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Verrücktes Spiel in Relegation : Tränen, Entsetzen und Wut nach dem Drama

  • -Aktualisiert am

In der Relegation ging es zwischen Ingolstadt und Nürnberg hoch her. Bild: dpa

Nürnberg bleibt in einem irrwitzigen Finale durch ein Tor in Minute 96 in der zweiten Bundesliga. Danach wird es turbulent. Ingolstadt fühlt sich von allen Fußballmächten im Stich gelassen. In den Fokus gerät nicht nur der Schiedsrichter.

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          Es ging los wie ein ganz normales Fußballspiel. Zwei Mannschaften, die auf den Fehler des Gegners lauerten und sich selbst nicht offenbaren wollten. Es wurde dann mit dem ersten Überraschungstreffer für den Außenseiter eine Albtraumbegegnung für den Favoriten und eine vermeintliche Traumreise für den Underdog. Und es endete mit einem Urknall nach neunzig plus fünfeinhalb Minuten obendrauf.

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          Der 1. FC Nürnberg nutzte seine letzte Gelegenheit, doch noch zweitklassig zu bleiben, durch Fabian Schleuseners Schuss zum 1:3 – und es begann der Ausnahmezustand nach einem dramatischen Relegationszweiteiler zwischen dem Drittliga-Dritten FC Ingolstadt und dem fränkischen Zweitliga-Drittletzten, der nach dem souveränen 2:0-Hinspiel-Heimsieg und fünfzig Minuten der Spielkontrolle im Ingolstädter Sportpark schwer in die Bredouille geriet, als der nach 70 Minuten eingewechselte Schleusener seinen großen Moment nutzte und den „Club“ vor dem zweiten Absturz in die Drittklassigkeit nach 1996 bewahrte.

          Und das in dem Stadion, in dem der zu Saisonbeginn aus Sandhausen nach Nürnberg gewechselte Angreifer im April 2019 fast an derselben Stelle wie bei seinem Schuss ins Glück am Samstagabend einen Schienbeinbruch erlitt. Diesmal erlebte der Mann, der für den FCN doch noch alles zum Guten wendete, zwar auch ein paar beklemmende Sekunden, als sich eine Nürnberger Jubeltraube auf ihn stürzte, doch da Schleuseners Emotionen nach seinem ersten Saisontreffer himmlisch wie lange nicht aufloderten, ertrug er die schöne Last mit Vergnügen. Alle auf einen: Das hat was im Fußball. „Ich weiß nicht, ob ich jemals so viele Männer in Tränen gesehen habe“, sagte der Nothelfer, als er um sich geschaut hatte. Seinen eigenen Schwebezustand beschrieb er so: „Ich bin einfach nur in Trance.“

          Genauso fühlten sich auch die weiterhin klassentieferen Ingolstädter, nachdem sie sich binnen dreizehn Minuten jeweils nach Freistößen von Linksverteidiger Gaus durch die Treffer von Kutschke (53. Minute), Schröck (62.) und Krauße (66.) von den Nürnbergern abgesetzt hatten und bei einem Tor mehr in der zwischenzeitlichen Gesamtrechnung auf ihr Comeback in der zweiten Bundesliga hoffen durften. Ein Jahr nachdem sie unter dem in den Sportpark zurückgekehrten Trainer Tomas Oral in der Relegation am damaligen Dritten der dritten Liga, dem SV Wehen Wiesbaden, gescheitert waren. Was damals klaglos akzeptiert wurde, endete diesmal in Wut, Fassungslosigkeit und blankem Entsetzen.

          Während Orals Nürnberger Kollege Michael Wiesinger erleichtert davon sprach, „dass uns der Fußballgott noch einmal die Hand gereicht hat“, sah sich der Ingolstädter Fußballlehrer von allen Fußballmächten im Stich gelassen. Allen voran von Schiedsrichter Dingert, der schon mit den ursprünglich angezeigten fünf Minuten Nachspielzeit überzogen und dann auch unmittelbar vor Schleuseners Schuss ins Herz der Ingolstädter ein Foul von Frey am FCI-Innenverteidiger Antonitsch übersehen habe. Diese Regelwidrigkeit aber konnte Dingert auf dem Spielfeld ebensowenig wie der zu Rate gezogene Videoassistent vor dem Monitor feststellen – und damit war es um die über beide Spiele gesehen etwas schwächer bemittelten Oberbayern geschehen.

          Der neunmalige deutsche Meister war noch einmal davongekommen – trotz eines heftigen Schwächeanfalls wie in so manchem Zweitligaspiel. Der 1. FC Nürnberg widerlegte damit ausnahmsweise das uralte Diktum, „der Club ist ein Depp“, so dass auch der bayerische Ministerpräsident und gebürtige Nürnberger Markus Söder, ein bekennender „Club“-Fan, twitterte: „Die Legende lebt doch noch – auch wenn es eine ganz schöne Zitterpartie war.“

          Dass danach ein paar Ingolstädter Spieler, voran der in diesen Augenblicken nicht gerade vorbildliche Kapitän Stefan Kutschke, ausrasteten und Händel mit den Nürnbergern, voran Trainer Wiesinger, suchten, war durch die Hitze dieses Duells im Ausnahmezustand nur in Maßen gerechtfertigt. Letztlich waren Sieger und Besiegte fix und fertig, als die Entscheidung stand und das Drama am Gipfel war. „Mein Puls ist bei zweihundert“, gestand der sichtlich gezeichnete Nürnberger Aufsichtsratsvorsitzende Thomas Grethlein später seine ganz persönlichen Ängste, „ich dachte, ich überlebe das nicht.“

          Die Nürnberger Rundfunkreporterlegende Günter Koch, diesmal als unüberhörbarer Fan auf den Rängen, war, nachdem er in der ersten Hälfte munter drauflosgeredet hatte, ganz still, als es den Nürnbergern an den Kragen zu gehen schien. Erst danach blühte der vitale Rentner mit Überzeugungsurteilen, wie, „der Club ist das Aufregendste, was es im Fußball gibt“, noch einmal auf.

          Gestartet als Absteiger und Mitfavorit für den Bundesliga-Wiederaufstieg mit einem unausgewogenen, üppigen Kader, der unter den Trainern Damir Canadi und Jens Keller nie zu einer Einheit mit einem Markenprofil wurde, war der ambitionierte 1. FC Nürnberg in seiner Angst vor dem totalen Scheitern auf den Relegationsplatz abgerutscht und entkam schließlich dem Abstieg um Haaresbreite. Der „Club“ hat nun ein paar Wochen Zeit, sich neu zu sammeln und einen neuen Trainer für die Nothelfer Wiesinger und Marek Mintal zu suchen, ehe in der nächsten Saison alles besser werden soll.

          Während Michael Wiesinger froh ist, wieder auf seinen Platz als Leiter des Nürnberger Nachwuchsleistungszentrums zurückzukehren, wird Kollege Mintal, bisher Coach der FCN-Regionalligamannschaft, als neuer Cheftrainer am Valznerweiher gehandelt. Eine Titanenaufgabe, für die der leise Slowake gute Nerven brauchte. Was das bedeutet, hat er am Samstag in Ingolstadt bis zur glücklichen Erschöpfung erlebt.

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