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Bochum wirft Neururer raus : Schockwellen im Revier

  • -Aktualisiert am

Weltuntergangsstimmung im Revier: der VfL Bochum schmeißt Trainer Neururer raus Bild: dpa

Der VfL Bochum wirft Trainer Peter Neururer vor, dem Verein geschadet zu haben – und setzt ihn vor die Tür. Der Geschasste ist empört und schlägt zurück.

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          Dem Trainer Peter Neururer hat immer der Makel angehaftet, nur den schnellen, nicht aber den nachhaltigen Erfolg in einen Verein zu bringen – bis er zum ersten Mal nach Bochum kam. Vor mehr als zehn Jahren übernahm Neururer die Mannschaft während der Saison, führte sie zurück in die erste Liga und später in den europäischen Wettbewerb, der damals noch Uefa-Pokal hieß. Später, auch das gehört zu dieser Geschichte, ist er zum ersten Mal in seiner Karriere abgestiegen. Aber das war mehr den begrenzten Möglichkeiten des Klubs geschuldet als den branchenüblichen Abnutzungserscheinungen, wie die letzten Spieltage jener Saison belegten. Im Abstiegsjahr kam es zu einer einvernehmlichen Trennung, wobei sich so mancher in den Führungsgremien auch hätte vorstellen können, am Trainer festzuhalten. Am Dienstag hat sich der Zweitligaklub zum zweiten Mal von Neururer getrennt.

          Von dem Einvernehmen, das dem Publikum sonst häufig vorgespielt wird, ist dieses Mal nichts zu hören und zu lesen, und von gravierenden sportlichen Verfehlungen ist auch keine Rede. „Wir haben uns zu diesem Schritt entschlossen, weil das Auftreten und die in den vergangenen Tagen wiederholt getätigten Äußerungen von Peter Neururer aus unserer Sicht vereinsschädigendes Verhalten darstellen“, sagte Christian Hochstätter, Sportvorstand des VfL, am Dienstag. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Trainer sei nicht mehr möglich. Neururer reagierte empört. „Ich bin geschockt“, sagte er, die Vorwürfe seien „an den Haaren herbeigezogen“. Offenbar hatte er zu viel Verständnis dafür gezeigt, dass aus der Mannschaft Kritik am Aufsichtsrat laut geworden war, und sich auch mit Hochstätter angelegt.

          Einsamer Rufer: Peter Neururers Aus in Bochum wird von lauten Tönen begleitet.
          Einsamer Rufer: Peter Neururers Aus in Bochum wird von lauten Tönen begleitet. : Bild: dpa

          Nach dem 0:3 Ende November bei Tabellenführer Ingolstadt hatte Hochstätter von einem peinlichen Auftritt gesprochen, Neururer sich gegen eine solche Wertung aber verwahrt. Der Streit, zunächst unter den sportlich Verantwortlichen geführt, eskalierte weiter. Hans-Peter Villis, der Aufsichtsratsvorsitzende, sprach der Mannschaft „Mentalität, Leistung und Charakter“ ab. Diesem Vorwurf trat Andreas Luthe, Torwart und Kapitän des VfL, entgegen. „Wenn man solche Aussagen tätigt, dann sollte man sich vielleicht hier mal blicken lassen. Wenn man intern dabei ist bei der Mannschaft, kann man diese Aussage tätigen, wenn nicht, sollte man den Mund halten.“ Neururer stellte sich auf die Seite seines Kapitäns, offenbar in der Annahme, der Verein werde gegen diese Front aus Mannschaftsführer und Trainer nichts unternehmen. Damit hatte er einen weiteren Gegner im Aufsichtsrat.

          Machtkampf beim VfL Bochum

          Der Autor und Kabarettist Frank Goosen macht schon länger kein Geheimnis aus seiner Skepsis gegenüber Neururer. Villis, einst Spitzenmanager beim Energieunternehmen EnBw, entschied den Machtkampf für sich. Luthe musste sich entschuldigen, Neururer wurde entlassen. Das lässt, oberflächlich betrachtet, auf Führungsstärke schließen, muss aber nicht automatisch auf einen Befreiungsschlag für den Vereinsboss hinauslaufen. Villis trat vor einigen Jahren die Nachfolge des legendären Vereinspatriarchen Werner Altegoer an, der, auch aufgrund seiner Persönlichkeit, diesen kleinen Verein immer größer hat erscheinen lassen, als er war. Seit seinem Amtsantritt hat Villis öfter die Rückkehr in die erste Liga als Ziel definiert, schon um die Sponsoren bei Laune zu halten; den Eindruck, dass dahinter eine Strategie steckt, hat er nicht hinterlassen. Derzeit dümpelt die Mannschaft durch das Mittelfeld der zweiten Liga, so wie es ihrer Qualität zu entsprechen scheint.

          „Vereinsschädigendes Verhalten“: VfL-Sportvorstand Christian Hochstätter
          „Vereinsschädigendes Verhalten“: VfL-Sportvorstand Christian Hochstätter : Bild: dpa

          Neururer, einst als „Peter der Große“ gefeiert, wird daran nichts mehr ändern, aber er wird vorgehen gegen den Verein, auch wenn er bis zum Saisonende vertragsgemäß seine Bezüge erhält, wie Hochstätter versichert. Keinen seiner zahlreichen Klubs hat dieser Trainer mit so viel Herzblut trainiert wie den VfL Bochum. Umso mehr trifft ihn die Freistellung, die für ihn „nicht zu verstehen“ ist. Er habe einen Anwalt eingeschaltet, sagte er – „nicht, um gegen die Beurlaubung vorzugehen, gegen die ich nichts machen kann, sondern um mich gegen die Darstellung des Vereins zu wehren“.

          Als die Not so groß war wie noch nie in der zweiten Liga für Bochum, holte Villis den zu jener Zeit nicht mehr sonderlich gefragten Neururer zurück in den Profifußball. Und sah sich durch den Erfolg zunächst bestätigt. Neururer bewahrte Bochum vor dem Abstieg. Danach haben Trainer und Vereinsführung sich allmählich auseinandergelebt. Das kommt vor. Aber der Bochumer Weg in die Zukunft mutet kurios an. Der Aufsichtsrat des VfL lässt sich von Michael Meier beraten – von jenem Meier, der Borussia Dortmund (mit) an den Abgrund geführt hat.

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