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RB Leipzig : Fußball aus der Dose

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Nächste Ausfahrt Bundesliga? RB Leipzig strebt nach oben. Bild: picture alliance / dpa

An RB Leipzig scheiden sich die Geister – der Klub des Brauseherstellers Red Bull reizt die Branche wie kein anderer. Langfristig will er die Bayern herausfordern. Am Samstag startet er erstmal in die zweite Bundesliga.

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          Ralf Rangnick hebt noch nicht einmal die Stimme: „Wir ignorieren das alles, was sollten wir auch sonst tun?“, sagt er in aller Gelassenheit. Seit Sommer 2012 leitet der frühere Trainer des VfB Stuttgart, der TSG Hoffenheim und von Schalke 04 als Sportdirektor die Fußballprojekte von Red Bull in Österreich und Deutschland. In diesen zwei Jahren wurde er mit Kritik, Ablehnung, Wut und manchmal sogar Hass konfrontiert. Weniger in Salzburg. Österreich ist die Heimat von Dietrich Mateschitz, dem Besitzer des Brause-Imperiums. Seine Investition hatte für viele Fußballfreunde einen patriotischen Aspekt, schließlich brachte sie den österreichischen Vereins-Fußball zurück auf die europäische Landkarte. Die Erfolge von Red Bull in der Europa League erfüllen auch Landsleute mit Stolz, die jenseits von Salzburg leben und ansonsten neidvoll auf den Klub schauen.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          Auf RB Leipzig ist niemand außerhalb der Region stolz, und selbst im Stadtgebiet schlägt dem Verein bei vielen Ablehnung oder zumindest Unbehagen entgegen. Geld stinkt, vor allem, wenn es aus der Dose kommt – viele meinen das. An diesem Samstag um 13 Uhr (Live bei Sky und im 2. Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) beginnt für Aufsteiger RB Leipzig die Saison der Zweiten Bundesliga mit dem Heimspiel gegen den VfR Aalen – Aalener Ultras haben zum Boykott des Spiels aufgerufen: „Für uns ist mit dem Aufstieg von RB Leipzig nun endgültig die dunkelrote Linie überschritten. Wir sind nun erstmals direkt betroffen und nicht gewillt tatenlos zuzusehen und in Leipzig zur Tagesordnung überzugehen. Wir verspüren keinerlei Interesse den, per DFB und DFL scheinheilig durchgemogelten, Affront gegen das Vereinswesen von unserer Seite aus zu legitimieren.“

          Die Stellungnahme der Aalener „Crew Eleven“ ist längst nicht der einzige Aufruf zum Widerstand. Fanvereinigungen in vielen Zweitliga-Städten forderten schon zum Bemalen von Transparenten auf: „Mit Herz gegen den Kommerz“ oder „Tradition kann man nicht kaufen“ soll auf ihnen stehen. Andere Fanklubs haben die Sportliche Führung ihres Lieblingsvereins aufgefordert, keine Freundschaftsspiele mit den Leipzigern auszutragen. Termine wurden daraufhin abgesagt. Der Zweitliga-Neuling bestritt in der Vorbereitung Testspiele gegen Gegner wie Paris St. Germain, Queens Park Rangers und den FC Getafe, aber gegen keinen einzigen Klub der Bundesliga oder zweiten Liga. „Das ist halt so, dann spielen wir eben gegen ausländische Klubs“, sagt Rangnick. Er konzentriert sich ganz auf die sportliche Entwicklung seines Projektes, und die könnte leiden durch jeden Kommentar, der die Feindseligkeiten gegenüber RB Leipzig befeuern könnte.

          RB-Sportdirektor Ralf Rangnick nimmt die Kritik gelassen hin.
          RB-Sportdirektor Ralf Rangnick nimmt die Kritik gelassen hin. : Bild: dpa

          Die Vorbehalte sind riesig, seitdem 2009 RB Leipzig gegründet wurde. RB steht natürlich für Red Bull, heißt aber Rasenball, weil Sponsoren nicht mehr im Vereinsnamen auftauchen dürfen. Der Konzern setzte seinen Entschluss, über den Fußball die Marke auf dem deutschen Markt noch besser zu positionieren, mit einer bis dahin unbekannten Konsequenz um. Einen eigenen Verein hatte noch kein Sponsor aus der Taufe gehoben, ihm ein Emblem gegeben, das dem Firmen-Logo zum Verwechseln ähnlich sieht, und dann den Vorstand fast ausschließlich mit Managern des Unternehmens besetzt. Vereinsmitglieder waren nicht willkommen.

          Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) störte sich an diesem Konstrukt und verweigerte RB Leipzig nach dem sportlichen Aufstieg zunächst die Lizenz für die zweite Liga. Schnell wurde ein Kompromiss gefunden. RB Leipzig holte neue Leute in den Vorstand, erweiterte die Vereinsführung durch ein neues Gremium, entwarf ein neues Logo und erfand den Begriff des Förderfans, der für ein paar Hundert Euro in den Genuss von verbilligten Eintrittskarten oder anderen Goodies kommt, aber kein Stimmrecht bei Mitgliederversammlungen erhält. Das genügte der DFL an Öffnung. An der Tatsache, dass RB Leipzig ein reines Marketing-Tool von Red Bull ist – gegründet, finanziert und kontrolliert vom Unternehmen –, hat sich durch die Retuschen nichts geändert.

