https://www.faz.net/-gtm-871bm

Bundesliga-Kommentar : Fußball ohne Tempolimit

So schnell wie Hoffenheim nach Kevin Vollands Tor jubelte in der Bundesliga noch kein Team. Bild: dpa

Mit Kevin Vollands Rekord-Tor gegen die Bayern hat die Fußball-Bundesliga auch Usain Bolts Weltrekord über 100 Meter unterboten. Man hat es überhaupt eilig in dieser Saison.

          2 Min.

          Deutschland ist bei gewissen Touristen als Land ohne Tempolimit populär. Diesem Klischee kommt die Bundesliga näher als die Realität auf deutschen Ferien-Autobahnen. Nach 52 Jahren und 48.682 Toren hat der Fußball nun den schnellsten Menschen unterboten. Wie viel Zeit exakt vergangen war, bis Kevin Volland zur Hoffenheimer 1:0-Führung gegen Bayern München traf, ist nicht ganz sicher: laut ARD 9,04 Sekunden, laut ZDF 9,31. In jedem Fall war es weniger als beim zuvor schnellsten Tor, dem von Karim Bellarabi vor einem Jahr in Dortmund (9,63). Nebenbei hat die Bundesliga damit auch den 100-Meter-Weltrekord unterboten. Und das wohl endgültig, da mag Usain Bolt sich noch so beeilen.

          Man hat es überhaupt eilig in dieser Saison. Am ersten Spieltag überwog noch das Staunen über neue Turbo-Spieler wie Douglas Costa, der nun auch die Wende zum 2:1-Sieg der Bayern mit zwei rasanten Aktionen vorbereitete. Am zweiten Spieltag stach als Spielbeschleuniger aber nicht so sehr individuelles Tempo hervor, sondern kollektive Bereitschaft, den Gegner von der ersten Sekunde an unter Druck zu setzen. Das gelang den Hoffenheimern mit ihrem energischen „Anlaufen“ von David Alaba, dessen Fehlpass zum Rekordtor führte. Mit einer anderen, aber ähnlich schnellen Methode, dem langen Schlag nach vorn, war zwei Tage zuvor Odd Grenland gegen Borussia Dortmund in der Europa League nach 13 Sekunden in Führung gegangen.

          Der Mut zum Pressing, zum koordinierten Überfall auf den ballführenden Gegner in dessen Hälfte, zum Raub von Zeit und Raum, ist so verbreitet wie nie. Es erhöht das Risiko für beide Seiten, für den Presser und den Gepressten. Das trägt zur Volatilität der Spielverläufe bei - und zum Unterhaltungswert. Zu Dortmund, Leverkusen und Hoffenheim, die diese Spielweise schon länger pflegen, sind neben Aufsteiger Ingolstadt die taktisch erneuerten Stuttgarter gekommen, an deren Beispiel aber auch deutlich wird, welch langen Atem man braucht, um mit der riskanten Beschleunigungsstrategie erfolgreich zu sein: zweimal das bessere Team, zweimal verloren.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Noch reicht der Vorschuss an Geduld. „Wir glauben an diesen Weg“, so Stürmer Martin Harnik, „und fangen nicht schon am zweiten Spieltag an, rumzuheulen.“ Auch beim 1. FC Köln, nach einer Saison mit neun 0:0 als Maurer-Kolonne verschrien, sieht man neue Ansätze. Phasenweise überraschten die Kölner den Favoriten Wolfsburg in dessen Hälfte mit frühen Attacken. Das Tor, das ihnen einen Punkt bescherte, genau wie das von Aufsteiger Darmstadt beim 1:1 bei Schalke 04, fiel dagegen aus einer ganz andersartigen, etwas altmodischen und doch hochmodernen Aktion, die an etwas erinnerte, das schon Sepp Herberger seinen Spielern einbleute: Die beste Kondition hat der Ball.

          Das größte Tempo auch. Kölner und Darmstädter nutzten das mit einer flotten Dreiecksattacke: langer Schlag des Torwarts auf den weit in der gegnerischen Hälfte plazierten, großen Angreifer, neuerdings „Wandstürmer“ genannt. Dann: Verlängerung per Kopf oder Fuß und sofortiger Abschluss. Die Dauer der beiden Drei-Stationen-Angriffe vom eigenen Strafraum bis ins gegnerische Tor betrug weniger als acht Sekunden. Also weniger als beim Rekord-Tor von Hoffenheim. Der Fußballer mag von seinen Beinen bei Tempo 30 bis 35 begrenzt sein. Der Fußball selbst kennt kein Tempolimit.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Weitere Themen

          Das Drama um Christian Eriksen Video-Seite öffnen

          Herzdruckmassage auf dem Platz : Das Drama um Christian Eriksen

          Bei der Begegnung zwischen Dänemark und Finnland war der 29-jährige Christian Eriksen kurz vor Ende der ersten Halbzeit kollabiert. Fans und Spieler zeigten sich fassungslos. Die gute Nachricht: Der Zustand des dänischen Nationalspielers hat sich stabilisiert.

          Topmeldungen

          0:1 gegen Frankreich : Deutscher EM-Fehlstart mit Verve

          Mats Hummels trifft – ins eigene Tor: Beim 0:1 gegen Frankreich überzeugt die Einstellung von Joachim Löws Team. Die Niederlage der Deutschen zeigt aber auch, was zur Klasse der Franzosen fehlt.
          Innenansicht des „IBM Quantum System One“

          Quantencomputer vorgestellt : Rechnen mit kleinsten Teilchen

          Bei Stuttgart steht der erste kommerziell nutzbare Quantencomputer in Europa. Die Forschung verspricht sich von ihm bahnbrechende Ergebnisse, die Industrie kräftige Impulse.
          Von Mazar nach Calw: Brigadegeneral Ansgar Meyer, Kommandeur des letzten deutschen Afghanistankontingents

          Ansgar Meyer : Ein Außenseiter für das KSK

          Brigadegeneral Ansgar Meyer hatte in seiner langen Karriere mit dem KSK lange nichts zu tun. Dennoch übernimmt er nun den Eliteverband. Oder gerade deshalb.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.