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1. FC Nürnberg : Anti-Depressivum Marke Oenning

  • -Aktualisiert am

Einer gibt die Richtung vor: Torschütze Christian Eigler und der 1. FC Nürnberg steigen auf Bild: REUTERS

Nach dem begeisternden Schlussspurt werden in Franken schon höhere Ziele ausgegeben: Nürnberg feiert nach dem siebten Bundesliga-Aufstieg - der Osten ist hingegen nun wieder ohne Erstligaklub.

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          „Feier frei!“ lautete das Festtagskommando des Stadionsprechers und Freibier für alle das Versprechen des „Clubs“. Zehntausend Liter Gerstensaft gratis, diese Zugabe am Pfingstsonntag war rasch konsumiert, da die Franken nun endlich wieder das berauschende Fußball-Vergnügen vor Augen haben: die Erste Bundesliga. Dahin ist der im vorigen Mai abgestiegene 1. FC Nürnberg nach den zwei vergleichsweise mühelos gewonnenen Relegationsspielen gegen Energie Cottbus zurückgekehrt.

          Dem 3:0 in der Lausitz ließ die Mannschaft von Trainer Michael Oenning am Sonntag vor 48.000 Zuschauern im ausverkauften eigenen Stadion ein 2:0 durch Tore von Eigler (29. Minute) und Mintal (37.) über die zum zweiten Mal in die Zweitklassigkeit zurückgekehrten Cottbuser folgen. Während alle Widerstandskraft aus dem FC Energie gewichen war, stürmten Tausende Nürnberger Fans den Innenraum der WM-Arena, rissen in ihrer Souvenir-Sammelleidenschaft Teile des Rasens heraus und ließen ihre Wiederaufsteiger, die vom Oberrang des Stadions aus die Siegerparty in Gang setzten, mit donnernden Sprechchören hochleben.

          Da war der Cottbuser Mannschaftsbus mit der Aufschrift „Im Osten geht die Sonne auf“ längst auf dem Weg zum Nürnberger Flughafen. Untergangsstimmung herrschte gleichwohl nicht bei dem nun ehemaligen Bundesligaklub, da sich die Mannschaft schon nach der deftigen Heimniederlage gegen den „Club“ am vergangenen Donnerstag mit dem Rückzug in die bescheideneren Gefilde des Profifußballs vertraut machen konnte.

          Erwischt: Trainer Oenning wird nass gemacht

          „Wir wollen uns zwischen Platz acht und dreizehn plazieren“

          In Cottbus müssen sie wieder einmal von vorn damit anfangen, eine irgendwann wieder erstligataugliche Mannschaft aufzubauen - mit einem neuen, noch zu findenden Trainer, da Bojan Prasnikar schon am Samstag seinen gern angenommenen Rücktritt eingereicht hatte. Und die Bundesliga wird zumindest in der kommenden Saison wie schon im Spieljahr 2005/06 ohne einen Ost-Klub auskommen müssen.

          Darüber dachten sie in Nürnberg an Pfingsten nicht nach. Zum siebten Mal - ein Rekord, den sich der „Club“ mit Arminia Bielefeld teilt - ist der FCN nun in die erste Liga aufgestiegen, und wie jedes Mal wieder sollen sich die Franken endlich auf Dauer oben halten. Der unverwüstliche „Club“-Patriarch Michael A. Roth, sturmerprobt im Auf und Ab der Nürnberger Gezeiten, nahm sogleich höhere Ziele ins Visier. „Wir dürfen uns von vornherein nicht hinten reindrängen lassen“, lautete seine Vorgabe, „und müssen sehen, dass wir uns irgendwo zwischen Platz acht und dreizehn plazieren.“

          Wenn das so einfach wäre. Fürs Erste ist dem „Club“ nur das Kunststück gelungen, aus nahezu aussichtsloser Lage in der zweiten Liga zehn Punkte Rückstand zur Tabellenspitze wettgemacht und einen Schlussspurt mit Erstligatempo hingelegt zu haben. Eine Leistungssteigerung, die vor allem der 43 Jahre alte Cheftrainer-Novize Michael Oenning herbeigeführt hat. Ihm galten die allerersten Glückwünsche der Spieler, der Fans und der anderen Verantwortlichen beim „Club“.

          „Wir haben den Leuten aus der kollektiven Depression geholfen“

          Schon nach dem zweiten Spieltag war Assistent Oenning nach oben aufgerückt, weil Thomas von Heesen, der mit den Nürnberger Verhältnissen nicht zurechtkam, aufgab. Es dauerte danach, ehe die Oenning-Lehre Schule machte und die Nürnberger zum Erfolg zurückfanden. In der Rückrunde jedoch, vor der der Trainer noch einmal altes gegen neues, junges Personal ausgetauscht hatte, griff der Mix aus Erfahrung und Talent, eroberte der „Club“ 35 Punkte und gewann das Unternehmen Bundesliga-Comeback an Kontur. „Wir haben den Leuten aus der kollektiven Depression geholfen“, beschrieb Sportdirektor Martin Bader den Stimmungsumschwung in Nürnberg.

          Ein Zuschauerschnitt von 35.000 in der zweiten Liga belegt, wie viel Begeisterungspotential dieser Traditionsverein nach wie vor wecken kann, wenn die Perspektiven stimmen und alle gemeinsam auf ein Ziel fixiert sind. Oenning selbst, ein selbstbewusster, ruhiger Westfale, blieb während der nach 18 Jahren Pause wiedereingeführten Relegation zwischen dem Bundesliga-Dritten und dem Zweitliga-Sechzehnten über 180 Minuten vergleichsweise entspannt. „Wenn man fünf Tore schießt und keins bekommt, braucht man nicht viele Nerven.“

          Michael Oenning: „Felix Magath war ja auch schon hier“

          Eine Liga höher will Oenning zunächst seinen Aufsteigern vom Sonntag vertrauen, „weil man etwas Intaktes pflegen sollte“. Ein paar neue Kräfte aber sollen den „Club“ zusätzlich verstärken, der sich zuletzt auf bewährte Kräfte wie den vor einem Jahr zurückgekehrten Torhüter Raphael Schäfer, das wiederbelebte „Phantom“ Marek Mintal oder den Mittelfeldankurbler Peer Kluge ebenso stützen konnte wie auf den begabten Nachwuchs, verkörpert durch die U-19-Europameister Dennis Diekmeier und Stefan Reinartz.

          Dazu kamen in Christian Eigler und Isaac Boakye zwei kaltblütige Torschützen, die zumindest für Zweitligaverhältnisse erstklassig waren. Gekommen, um zu bleiben - so heißt Michael Oennings nächste Mission. Er geht sie entspannt wie so vieles in seinem Leben an. Der Mann könnte Karriere machen. Selbstironisch lächelnd verwies der Nürnberger Aufsteiger des Jahres auf einen großen Vorgänger in diesem „Club“, der schon neun Mal, lang ist's her, deutscher Meister war: „Jeder Trainer hat mal klein angefangen. Felix Magath war ja auch schon hier.“

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