          Aber ist das so schlimm, wie einige behaupten, darunter ernstzunehmende Menschen wie der Vorstandsvorsitzende von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, oder der Trainer des SC Freiburg, Christian Streich? Ist es so schlimm, dass ein Konzern den Fußball für sich entdeckt hat, einen deutschen Standort wählt, dort einen Verein gründet, eine Infrastruktur aufbaut und mit großem finanziellen Einsatz und viel Fachwissen in die Bundesliga strebt?

          Kritiker sehen die Chancengleichheit in Gefahr

          Watzke, Streich und andere Kritiker fürchten die Gefahr, verdrängt zu werden von einem Mitbewerber, der sein Geld nicht aus dem Wettbewerb (Fernseh-, Sponsor- und Marketingeinnahmen) heraus generieren muss, sondern vorab zur Verfügung gestellt bekommt. Wo bleibt da die Chancengleichheit? Eine Frage, die in der freien Marktwirtschaft ansonsten keine große Bedeutung hat. Der Trend, dass Konzerne oder auch andere Institutionen, Fußballklubs quasi übernehmen, ist nicht neu und auch nicht aufzuhalten. Manchester City, der FC Chelsea, Juventus Turin, Schachtjar Donezk, Paris St.Germain, der VfL Wolfsburg, FC Ingolstadt das sind nur einige Beispiele, wo Fußball durch Milliardäre, Oligarchen oder Unternehmen finanziert und bestimmt werden.

          Ambitionierter Bayern-Jäger: Geldgeber und Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz
          Ambitionierter Bayern-Jäger: Geldgeber und Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz : Bild: dpa

          Dafür, dass Red Bull sein Geld richtig einsetzt, ist Sportdirektor Rangnick zuständig, der schon einmal ein vergleichbares Fußball-Projekt geleitet hat – das des Milliardärs Dietmar Hopp in Hoffenheim. Er verfolgt seine Aufgabe mit dem selben Konzept, das den Dorfverein von der Regionalliga in die Bundesliga brachte. Die bestmöglichen Rahmenbedingungen schaffen, das bestmögliche Personal für die Betreuung und die Organisation verpflichten und dann eine junge, einsatzwillige Mannschaft entwickeln, die seinen Fußball spielt: offensiv und mutig, mit extremem Pressing und einem Umschaltspiel, bei dem Quer- und Rückpässe verpönt sind. Rangnick investiert die Millionen, die ihm zur Verfügung gestellt werden, nicht in etablierte Spieler, sondern in Talente mit Perspektive. Stark am Ball und willens, sich für das Team die Hacken wund zu laufen, um das extreme Forechecking effektvoll betreiben zu können.

          RB Leipzig erinnert an die TSG Hoffenheim

          Das Leipziger Zweitligateam ähnelt in der Zusammensetzung und der Spielidee dem Hoffenheimer Zweitligateam von 2007 wie ein eineiiger Zwilling. Damals marschierte der Aufsteiger direkt in die Bundesliga. Das verlangt Rangnick nun nicht: „Natürlich ist die erste Liga langfristig unser Ziel, aber ich kann keinen Aufstieg erzwingen, dann müssten wir wirklich so vorgehen, wie uns die Kritiker vorwerfen, nämlich wie zum Beispiel Paris St. Germain einige Stars kaufen. Unser Weg ist die Nachhaltigkeit, und wenn das dazu führt, dass man ein Jahr länger braucht oder zwei, dann ist das halt so.“

          Der Leipziger Spielerkader weist manchen für Zweitligaverhältnisse teuren Profi auf, aber keinen mit großem Namen – mit einer Ausnahme. Seit Sommer spielt Khedira für RBL, aber nicht der Nationalspieler Sami, sondern dessen jüngerer Bruder Rani. Für ihn musste Leipzig eine Million Euro überweisen. Die anderen Investitionen im vergangenen Jahr, die Ablösesummen zwischen zwei Millionen und einer halben Million Euro kosteten, heißen Yussuf Poulsen, ein dänischer Junioren-Nationalspieler, Terrence Boyd, ein amerikanischer Nationalspieler, der von Rapid Wien verpflichtet wurde, Zsolt Kalmar, ein ungarischer Nationalspieler von Györ, Federico Palacios, deutscher Junioren-Nationalspieler vom VfL Wolfsburg und Joshua Kimmich, deutscher Junioren-Nationalspieler vom VfB Stuttgart. Ihr Durchschnittsalter zum Zeitpunkt der Verpflichtung liegt knapp unter 21 Jahren, das Durchschnittsalter des gesamten Kaders bei 23,5 Jahren. Kein Team weist weniger Zweitliga-Erfahrung auf.

