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Zweite Liga : Wie Ingolstadt Richtung Bundesliga marschiert

Zurzeit haben die Ingolstädter fast wöchentlich Grund zum Jubeln Bild: dpa

Der FC Ingolstadt bahnt sich seinen Weg durch das Fußball-Unterhaus. Vor dem Topspiel gegen Kaiserslautern am Sonntag glänzt der Spitzenreiter mit mutigem Fußball. Und profitiert von Autoriese Audi.

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          „Richtig was los, diese Woche“, sagt Ralph Hasenhüttl. Sechs Journalisten warten auf ihn im kleinen Pressekonferenzraum. Plus einer zum Interview in seinem Büro. Der Pressesprecher verkündet für Sonntag erstmals in dieser Saison einen „fünfstelligen“ Besuch. Der FC Ingolstadt steht bereits als Herbstmeister der Zweiten Liga fest und empfängt den Zweiten, den 1. FC Kaiserslautern. Doch mehr als 10.000 Zuschauer sind immer noch eine Nachricht rund um den „Audi-Sportpark“.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Er sei „nicht überrascht, dass das Stadion noch nicht voll ist“, sagt Hasenhüttl. „Wir müssen uns Stück für Stück das Vertrauen zurückholen, das in den letzten Jahren verspielt wurde.“ Der 47-jährige Österreicher übernahm den Klub im Oktober 2013 am Tabellenende und schaffte eine erstaunliche Wende. Von Platz 17 führte der Weg am Saisonende auf Platz zwölf – und nun auf Platz eins. Dabei hatte nicht mal Hasenhüttl selbst sein Team vor der Saison als Aufsteiger getippt. Keiner der 18 Zweitligatrainer hatte das, worüber er sich „riesig froh“ zeigt. „Die Traditionsvereine tragen schwer an ihren Rucksäcken“. Er dagegen könne „ohne Nebengeräusche“ arbeiten.

          Das Saisonziel hieß: einstelliger Tabellenplatz. Was Platz eins ja nicht ausschließt. Nun sagt Hasenhüttl: „Wir müssen uns nicht kleiner machen, als wir sind.“ Und: „Wenn wir den Aufstieg schaffen, sind wir auch bereit für die Bundesliga.“ Schließlich gibt es zwei andere, die bewiesen haben, dass man auch mit Zweitligamitteln aufsteigen und in der ersten Liga eine gute Figur abgeben kann. „Der FC Augsburg ist ein Vorbild für die Zweite Liga, er zeigt, dass jeder Verein das erreichen kann“, sagt der FCI-Trainer. Und Aufsteiger wie der SC Paderborn seien „die Würze der Bundesliga – wenn sie zeigen, dass die Kleinen den Großen ein Bein stellen können“.

          Hinterseer – das Schnäppchen der Saison

          Auch Ingolstadt, vom Budget her im Mittelfeld der Zweiten Liga, gelang der Aufschwung nicht mit Investitionen in Transfers, sondern in Laufbereitschaft. Und in einen mutigen, vorwärts verteidigenden Stil, bei dem sich Hasenhüttl an Kollegen wie Jürgen Klopp orientiert hat. „Die Intensität des Spiels hat zugenommen. Es wird immer verschleißträchtiger“, sagt er. „Auch deshalb ist Jugend mittlerweile ein Qualitätsmerkmal für Fußballer.“ Jung, hungrig und lernfähig sollen sie sein für modernen Eroberungsfußball. Deshalb habe man „bewusst Spieler verpflichtet, die noch nicht alles erreicht haben“.

