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1899 Hoffenheim : Ein Baumeister, viele Brandherde

  • -Aktualisiert am

Perspektive gesucht: Holger Stanislawski muss noch herausfinden, mit wem er seine Pläne umsetzen kann Bild: dapd

Der Hoffenheimer Umbau ist schwieriger als gedacht. Trainer Holger Stanislawski stößt an Grenzen. Und an diesem Freitag (20.30 Uhr) geht es nach Leverkusen - ohne zwei suspendierte Spieler.

          Mit der Geduld ist es so eine Sache, wenn ein Trainer geholt wird, der einen Verein und dessen Mannschaft aufmöbeln soll. Das weiß Holger Stanislawski ganz genau, besser vielleicht sogar als alle anderen bei der TSG 1899 Hoffenheim. Geduld zeigen? Am Spielfeldrand kann es damit schnell vorbei sein, trotz aller guter Vorsätze.

          Die Szenen, die sich in den vergangenen Wochen zwischen Trainerstuhl und Seitenlinie bei 1899 Hoffenheim abspielen, verdeutlichen die großen Emotionen eines Trainers, der sich nun einem Punkt nähert, an dem unpopuläre Maßnahmen gefordert sind. Sie scheinen eigentlich wenig zum Bild des unkonventionellen Fußballlehrers zu passen, zu den „anderen Wegen“, um seine Spieler für sich einzunehmen.

          Längst stößt der als Retter empfangene Stanislawski an Grenzen. Er sagt, er habe nicht geglaubt, dass es mit der Runderneuerung, mit den Veränderungen so lange dauern würde. Die Mannschaft soll so spielen, wie er es sich, wie die Zuschauer, Sponsoren und Mäzen Dietmar Hopp es sich wünschten - nämlich erfrischend, druckvoll, offensiv. Die Sache sei schwieriger als gedacht, erzählt der frühere St. Paulianer Stanislawski.

          Nach acht Spielen mit nur einem Sieg muss sich der 1899-Cheftrainer gar der Vermutung erwehren, die Lust am neuen Job käme ihm immer öfter abhanden - was man ja tatsächlich glauben mag, wenn er sich an der Seitenlinie tobend die Jacke vom Leib und die Mütze vom Kopf reißt.

          Ein traditionell schlechter Ruf in Sachen Disziplin

          Vielleicht unterschätzte der impulsive und leidenschaftliche Trainer den ganzen „Rucksack“, gefüllt mit Erwartungen und Altlasten, den er mit seiner Unterschrift im Sommer mit übernahm. An manch anderem, was sich inzwischen bei Hoffenheim ereignet hat, trägt er eine Teilschuld - weil Personal und System nämlich öfter gewechselt werden und er spät reagiert, wenn neue Auswüchse an den traditionell schlechten Ruf seines Teams in Sachen Disziplin erinnern.

          Es geht dabei um unpünktliche Spieler oder Spieler, die sich nur schmollend auf die Bank setzen. Die Suspendierung von Roberto Firmino und Chinedu Obasi für das Spiel an diesem Freitag bei Bayer Leverkusen (20.30 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) zeigt, welches Konfliktpotential in Hoffenheim existiert.

          So geht es nicht: Stanislawski (rechts) warf seinen Brasilianer Firmino (rechts, Nummer 22) vorerst aus dem Kader

          Und es gibt weitere Auffälligkeiten. Da fallen Trainer und Manager Ernst Tanner durch unterschiedliche Spielanalysen auf. Oder Torwart Tom Starke bekommt Lob von Tanner (“Das war nicht schlecht“), weil er an der Einstellung von Stürmer Ryan Babel zweifelte, während der Coach für die öffentliche Kollegenschelte eine Geldstrafe verhängt und klarstellt: „Hier kritisiere nur ich.“ Er lasse sich nichts nachsagen, erwiderte Babel und fügte hinzu: „Glaubt nicht alles.“

          Im Fall des Münchner Stürmers Kevin Volland setzte Tanner die Verpflichtung für den kommenden Sommer um, der Trainer hatte für den Transfer die Winterpause favorisiert. Kokett erscheinen Hinweise mancher Profis, sich einen baldigen Wechsel durchaus vorstellen zu können. Die Liste der „Brandstifter“ reicht von Vedad Ibisevic, Sejad Salihovic über Babel bis zu den jüngsten Sündern Obasi und Firmino.

          Alle Vertragsgespräche erst nach der Winterpause

          Kommentare des Trainers und des Managers, man lege keinem Steine in den Weg, der gehen wolle, tragen nicht eben zur Beruhigung bei. Zuweilen wirkt Stanislawski wie ein Forscher, der herausfinden muss, mit wem er seine Pläne umzusetzen kann. Viele rechnen damit, dass es in der Winterpause zu einer Zäsur komme und sich der Coach dann an personelle Umstrukturierungen machen werde.

          Als Indiz dafür wird seine Anweisung gewertet, alle Vertragsgespräche bis nach der Winterpause zu vertagen. Viel länger kann Baumeister Stanislawski kaum warten, sonst wird es immer schwieriger, dem grauen Mittelmaß zu entfliehen, in dem man sich derzeit noch gefangen fühlt. Und Stanislawski kann nicht ewig für sich in Anspruch nehmen, mit einer Mannschaft arbeiten zu müssen, die er nicht zusammengestellt habe.

          Torwart Tom Starke wagte es, seinen Mitspieler Ryan Babel in der Öffentlichkeit zu kritisieren

          „Grundsätzlich haben wir viele gute Jungs, die eifrig, aufmerksam, zuverlässig sind und sich entwickeln wollen, Spaß haben und gut mitziehen“, beeilte sich der stark geforderte Trainer zu sagen. Kapitän Andreas Beck sagte beschwichtigend: „Nicht alle Jungs sind schlecht und undiszipliniert. Der Kern ist intakt, die anderen holen wir ins Boot zurück.“

          Beide verwahrten sich gegen den Eindruck, hier spiele ein wenig motiviertes Team. Ein, zwei Siege, so glaubt man in Hoffenheim, würden die Perspektiven schon sichtbarer machen, die Stanislawski intern skizziert habe. Bei weiteren Niederlagen aber? Nun ja, man kann sich unschwer ausmalen, was dann passieren würde bei Hoffenheim - und beim Thema Geduld.

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