          Auffällig ist auch das österreichische Element in Leipzig mit Hoheneder, Hierländer und Teigl. Das ist nur logisch, weil das Fußball-Projekt von Red Bull sich nicht nur auf Leipzig erstreckt, sondern in Salzburg quasi seinen Stammsitz hat. Zum weltumspannenden Konzept gehören zudem Red Bull New York sowie Fußball-Akademien in Brasilien und Ghana. Rangnick ist für Deutschland und Österreich zuständig, und selbstverständlich nutzt er die Synergien, die sich aus zwei Vereinen mit vier Mannschaften ergeben, nicht nur bei der Buchung von Trainingslagern oder der Verpflichtung von Begleitpersonal wie Assistenztrainern, Scouts, Videoanalysten oder Ernährungsberatern. RB Leipzig 1 spielt in der zweiten Liga, RB Leipzig 2 in der Oberliga, Red Bull Salzburg in der österreichischen Bundesliga und das Farmteam FC Liefering in der zweiten Liga.

          Achtungszeichen: In einem Testspiel schlug Leipzig den französischen Topklub Paris St. Germain 4:2.
          Achtungszeichen: In einem Testspiel schlug Leipzig den französischen Topklub Paris St. Germain 4:2. : Bild: dpa

          Spieler werden zwischen den Mannschaften transferiert oder ausgeliehen. Rangnick nutzt alle Möglichkeiten, die ihm die Statuten einräumen. Zum Beispiel konnte er seinen Kandidaten für Salzburg, den österreichischen Nationalspieler Marcel Sabitzer, nicht direkt vom Ligakonkurrenten Rapid Wien verpflichten, weil der Spieler noch unter Vertrag stand und eine Ausstiegsklausel nur für das Ausland galt. Also kaufte er Sabitzer für RB Leipzig und verlieh ihn sofort weiter an Salzburg. Auch der belgische Juniorennationalspieler Massimo Bruno kam noch nicht in Leipzig an, das fünf Millionen Euro für ihn an den RSC Anderlecht überwies, sondern fuhr direkt nach Salzburg. Dort kann er die internationale Erfahrung sammeln, die er dann gebrauchen kann, wenn Leipzig in der Bundesliga spielt. Das Vorgehen ist mit Bruno abgestimmt.

          RB wirkt nicht mehr wie ein Fußball-Ufo

          Rangnick macht keinen Hehl daraus, dass alle mittelfristigen Planungen in Leipzig auf die Bundesliga hinauslaufen. Sein Chef Dietrich Mateschitz sagte in einem Interview mit der „Rheinischen Post“ auf die Frage, ob RBL einmal mit den Bayern und Dortmund konkurrieren solle: „Wenn wir das nicht irgendwann einmal wollten, sollten wir den Fußball besser an den Nagel hängen.“ Kleinere Ziele wären bei der Höhe der Investitionen auch unverständlich. Alleine für das Nachwuchsleistungszentrum, das in Leipzig entsteht, gibt Red Bull gut 30 Millionen Euro aus. Alle talentierten Jugendspieler in einem Umkreis von 200 Kilometer sollen eine Anlaufstelle haben. Kompetente Jugendarbeit, RBL wurde mit einigen seiner Junioren-Teams in der abgelaufenen Saison Meister, bringt nicht nur den ein oder anderen Profi hervor, sondern insgesamt eine Qualitätssteigerung der Ausbildung im sächsischen Fußball, von der auch andere, kleinere Vereine profitieren.

          Zuschauermagnet: Die RB-Spiele zogen zuletzt bis zu 40.000 Fans an.
          Zuschauermagnet: Die RB-Spiele zogen zuletzt bis zu 40.000 Fans an. : Bild: dpa

          Durch viele Aktionen, in Schulen, auf der Straße sowie im und am Stadion, ist RB den Leipzigern näher gekommen. RB wirkt nicht mehr wie ein Fußball-Ufo, das sich Leipzig als Landeort ausgesucht hat, sondern beginnt, menschlich zu werden. Zwar nicht für jeden – es gibt genug Traditionalisten, die weiter den alten Klubs 1. FC Lokomotive oder FC Sachsen Leipzig huldigen und niemals einen Fuß ins WM-Stadion setzen würden, wenn RB spielt. Und es gibt auch die Verblendeten, die Fußballfans jagen oder auch nur verachten, weil sie als RB-Anhänger bekannt sind. Doch es entsteht eine eigene Fankultur. Zu den beiden entscheidenden Heimspielen in der Schlussphase der dritten Liga pilgerten zusammen mehr als 80.000 Zuschauer ins Stadion. In der Vorbereitung auf die zweite Liga wollten 37.000 Besucher dabei sein, um zu sehen, wie sich RBL gegen Zlatan Ibrahimovic und Paris St. Germain aus der Affäre zieht. Die Leipziger gewannen 4:2. Es war ein Vorgeschmack darauf, was aus RBL alles werden könnte.

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