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1. FC Kaiserslautern : Verein der Steuerzahler

  • -Aktualisiert am

Schreckgespenst Rote Teufel: Die Stadt Kaiserslautern plagen 900 Millionen Euro Schulden, der Verein wird trotzdem gefördert Bild: dapd

Am Abend spielt der 1. FC Kaiserslautern gegen den SV Sandhausen um seine Aufstiegschancen: Aber auch Immobiliengeschäfte mit der Stadt und Rabatte bei der Stadionmiete sorgen immer wieder für Unruhe. Ist nun sogar die EU gefragt?

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          Die unheilvolle Verbindung zwischen der Stadt mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland und einem auf fragwürdige Weise geführten Fußballverein gerät immer mehr in den Fokus. Kaiserslautern und der FCK, ein Finanz-Harakiri – so sehen Experten die Lage im schwer durchschaubaren Dickicht zwischen Kommune und wackelnder Pfälzer Fußball-Institution. Die Rede ist von „Klüngelei“, von „Erpressung“ und „Veruntreuung“. Neue Millionengeschenke an den Zweitligaklub aus der Tasche des Steuerzahlers sorgen für Verwerfungen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nicht nur die Kommunalaufsicht, sondern auch der Landesrechnungshof in Rheinland-Pfalz kommt ins Spiel. Sogar die Europäische Kommission in Brüssel könnte eingreifen. „Unwirtschaftliche Pachtverträge, großzügige Stundungen und windige Immobiliendeals stellen indirekte Subventionen dar. Die EU sollte dringend prüfen, ob die undurchsichtige Konstruktion nicht in den Bereich der illegalen Beihilfen fällt. Der Verdacht liegt nahe“, sagt René Quante der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Geschäftsführer des Steuerzahler-Bundes Rheinland-Pfalz.

          Die Schuldenuhr in der Stadt Kaiserslautern bewegt sich auf die 900-Millionen-Euro-Marke zu. Dennoch drückte der FCK in der vergangenen Woche bei einer nichtöffentlichen Stadtratssitzung ein neues „Mietmodell“ für das Stadion auf dem Betzenberg durch, das ihm die Lizenz und das finanzielle Überleben sichern soll. Die Grundpacht für die zweite Liga wurde kurzum von bisher 3,2 Millionen Euro auf 2,4 Millionen gesenkt. In der ersten Liga würde sie bei 3,6 Millionen liegen. Es gibt eine Abmachung für zusätzliche Zahlungen, aber nur dann, wenn sich mit sportlichem Erfolg höhere Einnahmen einstellen (zum Beispiel im DFB-Pokal) oder die Zuschauereinnahmen über der Kalkulation liegen.

          Auch der Rückkauf des Nachwuchsleistungszentrums („Fröhnerhof“) durch den Verein wirft Fragen auf. „Die städtische Stadiongesellschaft hat 2003 für den Fröhnerhof über sechs Millionen Euro an den 1. FCK gezahlt. Nun kauft der Verein die Immobilie für 2,6 Millionen Euro zurück. Das macht einen unbegreiflichen Wertverlust von über 50 Prozent“, sagt Quante und fragt sich: „Wurde der Fröhnerhof damals zu einem Mondscheinpreis gekauft oder wird die Immobilie jetzt zu einem Spottpreis verschleudert? Im Endeffekt wurden über 3,4 Millionen Euro an Steuergeld an den 1. FCK verschenkt. Das spottet allen Grundsätzen zum sparsamen und wirtschaftlichen Handeln.“

          Sportlich läuft es nach einigen Niederlagen derzeit nicht für den FCK

          Zur Entschuldung des fast bankrotten FCK Anfang der 2000er hatte die Stadt Kaiserslautern das Fritz-Walter-Stadion und das Leistungszentrum mittels einer Stadiongesellschaft übernommen und sich dafür bei Banken Geld geliehen. Seither steht ein Kredit von rund 65 Millionen Euro in den Büchern, der allerdings nicht wirklich getilgt werden kann. Die bisherige Stadionmiete von 3,2 Millionen Euro pro Jahr, die in der Vergangenheit unregelmäßig geflossen ist, reicht nur zum Bedienen der Bankzinsen.

