https://www.faz.net/-gtm-7i875

1. FC Nürnberg : Der „Club“ trennt sich von Trainer Wiesinger

Trainer Michael Wiesinger hat in Nürnberg den Rückhalt verloren Bild: dpa

Beim „Club“ ist die Geduld mit Trainer Michael Wiesinger zu Ende. In dem 0:5 gegen den Hamburger SV sieht die Führung des Vereins einen „Offenbarungseid“.

          3 Min.

          Vor gut zwei Wochen gab es in Nürnberg nicht wenige, die erwarteten, dass Borussia Dortmund sich den zweiten Trainer-Skalp binnen einer Woche holen würde. Nach dem 2:6 in Dortmund war Thorsten Fink vom Hamburger SV entlassen worden. Und vor der Reise des Tabellenführers nach Nürnberg galt auch „Club“-Trainer Michael Wiesinger als Wackelkandidat. Doch mit dem mutigen Schritt, den murrenden Mittelfeldroutinier Hanno Balitsch auszumustern, schweißte Wiesinger das Team zu einer couragierten, disziplinierten Leistung zusammen. Es wurde mit einem 1:1 gegen die Borussen und mit zwei weiteren halbwegs ruhigen Wochen für den Trainer belohnt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Am Sonntag ist diese ruhige Zeit in einer Kakophonie aus Pfiffen, stummer Empörung und „Wiesinger raus!“-Rufen zu Ende gegangen. Beim 0:5 gegen Hamburg, inzwischen trainiert von Finks Nachfolger Bert van Marwijk, erlebten die Zuschauer, ehe sie in Scharen lange vor Schlusspfiff das Stadion verließen, die höchste Heimniederlage seit 29 Jahren – und eine der schlimmsten Darbietungen der großen Club-Historie.

          Einen „Offenbarungseid“ nannte es der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Schramm. Er gab schon vor der abendlichen Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat, Hinweise darauf, dass keine mildernden Umstände mehr in Frage kamen. Schramm sprach von einer „hilflosen Mannschaft, die sich ergeben hat“. Am Abend hat sich der Verein von Wiesinger und dessen Assistenten Armin Reutershahn getrennt. Das teilte der Fußball-Bundesligist am Montagabend über Twitter mit. Interimstrainer wird zunächst U 23-Trainer Roger Prinzen. Ein neuer Chef soll sobald wie möglich präsentiert werden.

          Wenn eine Mannschaft hilflos ist, ist es ihr Trainer erst recht. Bei den Fans hatte Wiesinger spätestens am Sonntag keinen Kredit mehr, bei den Funktionären auch nicht. Und selbst in der Mannschaft, die den Trainer nach außen mit den üblichen Floskeln verteidigte (er dürfe für das Team „kein Alibi“ sein, jeder müsse sich „entsprechend hinterfragen“), hatte es schon vor dem Spiel gegen Hamburg interne Klagen über einen Mangel an Führung und Orientierung gegeben.

          „Das bereitet uns wirklich Bauchschmerzen“

          „Das sind tiefe Wunden“, sagte am Montag Sportchef Martin Bader. „Wir werden immer wieder Lösungen finden, auch diesmal werden wir eine Lösung finden“. Es klang nach dem bekannten Muster: Lösung (eines Problems) durch Auflösung (einer Anstellung). Grundsätzlich sei es zwar immer seine Aufgabe, einem leitenden Angestellten den Rücken zu stärken, sagte Bader. Doch nach so einem Debakel wolle und könne er das diesmal nicht: „Da ist etwas passiert, was uns wirklich Bauchschmerzen bereitet.“

          Erst vor zehn Monaten hatte Bader nach dem Wechsel von Dieter Hecking zum VfL Wolfsburg den früheren „Club“-Spieler vom Amateur- zum Profitrainer gemacht (und nebenbei Armin Reutershahn zum beinahe gleichberechtigten Chef befördert. Wiesinger konnte das Team auch dank einiger glücklicher Siege wie gegen Mönchengladbach und Schalke mit 24 Rückrunden-Punkten aus dem Abstiegskampf heraushalten. In solchen Fällen wird anschließend gern vergessen, wie dünn das Eis zwischen einem scheinbar tragfähigen Mittelfeldplatz und dem Abtauchen im Abstiegskampf sein kann. Erst recht wird es vergessen an einem Ort wie Nürnberg mit der stets latenten Selbstüberschätzung eines früheren Rekordmeisters.

          Wiesinger nimmt die letzte Sicherheit

          So traf der schlechte Saisonstart den personell nur unzureichend verstärkten „Club“ mit solcher Wucht. Und vermutlich war es die Unerfahrenheit des 40-Jährigen in seinem ersten Bundesliga-Job, dass er in der Krise nicht auf vertraute taktische Muster und möglichst simple Lösungsangebote setzte, wie sie ein verunsichertes Team braucht. Gegen Hamburg wechselte er zu einer Mittelfeld-Raute, die seiner Mannschaft den letzten Rest an Sicherheit nahm.

          In Bundesliga-Standorten wie Augsburg, Freiburg oder Braunschweig, in denen sich die Erwartungen realistisch den Möglichkeiten anpassen und die Fans über jedes Jahr Bundesliga dankbar sind, hielt oder hält hat man in ähnlicher Ergebnis- und Tabellensituation am Trainer fest – was sich auch in anderen Fällen oft als gute Idee erwies. Allerdings waren dort auch nicht solche Auflösungserscheinungen erkennbar wie in der zweiten Halbzeit der Nürnberger gegen den HSV.

          „Da hast du wenig Argumente“

          Für Makoto Hasebe war sie „die schlechteste meiner ganzen Karriere“. Der Japaner war im September für zwei Millionen Euro aus Wolfsburg als neuer Anführer geholt worden. Doch bisher ist er auf fränkischem Rasen längst nicht so erfolgreich wie in japanischen Buchhandlungen. Sein zwei Millionen Mal verkaufter Bestseller, dessen Erlöse den Opfern des Reaktor-Unglücks von Fukushima zu Gute kommen, trägt den Titel „Die Ordnung der Seele – 56 Gewohnheiten, um den Sieg zu erringen“. Seinem Trainer Wiesinger half das nichts, er blieb in dieser Saison sieglos. „So ein 0:5 ist brutal“, sagte er. „Da hast du wenig Argumente.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Deutsche Bank will jede fünfte Filiale schließen.

          Sparbemühungen : Deutsche Bank trimmt sich für Fusionen

          Die Deutsche Bank will jede fünfte deutsche Filiale schließen, um zu sparen. In der Branche wird jetzt immer lauter über Zusammenschlüsse diskutiert. Offen ist, wie die Aufseher das Vorhaben sehen.
          Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei einer Veranstaltung im August 2020 in Ahlen

          Allensbach-Umfrage : Die SPD kann nicht von Scholz profitieren

          Nur eine Minderheit glaubt, dass der Kanzlerkandidat der SPD die Unterstützung seiner Partei hat. Und das ist noch nicht das größte Problem der Sozialdemokraten, wie eine neue Umfrage zeigt.

          Spenden nach Ginsburgs Tod : Die Angst, die großzügig macht

          Kaum war Ruth Bader Ginsburg tot, flossen demokratischen Wahlkämpfern Spenden in Millionenhöhe zu – mehr denn je. Fällt Trumps Supreme-Court-Plan den Republikanern auf die Füße?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.