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Fußball-Bundesliga : Köln in Europa? – „Dann brennt hier die Hütte!“

  • -Aktualisiert am

Pausenlos ein Gefühl wie im Karneval: Die Kölner Spieler feiern den Sieg gegen Werder Bremen mit Anhang. Bild: dpa

Erstmals seit 25 Jahren kann sich der 1. FC Köln wieder für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren – ausgerechnet beim Rivalen in Leverkusen. Und der Klub hat sogar weitere Visionen.

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          Ob Spieler, Trainer oder die Vereinsführung – beim 1. FC Köln haben sie sich lange geziert, ihre neuen, europäischen Ambitionen beim Namen zu nennen. Zu oft in der bewegten Geschichte des rheinischen Großvereins hatten Protagonisten das Vorurteil bestätigt, schon bei ersten Anzeichen für einen möglichen Aufschwung den Blick für die Realität zu verlieren. Inzwischen wird der „FC“ als Klub wahrgenommen, den eine gewisse Bodenhaftung kennzeichnet. Also blieben die Kölner lieber vorsichtig und erfreuten sich an dem sportlichen und wirtschaftlichen Wachstum, das sich in den vergangenen drei Jahren nach der Rückkehr in die Fußball-Bundesliga entwickelt hat.

          Doch der fulminante Heimsieg zuletzt über Werder Bremen, eine Mannschaft, die zuvor elf Spiele am Stück unbesiegt gewesen war, hat etwas verändert in den Köpfen der Kölner. Kurz vor Ultimo erscheint das Ziel zu realitätsnah, als dass sie es aus taktischen Gründen leugnen könnten oder wollten. Also folgen den Taten auch Worte. „Es sind noch zwei Spiele bis zu unserem großen Traum, dafür wollen wir alles geben“, sagt Mittelfeldspieler Leonardo Bittencourt. „Wenn wir der Stadt diesen Traum erfüllen, dann wird hier die Hütte brennen.“ Und Torjäger Anthony Modeste spricht explizit aus, was so mancher in der Mannschaft wohl schon länger denkt: „Wir wollen in die Europa League.“

          Es wäre die erste Europapokal-Teilnahme nach einem schwierigen Vierteljahrhundert, in dem Köln fünf Abstiege hatte verkraften müssen und vom vermeintlichen „Real Madrid des Westens“ zur Nummer drei im Rheinland (hinter Leverkusen und Mönchengladbach) geschrumpft war. Das ist vorbei: Die Mannschaft braucht vermutlich zwei Siege, um den sechsten Platz zu erreichen, der den Einzug in die Europa League ermöglicht. Falls Borussia Dortmund am 27. Mai den DFB-Pokal gewänne, genügte auch der siebte Platz, allerdings nur für die dritte Qualifikationsrunde.

          Die Kölner Hoffnungen stützen sich längst nicht mehr auf einen flüchtigen Trend, sondern auf eine ernst zu nehmende Hochrechnung. Eine Zeitlang hatte es so ausgesehen, als hätte die Mannschaft im Laufe der Rückrunde (zu) viel von ihrer Wucht, ihrer Dynamik verloren, um sich in der Spitzengruppe halten zu können. Doch in den Spielen gegen Hoffenheim (1:1), in Dortmund (0:0) und vor allem mit dem Fest gegen Bremen (4:3) hat sie sich zurückgemeldet. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Kölner den nächsten, den vorletzten Schritt ins internationale Geschäft an diesem Samstag im Derby gegen Bayer Leverkusen machen können.

          Sind ein kongeniales Duo - und haben sich auch so ganz dolle lieb: Manager Schmadtke (links) und Trainer Stöger. Bilderstrecke

          Räumlich liegen nur wenige Kilometer zwischen diesen beiden Klubs – finanziell, emotional und auch sportlich trennen sie seit Jahren (Fußball-)Welten. In der entscheidenden Phase dieser Saison begegnen sie einander aber wie unter umgekehrten Vorzeichen. Leverkusen, seit langem auf den europäischen Wettbewerb, vorzugsweise die Champions League geeicht, steckt im Abstiegskampf. Und als wäre das nicht schon kläglich genug angesichts der Mittel, die Bayer den Fußball-Verwaltern des Chemiekonzerns zur Verfügung stellt, müssen die Leverkusener auch noch zum größeren, beliebteren, aber jahrzehntelang vergleichsweise erfolglosen Nachbarn aufschauen, wenn sie die Tabelle betrachten.

