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1. FC Nürnberg vor Relegation : Erst Aufstiegsambitionen, jetzt Abstiegssorgen

  • -Aktualisiert am

Anweisungen gegen den Abstieg: Die Mannschaft des 1. FC Nürnberg vor den Relegationsspielen gegen Ingolstadt mit Interimscoach Michael Wiesinger Bild: Imago

Der 1. FC Nürnberg wollte in die Bundesliga aufsteigen. Doch der völlig verunsichert wirkenden Mannschaft fehlte zuletzt: alles. Jetzt muss der „Club“ in der Relegation den Abstieg verhindern – mit Hilfe alter Helden.

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          Stolze 120 Jahre alt ist der 1.FC Nürnberg im Mai geworden, der Verein blickt auf eine große Historie zurück. Mit neun Titeln durfte sich der „Club“ bis 1987 „deutscher Rekordmeister“ nennen, seither sind neue Rekorde meistens keine, die man auf Wimpel druckt. Neun Abstiege aus der Fußball-Bundesliga sind es bisher zum Beispiel, jetzt erlebt Nürnberg die längste Saison der Vereinsgeschichte – wofür der „Club“ allerdings (fast) nichts kann, das Coronavirus lähmte alle.

          Besonders gelähmt allerdings kehrte Nürnberg aus der Zwangspause zurück, weshalb die triste Spielzeit, begonnen mit dem Auftakt-Training am 21. Juni 2019, auch nach einem Jahr und 15 Tagen noch immer nicht beendet ist. In zwei Relegationsspielen gegen den Drittliga-Dritten FC Ingolstadt muss die mit Aufstiegsambitionen gestartete, aber auf Rang 16 der 2. Bundesliga eingetroffene Mannschaft den Absturz in die Drittklassigkeit verhindern. Es wäre Nürnbergs zweiter nach 1996, als es hinab in die Regionalliga Süd ging, und der zweite hintereinander, erst 2019 war der „Club“ aus der Bundesliga abgestiegen.

          2. Bundesliga

          Wie es so weit kommen konnte, soll analysiert werden, wenn das Nachspiel vorüber ist, vorerst gilt alle Aufmerksamkeit dem Hinspiel gegen Ingolstadt an diesem Dienstag in Nürnberg (18.15 Uhr, live im ZDF und im F.A.Z.-Liveticker zur Relegation). Geht es am Ende schief, sind nach dem Rückspiel am Samstag nicht nur die Tage des erst im April 2019 von Fortuna Düsseldorf geholten Sportvorstands Robert Palikuca gezählt. In der Kritik steht mittlerweile auch der Aufsichtsrat, jenes ehrenamtlich tätige Gremium, das, nach dem gelungenen Kraftakt der finanziellen Konsolidierung, Palikuca das sportliche Schicksal des vorübergehend nahe am Konkurs gewandelten Vereins anvertraute – und miterleben musste, wie keines der Planspiele Palikucas aufging. So sehen die Vereinsfarben im Sommer 2020 aus: Zuletzt endlich wieder schwarzen Geschäftszahlen steht sportlich die Alarmstufe Rot gegenüber. Der Abstieg wäre ein Sturz ins beinahe Bodenlose; die Einnahmen allein aus den TV-Geldern würden um rund neunzig Prozent sinken.

          Der erste Trainer, der gehen musste: Damir Canadi

          Zwar waren die meisten Branchenvertreter und fast alle medialen Beobachter durchaus angetan von Palikucas Umbauarbeiten im vergangenen Sommer, zum ersten Training empfingen 2000 Fans die Fußballer mit viel Beifall, der Verein sah sich gut aufgestellt, aber das blieb Theorie. In der Praxis wurde aus den verbliebenen Bundesliga-Aufsteigern von 2018 und mehr als einem Dutzend im Grunde vielversprechenden Neuzugängen nie eine Mannschaft. Der Wiener Damir Canadi, geholt als Palikucas Wunschtrainer, musste schon nach vier Monaten gehen.

          Der Nachfolger sollte es richten. „Natürlich steigen wir nicht ab“, versprach Jens Keller in der Winterpause, aber je länger die Saison dauerte, desto trauriger sah Nürnberg aus (und desto ratloser Keller). Am Ende ging es auch im Anspruch stark abwärts, Keller sollte nur noch irgendwie die Klasse halten, aber dem einzigen Sieg nach der pandemiebedingten Pause, einem 6:0 über den SV Wehen in Wiesbaden, folgte ein erschütterndes 0:6 gegen den VfB Stuttgart, womit das 1:1 zum Abschluss in Kiel zu wenig war.

          Der völlig verunsichert wirkenden Mannschaft fehlte: alles. Jede Struktur im Spiel, aber vor allem jener Esprit, mit dem sich die Bundesliga-Aufsteiger in die Herzen des Anhangs gespielt hatten. Dass nicht passieren kann, was nicht passieren darf, wirkte wie die einzig verbliebene Idee, als auch die nicht aufging, musste der bis dahin von Palikuca mit eher inhaltsleeren Ermutigungen gestützte Keller gehen – mit einer noch etwas schlechteren Bilanz als Canadi.

          Der zweite Trainer, der gehen musste: Jens Keller

          Die Kunst der Verdrängung hatte an den Rand des Abgrunds geführt, für ein entschlossenes Handeln war es zu spät, weshalb sich der Aufsichtsrat und Palikuca auf eine in der Vergangenheit schon wiederholt und bisher stets erfolglos eingeübte Verlegenheitslösung einigten: auf Nothelfer aus dem eigenen Haus, in den Relegationsspielen betreuen Michael Wiesinger, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, und Marek Mintal, Trainer der U21 in der Regionalliga, die strauchelnden Fußballer.

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          „Herzblut“, sagt Wiesinger, brauche es für diese Not-OP, dass er es mitbringt, steht außer Frage. Als Profi erlebte Wiesinger jene sechs Jahre auf dem Platz mit, die von der Bundesliga in die Regionalliga und zurück führten. Später war er U-21-Trainer und für zehn Monate, bis Oktober 2013, Cheftrainer der Bundesliga-Profis. Marek Mintal kennt in Nürnberg jeder, er prägte als Torjäger und größter Publikumsliebling der Neuzeit eine mit dem DFB-Pokalsieg 2007 gekrönte Ära. „Die zu finden, die durchs Feuer gehen“, gelte es jetzt, sagt Wiesinger, der Optimismus und Entschlossenheit betont vorlebt. „Felsenfest überzeugt“, sagt er, sei er vom Gelingen der Mission, die für ihn, so oder so, mit dem Rückspiel endet.

          Geht es tatsächlich gut, könnte der künftige Cheftrainer Marek Mintal heißen, der Slowake bringt gleichermaßen Ehrgeiz wie eine unerschütterliche, weit ins Selbstlose reichende Vereinsliebe mit und steht in Person für das, worauf sie im „Club“ noch stolz sind. Viel ist nicht mehr übrig davon.

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