten. Wenn man solch ein Tempo und solch eine Verwegenheit besitzt wie dieser BVB.

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