          Mit ihm kam der Erfolg nach Ingolstadt: Trainer Ralph Hasenhüttl
          Mit ihm kam der Erfolg nach Ingolstadt: Trainer Ralph Hasenhüttl : Bild: dpa

          Spieler wie Lukas Hinterseer. „Die Bundesliga ist natürlich ein Traum“, sagt der Stürmer. „Aber es ist noch ein langer Weg.“ Der 23-jährige Österreicher machte anders als Großvater Ernst, Slalom-Olympiasieger von 1960, und Onkel Hansi, später als Volksmusikant erfolgreich, keine Karriere als Skifahrer, sondern als Fußballer. Er kam ablösefrei aus Innsbruck und wurde das Schnäppchen der Saison. Drei seiner sechs Treffer führten zu 1:0-Siegen. Auch die interne Hit-Liste der Trikotverkäufe führt Hinterseer an. Dass er ständig auf den Onkel angesprochen wird, ringt ihm inzwischen nur noch ein gequältes Lächeln ab. „Noch fünf bis zehn Tore“, glaubt er, „dann wird das mit der Hansi-Frage aufhören.“

          Optimale Trainingsbedingungen

          Das mit der Audi-Frage nicht. Den Trainer nervt sie. „Wir verstehen uns nicht als Werksklub und nicht als Traditionsklub“, sagt Hasenhüttl über den FC Ingolstadt 04, gegründet 2004 als Zusammenschluss zweier zerstrittener Altvereine. „Wir sind ein sehr junger Klub mit einer Vision“. Im Spannungsfeld zwischen kriselnden Traditionsvereinen und fremdfinanzierten Emporkömmlingen sieht er den FCI außen vor: „Unser Modell ist ein anderes als das von RB Leipzig, wir sind selbstbestimmt“, so der Trainer.

          „Wer uns Schlechtes will, wirft uns mit solchen Klubs in einen Topf. Wer genau hinsieht, merkt schnell, dass das nicht zutrifft.“ Wobei das mit der Selbstbestimmung nicht immer so ganz überzeugend wirkt. Audi tritt als Sponsor auf, ist aber deutlich mehr. Die Firma hält über eine Tuning-Tochter 19,94 Prozent der Anteile an der Fußball GmbH, deren Aufsichtsrat von Audi-Leuten dominiert wird. Im Zentrum des offiziellen Mannschaftsfotos steht kein Fußballer, sondern ein Auto. Und vor kurzem war Hasenhüttl mit seinem Jung-Regisseur Pascal Groß zum regelmäßigen „Pausenbesuch“ im Werk, diesmal bei den Blechschlossern der Abteilung Werkzeugbau.

          Mutig und mit Offensivdrang: So spielt Tabellenführer Ingolstadt
          Mutig und mit Offensivdrang: So spielt Tabellenführer Ingolstadt : Bild: dpa

          Bisher hat der Auto-Riese, der den FC Bayern als Premium-Engagement und den FC Ingolstadt als „Standort-Marketing“ betreibt, Budget und Kader nicht bezuschusst. So gab der Klub seit dem Wiederaufstieg 2010 insgesamt nur 2,5 Millionen Euro für neue Spieler aus, holte davon 1,7 Millionen durch Verkäufe wieder herein. Doch bezahlte Audi die neue Trainingsanlage und das Stadion, das 15.800 Zuschauer fasst und auf 30.000 ausgebaut werden kann.

          Diese Arbeitsbedingungen waren ein Anreiz für Hasenhüttl, nachdem er in Aalen keine großen Optionen mehr sah. „Dort hatten wir als Trainingsmöglichkeit im Winter eine kleine, unbeheizte Halle. Hier habe ich einen beheizten Rasenplatz. Mehr brauche ich nicht, außer einer Mannschaft mit ein bisschen Potential und Phantasie.“ Er ist seit 16 Jahren in Deutschland, will „im Land des Weltmeisters meinen Weg gehen“. Er stieg mit Köln 2000 in die Bundesliga auf, war dann aber, mit 35 Jahren, so unvorsichtig, als letzte Station der Spielerkarriere die zweite Mannschaft des FC Bayern zu wählen, mit dem legendären Schleifer Hermann Gerland. „Er fragte mich vorher, ob ich laufen kann. Und ich sagte auch noch ja“, erinnert sich Hasenhüttl. „Ich konnte ja nicht wissen, dass er unter Laufen etwas ganz anderes versteht als ich.“

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