https://www.faz.net/-gtm-6v3rr

1. FC Köln : Nachfolger verzweifelt gesucht

  • -Aktualisiert am

Trauerarbeit in Köln: Overath nach seinem Abschied Bild: dpa

Nach dem Rücktritt von Wolfgang Overath steht der 1. FC Köln ohne Präsident da. Der Bundesligaklub wirkt längst nicht so gut aufgestellt, wie es das Fußballidol behauptet.

          3 Min.

          Vor kurzem trat die Popsängerin Rihanna in Kölns größter Eventhalle auf, demnächst kommt Paul McCartney. Dazwischen nutzte Wolfgang Overath die große Bühne im Kölner Stadtteil Deutz zu einem Drama, das noch eine Weile nachwirken wird. Kurz vor Beginn der Mitgliederversammlung spielt die Regie einen kurzen Film ein, dessen musikalische Begleitung ein wenig an den Soundtrack eines Hollywoodfilm erinnert. Am Ende des Films steht die Botschaft: „Wir müssen alle an einem Strang ziehen, lasst bitte nicht los!“

          Knapp zwanzig Minuten später lässt die berühmteste Fußballikone der rheinischen Metropole los. Overath tritt nach sieben Jahren von seinem Posten als Präsident des 1. FC Köln zurück, seine beiden Vorstandskollegen Jürgen Glowacz und Friedrich Neukirch folgen ihm. Gemeinsam verursachen sie ein Beben, das die Vereinsfamilie heftig erschüttert. Im Laufe des Nachmittags kommt es zwischen Anhängern und Gegnern Vorstands vereinzelt sogar zu Handgreiflichkeiten.

          Anfeindungen einer „kleinen Gruppe“

          Rund um diesen Rücktritt gibt es viele Argumente und Scheinargumente, die teils abseits des guten Geschmacks ausgetauscht werden. In einem Punkte aber sind sich alle einig: Ganz Köln ist überrascht. Ein paar Tage zuvor hatte Overath angekündigt, sich erst in zwei Jahren, also zum Ende der Wahlperiode, zurückzuziehen - und alle hatten es geglaubt. Zumal nach seinem kämpferischen Auftritt auf der Mitgliederversammlung des Vorjahres. Dort hatte er das Bild eines Klubchefs abgegeben, der sich weder von Kritik noch von der verweigerten Entlastung noch von Anfeindungen aus der Bahn werfen und schon gar nicht von einer „kleinen Gruppe“ vom Hof jagen lässt.

          Bei seinem Rücktritt spricht Overath wieder von dieser Gruppe, die sich „FC: Reloaded“ nennt. „Es nervt, wenn eine vielleicht auch nur kleine Gruppe immer wieder attackiert. Ich habe mich über diese Menschen geärgert“, sagt er. Ihre Kritik sei „nie konstruktiv“ gewesen. Er und seine beiden loyalen Mitstreiter Glowacz und Neukirch wollten sich auch „nicht mehr über Spielberichte ärgern und sich die Wochenenden versauen lassen“. Da klingt viel Bitternis mit, die sich offenbar nicht nur auf „FC:Reloaded“ bezieht. „Wir waren auch intern in letzter Zeit nicht immer ein Team. Dann überlegt man sich, warum man so etwas freiwillig und ehrenamtlich macht.“

          Auf Wiedersehen! Wolfgang Overath gibt sein Präsidentenamt auf

          Vor sieben Jahren, als er anfing, war die Antwort klar: „Aus Liebe zum FC, dem es schlechtging“. Diese Liebe sei ungebrochen, sagt Overath - offenbar ist sie aber nicht mehr stark genug, all das zu erdulden, was dieser Mann für unerträglich hält, dessen Nehmerqualität sich in Grenzen hält. Der 68-Jährige wirkt zermürbt, obwohl die Mannschaft in der Bundesliga als Tabellenelfter relativ gut dasteht, viel besser jedenfalls als vor zwölf Monaten (da war Köln Letzter des Klassements). Schon damals hatte er den Eindruck vermittelt, zu Unrecht von undankbaren Mitglieder ohne ausreichenden Sachverstand angegriffen zu werden.

          Verwaltungsrat führt übergangsweise

          Was Overath aber genau meint, wenn er etwa interne Differenzen anführt, bleibt sein Geheimnis. Nach der Versammlung gibt er zwar Autogramme, will seinen Rücktritt aber nicht näher erläutern, sondern deutet an, „in vierzehn Tagen oder drei Wochen“ vielleicht doch konkreter zu werden. Die Regelung seiner Nachfolge wolle er nicht beeinflussen, sagt Overath.

          Übergangsweise führt Werner Wolf den Verein, der neu gewählte Vorsitzende des Verwaltungsrates - bis auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung ein neuer Vorstand gewählt wird. „Es geht bei dieser Entscheidung um eine wichtige Weichenstellung für die Zukunft des Vereins. Das kann man nicht übers Knie brechen“, sagte Wolf, der mit der Kandidatensuche an diesem Donnerstag beginnt.

          Übergangsweise Vereinschef: Werner Wolf

          Der Verwaltungsrat, so sagte dessen Chef weiter, werde zunächst ein Profil erstellen und anschließend die Gespräche mit möglichen Kandidaten aufnehmen: „Bis es dann zur Mitgliederversammlung mit allen Fristen und Vorgaben kommt, kann es gut und gerne auch Februar oder März nächsten Jahres werden.“

          Gewagte These

          Das operative Geschäft dürfte kurzfristig allerdings nicht leiden. Sportdirektor Volker Finke und Cheftrainer Stale Solbakken stehen inzwischen für eine solide sportliche Entwicklung. Overath würdigt sie als „zwei gute Leute, die einen tollen Job machen“, und erhält dafür viel Beifall. Auch die Rückkehr des Nationalspielers Lukas Podolski fällt in seine Regentschaft. Daraus (und aus anderen Verdiensten) allerdings abzuleiten, der Klub sei „für die Zukunft gut aufgestellt“, wie Overath behauptet, erscheint gewagt, nicht nur der 31 Millionen Euro Schulden wegen, die das Wirtschaftsunternehmen 1 FC Köln drücken.

          Der scheidende Präsident selbst konterkariert seine These. „Vier Jahre nacheinander erstklassig zu sein, das reicht uns nicht“, sagt er, kurz bevor er seinen Rücktritt erklärt. Und auch mit Blick auf die inneren Werte sieht er den Klub seines Herzens nicht in bester Verfassung. „Der FC braucht einen Geschäftsführer, aber ein Verein wie der FC hat es verdient, eine Seele zu haben.“ Keine besonders freundliche Art, die Arbeit des Geschäftsführers Claus Horstmann zu würdigen, meinen viele. Unter dem Eindruck der Ereignisse vom Sonntag könnte der Eindruck entstehen, zum Abschied wollte Overath „seinem“ Verein vor Augen führen, dass es ohne ihn noch schwerer werden könnte als mit ihm.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.