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Abgelehnte Mitgliedsanträge : Kind und die Demokratie bei Hannover 96

  • -Aktualisiert am

Hält alle Fäden in der Hand: Martin Kind, Präsident von Hannover 96. Bild: dpa

Die Vereinsführung von Hannover 96 hat 119 Anträge von potentiellen Mitgliedern abgelehnt. Die Handlungen von Martin Kind sorgen für Unruhe – dahinter steckt auch ein grundlegendes Problem des deutschen Profifußballs.

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          Im Grunde gibt Hannover 96 derzeit ein ganz schön flottes Bild ab. Niclas Füllkrug zum Beispiel macht das Toreschießen gegen unterklassige Testspielgegner großen Spaß. Nach jedem seiner Treffer apportiert er den Ball möglichst schnell zurück zum Mittelkreis, damit er gleich wieder auf Torejagd gehen kann.

          Aber was der Stürmer während des Trainingslagers im nordfriesischen Badeort Sankt Peter-Ording nur erahnen konnte: Daheim in der Heimat braut sich ein nicht ganz kleines Ungemach zusammen. Die Vereinsführung von Hannover 96 hat 119 Anträge von potentiellen Mitgliedern abgelehnt. Für einen Klub, der mit Hilfe teurer Kampagnen offensiv um neue Mitglieder und Kunden wirbt, ist das ein merkwürdiges Vorgehen. Er muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er das auf einem demokratischen Grundgedanken basierende Vereinsrecht mit Füßen tritt.

          Es steht zu befürchten, dass die Rückkehr von Hannover 96 in die Fußball-Bundesliga von zahlreichen juristischen Streitigkeiten begleitet wird. Darf der Verein neuen Mitgliedern den Eintritt ohne jede Begründung verwehren? Und muss mit seinen aktuellen Mitgliedern besprochen werden, wie das ohnehin schon sehr komplexe Firmenkonstrukt rund um die maßgebliche Hannover 96 Sales & Service GmbH & Co. KG mit den darin involvierten Geldgebern weiterentwickelt wird? Der Präsident und Vorstandsvorsitzende Martin Kind findet: nein.

          Eine Begründung, warum der Verein Bedenken gegenüber 119 potentiellen Neumitgliedern hat, möchte er in seiner Funktion als langjähriger Vereinschef, Vorstandsvorsitzender, Gesellschaft und Mäzen nicht liefern. „Wir bestätigen, dass wir im Interesse des Vereins Hannover 96 die Entscheidung getroffen haben, 119 Mitgliedsanträge abzulehnen“: Mit diesem nüchternen Satz wird der Öffentlichkeit erklärt, was in Hannover geschehen ist. Von weiteren Rückfragen bittet Kind, der sonst bei nahezu jedem Thema Rede und Antwort steht, ausdrücklich abzusehen.

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          Eigentlich müsste die Stimmung bei Hannover 96 angesichts des Wiederaufstiegs in die Bundesliga bestens sein. Doch angesichts der aktuellen Debatten über die Dehnbarkeit des deutschen Vereinsrechts im Allgemeinen und das Verhalten von Kind im Besonderen wird die Vorfreude auf die neue Saison getrübt. „Mit der Demokratie ist es leider nicht weit her“, findet Dr. Andreas Hüttl. Er ist 96-Mitglied und als Anwalt dienstlich wie privat in grundlegende Themen des Vereins involviert. Dass Hannover 96 wochenlang darüber nachdenkt, 119 gesammelt auf den Weg gebrachte Mitgliedsanträge anzunehmen oder abzulehnen, macht ihn ratlos.

          Der Verein hat aktuell 20 200 Mitglieder und wirbt offensiv um weitere. Die 119 negativ beschiedenen Anträge sind auf Initiative der Interessengemeinschaft „Pro Verein 1896“ ausgefüllt worden, der viele kritische Fans und Kind-Gegner angehören. Daraus aber abzuleiten, dass die potentiellen neuen Mitglieder nur Stunk verbreiten und Kind ärgern wollen würden, wäre vorverurteilend. Die Vereinssatzung von Hannover 96 enthält keinerlei Ausschlusskriterien für neue Mitglieder. „Die Ablehnung der 119 Anträge ist aus meiner Sicht nicht rechtmäßig, zumal es keinerlei Begründung dafür gibt“, sagt Jurist Hüttl.

          Hinter den Protesten und Anfeindungen, denen sich der mächtige 96-Boss Kind immer wieder ausgesetzt sieht, steckt ein grundlegendes Problem seines Handelns und des deutschen Profifußballs. Der 73 Jahre alte Funktionär und Unternehmer möchte die 50+1-Regel zu Fall bringen, die die deutschen Profivereine vor einem zu starken Einfluss von Investoren schützt. Weil Kind aber in Kürze seit 20 Jahren als Förderer an der Spitze von Hannover 96 steht, wird eine Ausnahmereglung der Deutschen Fußball-Liga greifen. Dass er im Rahmen eines kaum zu durchschauenden Firmengeflechts bald ganz allein darüber befinden kann, wem die im Profifußball vertretene Gesellschaft von Hannover 96 gehört, geht dem harten Kern der Fans zu weit. Hinter vorgehaltener Hand heißt es: Man möchte Kind gar nicht zu Fall bringen, aber mitten in Niedersachsen nordkoreanische Verhältnisse verhindern.

          Kind hält bei Hannover 96 wirklich alle Fäden fest in der Hand. Er hat bis heute nicht plausibel erklären können, was in der Ära nach ihm aus dem Verein werden soll. Die Ablehnung der Mitgliedsanträge wird ihm bundesweit als Demokratiefeindlichkeit ausgelegt. Den Vorwurf nimmt er schweigend hin und setzt seinen Weg fort. Vor wenigen Wochen noch hatte Kind die Medienabteilung seines Vereins kommunizieren lassen, dass Hannover 96 für Meinungsvielfalt stehe und sich ein einvernehmliches Miteinander selbst mit sehr kritischen Fans wünsche. Angesichts des leicht diktatorischen Verhaltens rund um die unerwünschten Mitglieder dürfte die jüngste PR-Botschaft aus dem Hause Kind hinfällig geworden sein.

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