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100 Jahre „Kicker“ : Mit schrulliger Fachlichkeit

Durch den „Kicker“ geprägt: die „Torjägerkanone“ als Auszeichnung für den erfolgreichsten Schützen einer Bundesligasaison, 2020 Robert Lewandwoski Bild: EPA

Seit 100 Jahren prägt der „Kicker“ die deutschsprachige Fußballlandschaft – weil er den Fußball zur Hauptsache macht und Nebensächlichkeiten ignoriert.

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          Auf der ersten Titelseite hat er sich selbst verewigt, mit einem Jugendbild. Walther Bensemann, der große Pionier des deutschen Fußballs, hockt als junger Spieler auf dem Mannschaftsfoto der Karlsruher Kickers 1894, mit denen er in jenem Jahr eine „Kontinentalmeisterschaft“ organisierte und gewann. Auch wenn nach Absage der eingeladenen Schweizer Teams nur noch die Kickers und der ebenfalls von Bensemann gegründete Karlsruher FV mitspielten, war es wenigstens gedanklich eine erste, noch sehr frühe Vorform der Champions League.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Wurde der Fußball in Zeiten geistiger Deutschtümelei in der Kaiserzeit von vielen auch noch als ausländischer Unfug abgetan – Bensemann, als Sohn eines jüdischen Bankiers in Berlin geboren, in einem englischen Internat in der Schweiz ausgebildet, später als Sprachlehrer in England tätig, dachte schon international. Und so gab er jener Zeitschrift, die er am 14. Juli 1920 zum ersten Mal herausbrachte und mit einem Handkarren für die weitere Verbreitung zum Konstanzer Bahnhof, dann zur Kreuzlinger Post in der benachbarten Schweiz fuhr, einen internationalen Namen: „Kicker“.

          Fachblatt und kein Lifestyle-Magazin

          Dieser Name steht bis heute für eine Zeitschrift, die stets Fachblatt blieb und nie Lifestyle-Magazin wurde. Ein Blatt, für das der Fußball seit hundert Jahren die große Hauptsache ist und das die meisten Nebensächlichkeiten, die ihn umgeben, eisern ignoriert. Bensemann, der seine Zeitschrift in der deutschen Isolation nach dem Ersten Weltkrieg als „Symbol der Völkerversöhnung durch den Sport“ sah, erlebte den Boom, den der Fußball und das Fußballheft in den zwanziger Jahren nahmen, erst im Ein-Mann-Betrieb als Verleger und Korrespondent, dann mit stetig wachsender Redaktion hautnah mit.

          Beim Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1932, ausgerichtet durch den von ihm mitgegründeten DFB, gespielt zwischen den von ihm mitgegründeten Klubs Bayern München und Eintracht Frankfurt, ausgetragen in Nürnberg, dem neuen Sitz des von ihm gegründeten „Kickers“, hätte er sich, angesichts des von ihm Geschaffenen, zufrieden zurücklehnen können. Doch in der Stadt, in der neben dem „Kicker“ eine weitere Publikation erschien, die vom Namen her ein Fußballblatt hätte sein können, der „Stürmer“, die aber in Wahrheit ein antisemitisches Hetzblatt war, ließ sich das bevorstehende Unheil schon ahnen. Wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nazis emigrierte Bensemann im März 1933 in die Schweiz, wo er anderthalb Jahre später starb.

          Ein Abbild seiner Zeit: Der „Kicker“ im Jahr 1935 – der Einfluss der NS-Diktatur ist nicht zu übersehen.

          Der „Kicker“, bald auf Parteilinie gebracht, rief ihm Schmähungen nach. Nach dem Krieg zunächst verboten, fand er seinen Neuanfang in der „Sport-Illustrierten“, von alten „Kicker“-Leuten neu gegründet, mit der er, inzwischen wieder auf dem Markt, bald konkurrierte und schließlich verschmolz. Das geschah 1968, der 1. FC Nürnberg war Meister, wie schon im Gründungsjahr, die Bundesliga nahm stetig an Bedeutung zu, auch für Fußballmagazine waren es fette Jahre. Die prägende Figur der Nachkriegszeit beim „Kicker“, Karl-Heinz Heimann, der 57 Jahre für das Blatt arbeitete, davon zwanzig als Chefredakteur und 22 als Herausgeber, erfand die Wahl zum „Fußballer des Jahres“ und die „Torjägerkanone“ für den besten Schützen der Saison, zwei Auszeichnungen, durch deren Vergabe die Zeitschrift in der Öffentlichkeit große Präsenz nicht nur als Begleiter, auch als Akteur des Fußballs bekam.

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