          Ein Klub im Wandel

          Der 1. FC Köln wirkt inzwischen so, wie der Claim des Klubs es seit einiger Zeit verspricht: „Spürbar anders“. Ob auf dem Rasen des Müngersdorfer Stadions oder im Geißbockheim – der FC arbeitet seriös und zielgerichtet auf eine kontinuierliche Entwicklung hin. Genau daran hatte es lange gefehlt, bis die beiden Geschäftsführer Jörg Schmadtke und Alexander Wehrle den Klub gemeinsam mit dem österreichischen Trainer Peter Stöger Schritt für Schritt auf eine gesunde Basis stellten. Weniger Schulden, mehr Eigenkapital, dazu eine werthaltige Mannschaft – die Arbeit der vergangenen Jahre trägt Früchte.

          Kontinuität bei den leitenden Angestellten ist ebenso ein Baustein des Erfolges wie die Tore des französischen Stürmerstars Modeste, der in dieser Saison schon 25 Mal getroffen hat. Sportchef Schmadtke und sein kaufmännisches Pendant Wehrle haben ihre Verträge in dieser Woche vorzeitig verlängert; sie sind nach dieser Saison noch weitere sechs Spielzeiten an den 1. FC Köln gebunden. Dem Vorstand sei es „wichtig, die Geschäftsführung langfristig an Bord zu haben“, sagt Vereinspräsident Werner Spinner. Es gehe auch darum, „zu unterstreichen, dass wir mit ihnen und dem 1. FC Köln noch viel vorhaben“.

          In Köln ist Demut eingekehrt

          Auch Stöger steht für Kontinuität; er arbeitet seit fast vier Jahren für den Geißbock-Klub, und sein Vertrag läuft noch bis Ende Juni 2020. Für einen Bundesliga-Trainer sei das „eine ungewöhnlich lange, in der FC-Historie eine unfassbar lange Zeit“, sagt der Fußball-Lehrer. „Mehr Vertrauen in die handelnden Personen kann es eigentlich nicht geben. Stöger hat nicht nur der Mannschaft zu Stabilität und Dynamik verholfen – er propagiert auch ein Umdenken weg von allzu hochfliegenden Ansprüchen hin zu mehr Bescheidenheit. „Klar, der Europapokal ist natürlich ein Traum“, sagt Stöger. Da nehme er sich nicht aus. „Aber ich gehe das mit der nötigen Demut an.“ Demut – ein Ausdruck, für den im Kölner Fußballvokabular lange Zeit kein Platz war.

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          Der Klub schickt sich an, aus seinen bestehenden Strukturen buchstäblich herauszuwachsen. Wenn Wehrle mit Blick auf die nächsten Jahre von „strategischen und wegweisenden Projekten“ spricht, meint er damit sicher auch ein Bauvorhaben. Den Verantwortlichen schwebt mittelfristig ein moderneres, größeres Stadion vor, das im Idealfall 75.000 Zuschauer, also fünfzig Prozent mehr als die aktuelle Spielstätte fassen und so den Umsatz signifikant steigern soll. „Wenn wir den durchschnittlichen Besuch nach einem Ausbau auf mehr als 60.000 Zuschauer erhöhen können, bedeutet das 10 bis 15 Millionen Euro mehr Umsatz“, sagte Spinner dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Er sehe „keinen anderen Bereich, in dem solche Steigerungen möglich wären“. Ausbau, Neubau, alter Standort, neuer Standort (womöglich sogar an der Peripherie der Stadt): Alles wird geprüft.

          Der Einzug ins internationale Geschäft ist für die Kölner ein Traum, das Stadion eine Vision, die Weiterentwicklung der Mannschaft ein Anspruch – aber eins ist schon jetzt sicher: Nach langer Zeit wird Köln in der Abschlusstabelle wieder vor Leverkusen stehen. Doch dieses gelungene Überholmanöver erscheint, bei aller Rivalität, zweitrangig. „Es bedeutet mir nichts, dass wir erstmals seit 21 Jahren am Ende wieder vor Leverkusen landen werden“, sagt Geschäftsführer Schmadtke. „Wir stehen nicht in einem Wettbewerb alleine mit Leverkusen. Dass Bayer eine Saison unter Wert spielt, ist klar. Aber das geht uns nichts an.“ Der sechste Platz interessiert die Kölner weitaus mehr.

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