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1899 Hoffenheim : Bloß nicht abheben

Sven Schipplock und 1899 Hoffenheim stehen vor dem Klassenverbleib Bild: dpa

Trainer Markus Gisdol findet bei den verwöhnten Hoffenheimern die richtige Ansprache. Nun fehlt im Rückspiel der Relegation in Kaiserslautern an diesem Montag (20.30 Uhr) nur noch ein Schritt zur Rettung.

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          In den letzten Wochen der Ära Kurz/Müller herrschte ein ziemlich rauher Ton in Hoffenheim. Ende Februar, nach der 1:2-Niederlage in Augsburg und dem Absturz auf den vorletzten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga, griffen sowohl der Trainer als auch der Manager zur verbalen Keule, um ihren Frust zum Ausdruck zu bringen.

          Andreas Müller äußerte in einer Talksendung „große Zweifel“ am Charakter der Mannschaft, Marco Kurz wiederum sprach davon, dass „Vertrauen mit Füßen getreten“ wurde. Darin mochte auch ein Stück Verzweiflung an einer Mannschaft stecken, deren Budget in einem äußerst ungünstigen Verhältnis zu Identifikation, Arbeitsmoral und vor allem den Resultaten stand.

          Zugleich aber konnte man sich leicht vorstellen, dass eine solche Rhetorik wenig geeignet war, die Lage besser zu machen. Sie offenbarte vielmehr einen Riss zwischen Team und sportlicher Leitung, der nicht mehr zu kitten war. Es war, wie sich vier Wochen später zeigen sollte, ein letzter Aufschrei der Gescheiterten. Anfang April waren Kurz und Müller in Hoffenheim Geschichte, der Klub war für die meisten nur noch ein hoffnungsloser Fall.

          Jetzt, knapp zwei Monate später, fehlt der TSG an diesem Montag (20.30 Uhr / Live im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) nur noch ein Schritt zur Rettung. Das 3:1 im Relegationshinspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern hat Hoffenheim in eine Situation gebracht, von der kaum einer im Kraichgau noch zu träumen gewagt hatte. Und man liegt nicht falsch damit, dass das auch mit dem neuen Ton zu tun hat, der bei der TSG eingekehrt ist, seit Markus Gisdol Trainer ist.

          Auf seine sachliche und bedachte Art ist es ihm gelungen, der zwischen Überforderung und Versagensangst (bei manchen vielleicht auch Gleichgültigkeit) pendelnden Mannschaft wieder Halt zu geben. Kapitän Andreas Beck ist voller Lob für den 43 Jahre alten Schwaben, der zuletzt Ko-Trainer beim FC Schalke gewesen war. Er berichtet, wie Gisdol die Dinge „anders“ und „unkonventionell“ anpacke. Wie er es geschafft habe, „sehr bewusst Druck von den Schultern zu nehmen“. Wie er „nicht um das große Ganze herumgeredet“ habe, sondern „auf das fokussiert ist, was wir beeinflussen können: wie wir Fußball spielen wollen“.

          Großen Anteil an der Wende zum Guten hat Trainer Markus Gisdol

          Als Gisdol den Job in Hoffenheim in schier hoffnungsloser Lage antrat, sah er im Klassenverbleib lediglich einen möglichen „positiven Nebeneffekt“ seines Hauptziels, der fußballerischen und konzeptionellen Neuausrichtung in Richtung einer nachhaltigen Talentförderung. Darüber schüttelte mancher, auch in der Mannschaft, den Kopf. Inzwischen aber deutet vieles darauf hin, dass Gisdol goldrichtig lag.

          „Ich habe die Mannschaft zuletzt sehr ruhig und gelassen erlebt“, sagt Beck, „und das ist in so einer Situation vielleicht genau das Richtige. Vorher waren wir oft verkrampft, wenn wir unbedingt wollten und es nie hinbekommen haben.“ Gisdol selbst spricht von „vielen Kleinigkeiten“, die er verändert habe. Am wichtigsten sei es jedoch gewesen, einen gemeinsamen Geist zu entwickeln: „Wir haben unheimlich viel Wert darauf gelegt, dass wir zusammenrücken und ein Team werden“, sagt er. „Das ist uns ganz ordentlich gelungen.“

          Erst untauglich, dann doppelt erfolgreich

          Tatsächlich ist die TSG seit ein paar Wochen kaum wiederzuerkennen. Die vorher so lethargisch und hilflos wirkenden Profis arbeiten und kämpfen gemeinsam. Und schaffen es, wenn auch noch nicht über 90 Minuten, etwas von ihrem ungeheuren fußballerischen Potential auf den Rasen zu bringen. Der erste große Lohn war das 2:1 in Dortmund, ein Erlebnis, das Kapitän Beck als „unvergesslich“ bezeichnet.

          Es folgte das 3:1 gegen Lautern, bei dem - schöne Pointe am Rande - Roberto Firmino, der von Kurz als untauglich für den Abstiegskampf bezeichnet worden war, zwei Tore erzielte und eines vorbereitete. Nun wollen sie natürlich alles dafür tun, dass das „kleine Wunder“, wie Gisdol es nannte, wirklich wahr wird. Abheben verboten - so war die Ansprache zu verstehen, die der Trainer nach dem Hinspielerfolg wählte.

          Im Hinspiel war Hoffenheim Kaiserslautern überlegen, nun folgt die zweite Partie

          Es hatte etwas von antizyklischem Mahnen der Sammer-Schule, wie Gisdol all das herausarbeitete, was sein Team gegen den Zweitliga-Dritten schlecht gemacht hatte. Zugleich war eine gewisse Demut herauszuhören, von der auch Beck sprach - nicht unbedingt selbstverständlich im neureichen und dabei oft nicht stilsicheren Hoffenheim, aber in jedem Fall etwas, was ihm guttut.

          Die Frage, ob Gisdol wirklich der Mann ist, der dem zuletzt so kläglich zugrunde gerichteten Multimillionenprojekt auf Dauer neues Leben einhauchen kann, mag noch nicht beantwortet sein - auch mit ihm gab es ernüchternde Auftritte, und nicht jedes Personalexperiment ging auf. Der eingeschlagene Weg aber scheint zu stimmen. Am Donnerstag wurde Beck gefragt, ob man Gisdol mit Ralf Rangnick vergleichen könne, jenem Mann, der für die inzwischen arg verblichene Erfolgsstory steht.

          „Viele Gemeinsamkeiten“ zu Rangnick

          Und nach dessen Mischung aus Kompetenz und Begeisterungsfähigkeit sich viele in Hoffenheim zurücksehnen. „Mit Sicherheit“, sagte Beck, betonte aber zugleich, dass Gisdol, der in Rangnicks letzten beiden Hoffenheimer Jahren die zweite Mannschaft trainierte und dann in Schalke dessen Assistent wurde, neben den „vielen Gemeinsamkeiten“ auch eine „eigene Handschrift“ habe. Eine Mischung, die man schon ein paar Monate früher hätte haben können in Hoffenheim. Wenn es der Sachverstand dort nicht so schrecklich schwer hätte, sich gegen Namen und Netzwerke durchzusetzen.

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