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Leipzig-Trainer Ralf Rangnick : „Wir spielen nicht Monopoly, wenn wir aufsteigen“

Ältere Spieler, sagen wir mal mit 27 oder 28, haben auf Dauer in Ihrem System keine Chance?

Selbstverständlich können ältere Spieler auch in unserem System spielen. Das bedingt neben der fußballerischen Qualität aber auch die uneingeschränkte Lernbereitschaft und die richtige Einstellung. Grundsätzlich sind junge Spieler bedingungsloser bereit, sich in das Team einzubringen, alles dafür zu investieren. Das muss nicht, kann aber tendenziell bei einem erfahreneren Spieler schon mal ein bisschen anders sein, vor allem wenn er diese Art von Fußball in seiner bisherigen Karriere noch nicht gespielt und gespürt hat.

Ältere Spieler, die schon andere Erfahrungen gemacht haben, sind komplizierter zu führen und schwerer zu überzeugen als junge Akademiespieler?

Das ist vor allem so, wenn man Spieler mit 28 zum ersten Mal zu so einem Verein wie uns kommt. Dann kann es zu Problemen kommen. Da kann ein älterer Spieler schon sagen: „Weshalb rennen beziehungsweise sprinten die denn hier so viel? Die sind ja völlig verrückt! Das geht doch auch mit weniger.“ Wir haben aber mit Marvin Compper, Dominik Kaiser oder Stefan Ilsanker auch erfahrene Spieler bei uns. Marvin habe ich auch schon in Hoffenheim trainiert, da haben wir ähnlich gespielt. Tatsache ist, dass unsere Mannschaft extrem homogen und in sich stimmig ist, auch von der Altersstruktur her.

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Welche Nachteile haben ältere Spieler noch?

Rein wirtschaftlich betrachtet, macht es nur Sinn, bei einer Ablöse richtig Geld in die Hand zu nehmen, wenn es die Chance gibt, diesen Wert irgendwann mal zu steigern. Wenn du für einen 28-Jährigen zehn Millionen Ablöse zahlst, werden daraus normalerweise keine zwanzig Millionen mehr. Dann investierst du das Geld ausschließlich in den Erfolg mit diesem Spieler in den nächsten zwei, drei Jahren.

Sie waren einer der ersten Trainer, die den sogenannten Konzeptfußball in Deutschland spielen ließen, der sich immer stärker durchgesetzt hat. Kritiker sagen: Damit kann man zwar weit kommen, aber die entscheidenden Spiele auf Topniveau entscheiden dann doch die Stars und Individualisten, deren Fähigkeiten, sich nur bedingt trainieren lassen.

Der Begriff Konzeptfußball ist doch eigentlich auch irreführend. Was wäre denn das Gegenteil von Konzeptfußball: Fußball ohne Konzept? Aber schauen wir erst mal auf Deutschland. Die aggressive Raumdeckung hat sich in den letzten zehn Jahren durchgesetzt. Ich kann mich immer noch an Franz Beckenbauers alten Spruch Ende der 90er erinnern: „Viererkette, Verliererkette!“. In Hoffenheim hatten wir ab 2008 einen gewissen Anteil an extremen Pressingspiel in der gegnerischen Hälfte. Dortmund hat das dann perfektioniert und gezeigt, mit Spielern auf diese Weise Erfolg zu haben, die schon einen Namen hatten. Und mit Thomas Tuchel ist der BVB jetzt schon wieder dabei, aus den bestehenden Möglichkeiten mehr zu machen als die Konkurrenz. Wenn man schon den Begriff Konzeptfußball strapazieren möchte, dann ist das Konzeptfußball par excellence.

Wie konnte es dazu kommen, dass Trainer zu den Stars im Fußball wurden?

Die Aufgabe eines modernen Coaches, ob im Fußball, Handball oder im Management, ist Führung, Corporate Identity, Corporate Behaviour. Vor drei Wochen war ich bei einem Konzert von Zubin Mehta und Daniel Barenboim in der Berliner Philharmonie. Ich bin weit davon entfernt, ein Kenner der klassischen Musik zu sein, aber mir war nach fünf Minuten klar, dass ich an etwas ganz Besonderem teilhabe. Ich konnte hören und spüren, wie eine Gruppe von 100 hochbegabten Solisten zusammenspielt – und dass sie von zwei Menschen geführt wurden, die deren Klasse noch einmal in eine andere Dimension gehoben haben. Das war absolut faszinierend. Und auch in der klassischen Musik könnte man ja durchaus meinen: Die spielen alle so gut, dass es doch ganz egal ist, wer da vorne steht. Aber spätestens seit meiner Berlin-Erfahrung gibt es für mich keinen Zweifel mehr, dass der wichtigste Mann im Konzerthaus der Dirigent ist. Und so ähnlich ist es mittlerweile auch im Fußball.

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