https://www.faz.net/-gtm-11xma

1860 München : Das Löwen-Chaos

  • -Aktualisiert am

Gute Miene zum bösen Spiel? Was geht wirklich bei 1860 vor sich? Vizepräsidenten Maget, Hasenstab, Sportdirektor Stevic und Präsident Beeck Bild: dpa

Dubiose Entwicklungen bei 1860 München: Ein Immobilienunternehmer bringt angeblich die Millionen mit, dafür muss Sportdirektor Stefan Reuter für Miroslav Stevic seinen Stuhl räumen. Beim Auswärtsspiel in Mainz geht es zurzeit wohl um den Job von Trainer Marco Kurz.

          3 Min.

          Miroslav Stevic sitzt über den Dingen. Der neue Sportdirektor von 1860 München hat sich in der Geschäftsstelle des Zweitligaklubs ein Eckzimmer im dritten Stock als Büro ausgesucht. Anders als sein Vorgänger Stefan Reuter blickt Stevic nun nicht auf die Tennisplätze von Grün-Gold München, sondern auf den Trainingsplatz der Sechziger. Seinen Schreibtisch hat er vor die Glasfront geschoben. Von hier verschafft er sich ein Bild, wie er sagt.

          Es ist eine Rückkehr für Miroslav Stevic. Von 1994 bis 1998 spielte er für 1860 München im Mittelfeld. Seit Dienstag ist der 39 Jahre alte Serbe der neue sportliche Führungsmann im Klub. „Allein Stevic entscheidet, ob Marco Kurz Trainer bleibt“, sagt Vizepräsident und SPD-Mann Franz Maget. (siehe: Fußball-Kommentar: Revierwechsel)

          Auswärtsspiel als Bewährung für Kurz

          Die Löwen liegen in der Tabelle auf Rang elf. Zehn Punkte fehlen ihnen zu einem Aufstiegsplatz, nur fünf trennen sie von der dritten Liga. Da verhält sich ein ehrgeiziger Neuer wie Stevic nicht großherzig, auch wenn er 2007 mit Kurz den Trainerschein gemacht hat. Ein Spiel Bewährung hat er Kurz gegeben, die Auswärtspartie an diesem Sonntag in Mainz (FAZ.NET-2. Bundesliga-Liveticker). Quasi als Bonus gab es die Trainingseinheiten unter Aufsicht.

          Noch in der Winterpause schien Stefan Reuter, seit fast drei Jahren Manager bei den Löwen, einen sicheren Job zu haben. Der Weltmeister traf wichtige Entscheidungen. Er verkaufte Talent Marco Gebhart zum VfB Stuttgart und holte drei Offensivspieler. Doch seit dieser Woche ist klar: Im Hintergrund scharrte Stevic immer eifriger mit den Füßen - und lockte mit dem Geld einer Immobiliengruppe um den Berliner Nicolai Schwarzer. Das reizte den Verein. Die Sechziger machen derzeit rund drei Millionen Euro Verlust pro Jahr, vor allem wegen der viel zu teuren Arena. Präsident Rainer Beeck sagte jetzt, solange Schwarzers Einstieg nicht sicher gewesen sei, habe man Reuter eben Handlungsfreiheit gelassen.

          Reuter-Entmachtung als Bedingung

          Doch nun steht der Deal. Bedingung war, dass Reuter entmachtet wird. Schwarzer stellt in den nächsten drei Jahren vermutlich sieben bis neun Millionen Euro für neue Spieler zur Verfügung. Damit kein falscher Eindruck entsteht, hat Schwarzer gleich mal betont: „Ich bin ein Wirtschaftsmensch, kein Samariter.“ Schwarzer darf zwei Plätze im Aufsichtsrat besetzen und wird an Gewinnen aus der Profiabteilung beteiligt. Davon ist 1860 freilich noch weiter entfernt als von der ersten Liga, zumal der Hauptsponsor am Freitag bekanntgab, sich größtenteils zurückzuziehen. Schwarzer kann seine Kredite anscheinend aber auch in bis zu 25 Prozent Klubanteile umwandeln.

