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FC-Trainer Baumgart : Auf dem Weg zum „Klopp von Köln“

  • -Aktualisiert am

Die Kölner schätzen seine Offenheit: Steffen Baumgart Bild: dpa

Steffen Baumgart und Köln – das scheint ganz wunderbar zu passen. Nun erwartet ihn das „größte Derby, das ich bisher gespielt habe“. Eine Niederlage würde viele Leute ziemlich wütend machen.

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          Tief in einer anderen Zeit scheint dieses Fußballspiel zu liegen, das die trostlose Ära der leeren Bundesligastadien eröffnete. Damals im März 2020 spielte der 1. FC Köln in einem nachgeholten Derby ohne Publikum in Mönchengladbach und verlor 2:1. Nun, 20 Monate später, tobt die Pandemie heftig wie nie zuvor, zum erbittertsten Derby, das die Liga derzeit zu bieten hat, dürfen an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) dennoch 50.000 Menschen kommen.

          Bundesliga

          „Wir haben eine volle Hütte, darauf sollten wir uns freuen“, sagt Kölns Trainer Steffen Baumgart, der unbedingt die ganze emotionale Wucht dieses Duells erleben möchte. „Die sportliche Rivalität muss auf dem Platz zu spüren sein“, sagt der 49 Jahre alte Rostocker, der ein Meister darin ist, emotionale Kräfte von außen in Treibstoff für sein Team zu transformieren. „Für mich ist das das größte Derby, das ich bisher gespielt habe“, sagt er und verkündet: „Ich finde es schön, dass ich das Gefühl habe: Wir können dieses Spiel gewinnen.“

          Anders als vor dem im Vergleich eher kleinen Derby gegen Bayer Leverkusen hat Baumgart jedoch auf Provokationen in Richtung des Gegners verzichtet. Das war sicher klug, schließlich kam es in den vergangenen Jahren regelmäßig zu Gewaltausbrüchen rund um die Begegnungen dieser Klubs. Es wird intensiv und giftig werden, und mit einem Sieg können die erstaunlich starken Kölner wieder zu den Gladbachern aufschließen.

          Zwar hat der FC in der Bundesliga zuletzt fünfmal nicht gewonnen, aber die Leistungen war in aller Regel sehr ordentlich. Baumgart und Köln – das scheint ganz wunderbar zu passen. Auf dem Platz, wo der FC einen mitreißenden Offensivfußball wagt, aber auch jenseits des Wettkampfes, wo dieser Trainer immer wieder interessante Impulse für die atmosphärischen Entwicklungen gibt.

          Ohne diplomatische Etikette

          Baumgart strahlt ein ansteckendes Selbstvertrauen aus, er hat Humor, macht Sprüche, ist sehr ehrlich und vollkommen furchtlos. Über Mannschaften und Trainerkollegen, die eher defensiv denken, sagt er beispielsweise in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Wenn ich hinten einen Bus reinstelle und am Ende 0:0 spiele, dann ist das für mich keine tolle Leistung, das ist gar nichts. Das hat mit Fußball für mich nichts zu tun, das ist einfach nur Schiss vor dem Gegner, so deutlich möchte ich das sagen.“

          Baumgart legt sich ohne diplomatische Etikette mit der Stadt an, weil der geplante Ausbau des Klubgeländes aufgrund politischer Bedenken stockt. Und zur Entscheidung des Vorstandes, sich am Tag des vollbrachten Klassenverbleibs von Sportgeschäftsführers Horst Heldt zu trennen, sagt er: „Das hat mich damals schon überrascht. Der Klub hatte die Relegation gewonnen, da hätte man eigentlich nach vorne gucken können. Und dann kommt so was.“ Den Herren in der Chefetage können solche spitzen Bemerkungen an ihre Adresse nicht gefallen haben. Aber die meisten Fans sind begeistert von dieser Offenheit, und Baumgart betont: „Bisher hat mit mir noch keiner in der Zusammenarbeit Probleme gehabt.“

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          Christian Keller kann sich also auf eine interessante Zeit mit Baumgart freuen, sofern dieser Trainer im kommenden April noch für die Kölner arbeitet. Dann tritt Keller als arg verspäteter Nachfolger Heldts seinen Dienst in Köln an. Am Geißbockheim feiern sie das als Coup und weiteren Schritt in eine stabile Zukunft. Keller war der Mastermind hinter dem Aufschwung bei Jahn Regensburg, den der Professor für Sportmanagement von der vierten Liga bis in die Spitze der zweiten Liga führte. Im Oktober bat er um die Auflösung seines Vertrages und wird nach einer Ruhephase im kommenden Frühjahr ins Rheinland übersiedeln.

          Im Prozess der Selbsterneuerung ist Baumgart also nur ein Mosaikstein, zumal der Trainer weiß, dass er selbst jene Position einnimmt, auf der die meisten Wechsel stattfinden. Das hält ihn aber nicht davon ab, von einer dauerhaft prägenden Rolle in Köln zu träumen: „Es ist einfach immer mein Wunsch mitzugestalten“, auch wenn Trainer oft nur „eine gewisse Zeit in einem Klub arbeiten, und die ist vielleicht kürzer, als man sich das wünscht“.

          Baumgart hofft darauf, zu den Ausnahmen zu zählen. Der „Klopp von Köln“ zu werden „wäre doch ein schönes Ziel“, hat er schon vor längerer Zeit gesagt. Ein Sieg über den Erzrivalen vom Niederrhein würde das Ansehen dieses eigenwilligen Fußball-Lehrers in jedem Fall weiter steigern, während eine Niederlage viele Leute ziemlich wütend machen würde. Aber im Gegensatz zu vorsichtigeren Trainerkollegen empfindet Baumgart große Sympathien für wilde Achterbahnfahrten durch die bunte Welt der Fußballemotionen.

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