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2:2 in Stuttgart : Bayern kurzzeitig Tabellenführer und dennoch traurig

  • -Aktualisiert am

Unentschieden: Stuttgart klaut Bayern einen Punkt Bild: REUTERS

Dramatisches Spiel in Stuttgart: Erst drehen die Bayern einen Rückstand zur 2:1-Führung, dann raubt Sami Khedira den Bayern den Spaß und letztlich die Herbstmeisterschaft. Der bayrische Trainer der Schwaben darf jubeln, der schwäbische Coach der Bayern trauert.

          Torwart? Den Verhüterposten ließ Jens Lehmann am späten Samstagnachmittag weit hinter sich. Er mutierte in den letzten fünf Minuten dieses Bundesliga-Duells zum Angreifer. Gleich dreimal tauchte der Schlussmann des VfB Stuttgart in dem grellgrünen Pullover bedrohlich nah vor dem Träger des gelben Trikots, seinem Münchner Kollegen Michael Rensing, auf.

          Ein Alarmzeichen, da es der sperrige Lehmann war, der am 19. Dezember 1997 als erster Bundesliga-Keeper ein Tor aus dem Spiel heraus erzielt hatte - damals als Schalker im Ruhrgebietsklassiker bei Borussia Dortmund. Lehmann also kann nicht nur Tore verhindern, und seine Körpersprache, das wissen seine stürmischen Widersacher, kann bedrohlich wirken.

          Im Tor statt im Neckar

          Am Samstag war Lehmann bei seinem dritten Anlauf, gemeinsam mit dem VfB den 1:2-Rückstand gegen den deutschen Fußballmeister wettzumachen, am Ziel. Rensing hatte einen Stuttgarter Eckball in letzter Minute nur abgeklatscht, der überragende Khedira, der schon das 1:0 des VfB (45.) per Kopf erzielt hatte, holte mit dem rechten Fuß zu einem Drehschuss aus, und der Ball flog im hohen Bogen ins Netz: 2:2, es war der plötzliche Tod aller bayerischen Siegeszuversicht in der ausverkauften Mercedes-Benz-Arena. „Der Ball“, gestand der Schütze später, „hätte genauso im Neckar landen können.“

          Jubel über den Ausgleich: Torschütze Borowski im Kreis seiner Kameraden

          Als die Schwaben und ihre Fans danach ihren explosiven Glücksmoment berauscht wie ein Silvesterfeuerwerk feierten, krabbelte Rensing noch auf dem welligen Rasen des Stadions mit Lehmann herum. Der war nach Rensings missglückter Parade über den Münchner gestürzt und tröstete den jugendlichen Nachfolger von Oliver Kahn danach erleichtert und gentlemanlike. „Er hat gut gehalten“, lobte der 39 Jahre alte Altmeister den traurigen Rensing und schwärmte dann wie ein Jüngling über die Dramaturgie dieses letzten Stuttgarter Bundesliga-Akts im alten Jahr. „Es war Action und Unterhaltung. Heute konnte ich mich bewegen, heute hat's mir Spaß gemacht, obwohl ich zwei Tore - durch Borowski (48.) und Toni (66.) - gekriegt habe.“

          „Zum Abschluss eine tolle Leistung“

          So vergnügt die VfB-Profis das Finale dieser in den letzten Minuten zugespitzten Auseinandersetzung kommentierten, so missgelaunt reagierten die Bayern auf die Umstände dieses Unentschiedens. Zwar eroberten sie erstmals in der Hinrunde für 24 Stunden die Tabellenführung, die sie dann am Sonntag an den Herbstmeister aus Hoffenheim wieder abgeben mussten, doch dieser Titel ohne besonderen Wert interessierte in Stuttgart sowieso keinen Münchner. „Zum Abschluss eine tolle Leistung, das ist für mich viel wichtiger“, sagte Manager Uli Hoeneß.

          Bei aller Dennoch-Zufriedenheit über die Leistung der Münchner schimmerte durch die vor allem von Hoeneß vorgetragenen Münchner Protestnoten gegen den Stuttgarter Ausgleich („nicht ganz sauber“), gegen den Platzverweis für Massimo Oddo nach grobem Foulspiel an Christian Träsch (85.) („habe ich nicht verstanden“) und gegen die Terminierung dieses Spiels auf den Samstag statt auf den Sonntag („absoluter Witz“) vor allem der Zorn auf die unabänderliche Macht des Schicksals.

          Denn weder war Rensing von Lehmann mit einem Foul daran gehindert worden zu fausten, statt den Ball abklatschen zu lassen, noch konnte Oddos Fehltritt gegen Träsch mit dem Hinweis auf fehlende Absicht ungeschehen gemacht werden, noch verfing das Argument der rücksichtslosen Spielansetzung, da der Champions-League-Teilnehmer Bayern wie gewohnt auch diesmal samstags in der Liga gefordert war. Lyon war drei Tage her - Zeit genug zu regenerieren für eine Mannschaft, die eine Woche zuvor nach ihrem Last-Minute-Sieg über Hoffenheim ob ihrer Fitness in den höchsten Tönen gelobt worden war.

          Rensings Schwäche bei hohen Bällen

          Fernab der Aufgeregtheiten im Bauch der Stuttgarter Arena urteilte Bayern-Präsident Franz Beckenbauer im Premiere-Fernsehstudio geradezu weise über die letzte Vorstellung des Meisters in diesem Jahr. Er beurteilte die abschließende Gesamtleistung der Bayern, die der aufgeregte Hoeneß mit dem rosarot getönten Blick auf die zweite Hälfte als „sagenhaft“ einstufte, als „mittelmäßig“. Zum späten Ausgleich des VfB sagte er lapidar: „So gleicht sich alles wieder aus - im Leben und im Fußball.“ Und zu Rensings untauglichem Klärungsversuch merkte er an: „Seine Schwächen bei hohen Bällen sind bekannt. Da muss er ganz anders hingehen.“

          Hoeneß, auch nach dem Spiel wie so oft noch mitten in der Kampfzone, sah alles völlig anders als viele andere. „Sehr schade und völlig unverdient, dass wir hier zwei Punkte abgegeben haben“, lamentierte er. Auf der anderen Seite kümmerten sich die gleichwertigen Stuttgarter nicht groß um die Klagelieder der Bayern. „Ich habe eine Sensationstruppe auf dem Platz gesehen“, pries der Ur-Münchner Teamchef und Bayern-Altstar Markus Babbel sein Team. In vier Spielen unter ihm ist der Tabellenzehnte unbesiegt geblieben; 16 Begegnungen ohne Niederlage hat der FC Bayern absolviert, ehe es in die Winterpause ging. Kein Wunder, dass sich der Ur-Stuttgarter und beim VfB sozialisierte Trainer Jürgen Klinsmann am großen Ganzen orientierte: „Wir sind“, sagte er, „bestens gewappnet für die Rückrunde. Ab Januar greifen wir richtig an.“

          Dann mischt auch Franck Ribéry wieder mit. Der französische Zauberer fehlte in Stuttgart wegen einer Schulterprellung. Ein Verlust, den die Bayern nicht kompensieren konnten. „Keine Mannschaft“, räumte der Münchner Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge ein, „kann einen Spieler wie Ribéry ersetzen.“ Extraklasse hatte der FC Bayern am Samstag eben nicht zu bieten. Sie ist auch für diesen Klub nicht von Woche zu Woche pure Selbstverständlichkeit. Daran wurden die Münchner in Stuttgart zur Freude der Konkurrenz schmerzlich erinnert.

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