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1. FC Köln : Karneval ohne einstudierte Witze

  • -Aktualisiert am

Der Präsident gibt nicht auf: Overath will kämpfen Bild: dapd

Am Tag nach der Jahreshauptversammlung seines 1. FC Köln hat sich Wolfgang Overath fürs Weiterkämpfen entschieden: Der einst geniale Spielmacher und heutige Vereins-Präsident will sich nicht „Chaoten“ beugen.

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          Der „FC“ gehört zu Köln wie der Karneval. Und natürlich kommt es zwischen diesen beiden Institutionen zu Schnittmengen, zumal wenn der Elfte im Elften erst wenige Tage zurückliegt. Mitgliederversammlungen des 1. FC Köln stehen den großen Veranstaltungen des Sitzungskarnevals in ihrem Unterhaltungswert nicht nach. Der Unterschied liegt woanders: Während die Jecken ihre Witze ein ganzes Jahr lang einstudieren, machen die Karnevalisten des Fußballs sich zum Narren, indem sie einfach nur sie selbst sind. Ein erster Höhepunkt war am Mittwochabend erreicht, als der Versammlungsleiter zu Ehren der Geburtstagskinder unter den mehr als dreitausend Anwesenden ein schiefes „Happy Birthday“ anstimmte und aus dem Saal das lautstarke Zeichen bekam, zur Sache zu kommen.

          Wenig später schritt Wolfgang Overath, der ikonengleiche Präsident, ans Rednerpult. Pfiffe und „Vorstand-raus“-Rufe ließen ihn zunächst nicht zu Wort kommen, andere setzten diesen Anfeindungen Beifall entgegen. Overath schwieg eine Weile und sagte dann mit Blick auf die Applaudierenden: „Vielen Dank.“ Das war eine der gehaltvolleren Äußerungen auf dem Podium, jedenfalls nach Ansicht der aufgebrachten Basis.

          Stunden später verweigerte eine große Mehrheit Overath sowie seinen Vorstandskollegen Jürgen Glowacz und Friedrich Neukirch die Entlastung - ein Votum, das sogar in emotional geprägten Zusammenkünften dieser Art äußerst selten ist. Bei der Entlastung geht es vor allem darum, darüber abzustimmen, ob der Vorstand für grobe Pflichtverletzungen zur Rechenschaft gezogen werden soll, die dem Verein Schaden zugefügt haben. Die Mehrheit der Mitglieder widmete die Verweigerung der Entlastung zu einem Misstrauensvotum um, das allerdings keine unmittelbaren Konsequenzen hat, sondern vor allem eine Warnung und vielleicht sogar eine Aufforderung zum Rücktritt sein sollte. 1317 Mitglieder stimmten gegen die Entlastung, 104 enthielten sich, und nur 520 votierten zugunsten des Vorstands.

          Kämpferisch: Präsident Wolfgang Overath will nicht zurücktreten, sondern weitermachen

          Am Tag danach zeigte sich Overath, der vor zwölf Monaten erst für fünf Jahre wiedergewählt worden war, immun gegen Angriffe von der Basis. „Ob und wann ich zurücktrete, bestimme ich selbst, nicht eine Gruppe von Chaoten“, sagte er.

          Sportdirektor als Ausweg?

          Overath, einst Weltmeister auf dem Rasen, hätte es sich leicht machen und die Basis besänftigen können, indem er ihre zentrale, im Stadion wie in der Versammlung lauthals erhobene Forderung erfüllt hätte: „Meier raus!“ Doch die Entlassung des Geschäftsführers Michael Meier, den viele für die sportliche Misere des Tabellenletzten verantwortlich machen, kommt für den Präsidenten offenbar nicht in Frage, zumal Meier erst im vergangenen Jahr einen neuen Vierjahresvertrag erhalten hatte.

          Overath deutete allerdings an, über die Berufung eines Sportdirektors nachzudenken. Der Präsident selbst lehnt jede Verantwortung für die heftig kritisierte Personalpolitik der vergangenen Jahre ab. „Ich bin weder Trainer noch Scout noch Sportdirektor“, sagte Overath. Bei Spielertransfers befasse sich der Vorstand nur mit der Frage, ob sie finanziell zu stemmen seien. Auch hier stößt der Klub an Grenzen, angesichts von 24 Millionen Euro Schulden.

          Serie von Phrasen und Floskeln

          Eine Weile hat Overath sogar überlegt, ob er noch Präsident sein wolle. Zwei Herzen hätten in seiner Brust geschlagen, doch er sei entschlossen zu kämpfen, weil er „diejenigen, die es gut meinen mit dem Verein, nicht im Stich lassen“ wolle. Die Mehrheit im Saal hat Overath nicht überzeugt - weder mit seinem Kampfeswillen noch mit seinem Zehnpunkteplan, der letztlich eine Serie von Phrasen und Floskeln war.

          Bevor der Siebenundsechzigjährige das Wort ergriff, empfahl er den Schreihälsen im Publikum, ihre Stimme zu schonen. „Danach können Sie schimpfen soviel sie wollen.“ Zu diesem Zeitpunkt ahnte Overath nicht, wie wirkungslos seine Rede verpuffen würde. Allein Punkt eins („über allem steht der FC“) und Punkt zehn, eine Art Bekenntnis zu dem überaus beliebten neuen Trainer Frank Schaefer, bildeten einen gemeinsamen Nenner.

          Ausgerechnet dieser Trainer, ein Novize in der Bundesliga, gilt als Hoffnungsträger in einer Phase, da sogar der Glanz eines Overath verblasst. Schaefer und sein Assistent Dirk Lottner, beides Ur-Kölner mit starker FC-Sozialisation, waren die einzigen beiden Männer, die mit nachhaltigem Applaus begrüßt und verabschiedet wurden, als hätten sie mit dem demütigenden 0:4 wenige Tage zuvor gegen den Erzrivalen Mönchengladbach nichts zu tun gehabt. Immer wieder forderten Mitglieder Overath auf, den bisherigen Übergangstrainer fest zu installieren.

          Overath versprach, Schaefer das Vertrauen zu schenken, „egal wie es läuft“, vermied es aber, einen Zeitraum zu nennen. Das ist sogar verständlich. Overath musste sich ja erst einmal selbst darüber klar werden, ob er lange genug bleibe, um Angestellten Beschäftigungsgarantien ausstellen zu können.

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