          Solche Modelle seien der Anfang vom Ende, kommentierte Uli Hoeneß die Vorgänge beim Straßennachbarn. Im Vergleich zu 1860 hält der Bayern-Manager wohl sogar Lukas Podolski für einen Münchner Erfolgsfall. Die Deutsche Fußball-Liga will Schwarzers Einstieg prüfen, denn ein Investor dürfe die Vereinspolitik nicht beeinflussen. Auch wie der Klub Reuters Entmachtung verkündete, lief alles andere als reibungslos. Präsident Beeck sagte auf der Pressekonferenz, man wolle Reuter als Sponsorenbetreuer behalten. Zu dumm, dass Reuter den Journalisten zehn Minuten zuvor von seiner Beurlaubung erzählt und betont hatte, keinesfalls weiter für den Klub zu arbeiten.

          Zwei querfinanzierte Neuzugänge

          Also alles auf Stevic. Der Serbe, zuletzt Berater des Nationalspielers Marko Marin, besitzt zwar keine Erfahrung als Sportdirektor, startete aber gleich eine Charmeoffensive. In seinen ersten drei Tagen im Amt besuchte er alle drei Münchner Boulevardzeitungen und verkündete vor allem eine Botschaft: „Ich bin ein Visionär!“ Im Gegensatz zum zurückhaltenden Duo Reuter/Kurz tritt Stevic forsch auf. Das imponiert vor allem den Fans. 2010 will Stevic in die erste Liga aufsteigen.

          Zum Einstieg brachte er zwei von Schwarzer finanzierte Landsleute mit: Antonio Rukavina und Nikola Gulan wurden von Dortmund beziehungsweise Florenz ausgeliehen. Der Trainer durfte bei diesen Spielerverpflichtungen nicht mitreden. Kurz selbst hat bestätigt, dass die Löwen-Führung nach einem Nachfolger für ihn fahndet. Die Spekulationen reichen von Augenthaler und Matthäus, die als frühere Bayern-Spieler beim fansensiblen Stevic kaum Chancen haben dürften, bis zu Lorant und Stepanovic. Alles unvorstellbar - doch je unvernünftiger etwas klingt, desto fester rechnen Sechzig-Fans mittlerweile damit, dass es eintritt.

          „Lucky punch“ in Mainz?

          In den vergangenen acht Spielen blieb 1860 fünfmal ohne Tor. Zwar zählt der Kader nicht zu den besten der Liga, aber mit den früheren Nationalspielern Lauth und Bierofka sowie Talenten wie den Bender-Zwillingen müsste mehr drin sein. Befürworter von Kurz finden sich kaum noch, obwohl der Trainer die Woche bestens gemeistert hat. Er ließ sich weder von der Vereinsführung, die ihn dürftig informierte, noch von Reportern, die ihn am Montag schon verabschiedet hatten, aus der Ruhe bringen.

          Kurz wirkt wie ein Boxer, der in die letzte Runde geht und nach Punkten hoffnungslos zurückliegt. Er setzt auf einen „lucky punch“ in Mainz (FAZ.NET-2. Bundesliga-Liveticker). „In diesem Verein ist immer was los“, sagte Kurz, als er die Woche bewerten sollte, „da beneide ich euch Journalisten.“ Mittendrin zu sein fühlt sich wohl weniger toll an. Doch vermutlich wird in einigen Tagen auch Marco Kurz das Vergnügen von außen haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          EU-Kommissarin Stella Kyriakides am Mittwoch in Brüssel

          Produktionsprobleme : Impfstreit zwischen der EU und Astra-Zeneca eskaliert

          Hat das britische Unternehmen der EU feste Lieferzusagen gemacht? Der Chef streitet dies ab. Am Mittwochabend soll es nun ein Krisengespräch geben. Zuvor appelliert Kommissarin Kyriakides an das Unternehmen: „Wir verlieren jeden Tag Menschen.“
          Corona-Impfung: Viele Deutsche haben Zweifel, dass die Krise dadurch schnell überwunden wird.

          Allensbach-Umfrage : Viele Deutsche zweifeln an der Impfstrategie

          Die Impfbereitschaft in der Bevölkerung ist gewachsen, aber das Vertrauen in die schnelle Verteilung des Impfstoffs ist gering. Und der Rückhalt für den politischen Kurs in der Pandemie schwindet.
          Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, sieht am Mittwoch im Bundestag zu, wie Rabbiner Shaul Nekrich die historische Sulzbacher Torarolle von 1792 fertigstellt, die 2013 wiederentdeckt und gerade restauriert wurde.

          Holocaust-Gedenktag : Die fehlenden Worte

          In einer Gedenkstunde schildert Charlotte Knobloch das Leid im Nationalsozialismus. Der AfD macht sie eine klare Ansage. Nicht alle aus der Partei applaudieren nach ihrer Rede.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.