          Was passiert, wenn vom FCK in der zweiten Liga nur noch 2,4 Millionen Euro pro Saison überwiesen werden? Diese Mindereinnahme soll die Stadiongesellschaft aus den 2,6 Millionen für den Verkauf des Leistungszentrums ausgleichen. Bliebe der FCK also drei Jahre in der zweiten Liga, hätte er so den Kauf des „Fröhnerhofs“ finanziert. Ein „Selbstbetrug“, findet Quante. „Mit dieser Konstruktion sollen nur die niedrigen Pachteinnahmen verschleiert werden.“

          „Vorbehaltlose Unterstützung des Vereins“

          Immer wieder schon wurde die Pacht in den vergangenen Jahren reduziert. Gegen sogenannte Besserungsscheine (Begleichung von Schulden in wirtschaftlich besseren Zeiten) in Höhe von 5,3 Millionen Euro. Davon ist erst eine Million zurückgezahlt. 1,8 Millionen wurden verrechnet mit angeblichen Investitionen des FCK ins Stadion. Der Rest ist noch offen. Aufsichtsratsmitglieder der Stadiongesellschaft bemängelten schon die mangelnde Transparenz. Die Kommunalaufsicht ist seit einigen Monaten an dem Thema. Auf Anfrage der F.A.Z. bei der Stadiongesellschaft stellte sich am Mittwoch heraus, dass die Stundungen anderer Mietforderungen an den FCK aus der Vergangenheit von 1,2 Millionen um zwei weitere Jahre bis 2016 verlängert wurden.

          Die Politik zieht beim FCK-Sponsoring durch den Steuerzahler mit. Bei der FCK-Mitgliederversammlung im Dezember erhielt der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) den „Goldenen Ehrenring“ des Klubs für seine „vorbehaltlose Unterstützung des Vereins“. Von Becks Nachfolgerin Malu Dreyer (SPD) ist bisher keine Ansage zum Umdenken gekommen. Ihr gemeinsamer Parteigenosse Klaus Weichel als Oberbürgermeister der Stadt spricht von einer „nachhaltigen Lösung“.

          Dabei will das Team um Trainer Kosta Runjaic in die Bundesliga aufsteigen

          Auch die CDU zog im Stadtparlament mit. Doch ging der Merkel-Partei der Spitzenkandidat für die Kommunalwahl nach dem umstrittenen Entscheid vergangene Woche abhanden. Angeblich zog sich der auf bundesweiten CDU-Plakataktionen als „Hoffnungsträger“ titulierte Lokalpolitiker aus „gesundheitlichen Gründen“ zurück. Vielleicht wurde ihm auch die Verschwendung für den Profifußball zu heikel. Öffentliche Kritik am Deal im Stadtparlament kam nur von Grünen, der FDP und Linken.

          Dass die EU-Kommission vermehrt die Subventionen für den Fußball auf ihre Rechtmäßigkeit prüft, zeigten zuletzt die Ermittlungen gegen Real Madrid und den FC Barcelona. „Offenbar ist nicht allen Kommunen bewusst, dass Beihilfevorschriften auch für finanzielle Unterstützung örtlicher Profivereine gelten“, sagt der Münchner Rechtsanwalt und Kartellrechtler Mark-E. Orth allgemein.

          „Das Thema betrifft nicht nur Topklubs“

          Es droht eine Rückzahlung, Konkurrenten der Klubs können auf Schadenersatz klagen. „Das Thema betrifft nicht nur Topklubs wie Real Madrid, sondern auch den örtlichen Reitverein, die Kletterhalle oder den Drittligisten“, warnt Orth. Der FCK wäre hier ein interessantes Betätigungsfeld.

          Wie das Stadtmagazin „Regiogeflüster“ recherchiert hat, prüft der Landesrechnungshof in Rheinland-Pfalz derzeit die Verwendung einer Förderung von 2010 für das Fritz-Walter-Museum im Stadion. Damals zahlte das Land noch unter dem FCK-Helfer Kurt Beck 324.000 Euro, die klamme Stadt stockte um 36.000 Euro auf. Zudem flossen von der Lottogesellschaft des Landes 150.000 Euro, auch der Deutsche Fußball-Bund steuerte 20.000 Euro bei. Eine Kontrolle der Mittelverwendung findet nicht statt. Der FCK nutzt einen Teil des für das Museum deklarierten Bereichs als Loge zur Privat-Vermarktung.

          Immerhin im DFB-Pokal steht der FCK im Halbfinale - dort geht es zum FC Bayern im April

          Kritiker des Systems sehen nur das Missmanagement beim FCK um den Vorstandschef Stefan Kuntz und seines Finanzmannes Fritz Grünewalt gefördert. Trotz großzügiger Hilfe von Stadt und Land glitt der Verein nun zum dritten Mal in vier Jahren in die bilanzielle Überschuldung. Noch nie waren die Verbindlichkeiten (15 Millionen Euro) höher, seit Kuntz 2008 mit markigen Worten angetreten war. Die wichtigsten Sponsorenverträge laufen aus, das Interesse der Zuschauer lässt nach.

          Unter Kuntz kam es bis heute im Mannschaftskader zu 104 Zugängen und 98 Abgängen. Seine Transferbilanz steht bei 7,6 Millionen Euro im Minus (Quelle: Transfermarkt.de). Andere vergleichbare Klubs auf dem Niveau wie Fürth, Bochum oder Freiburg liegen hier weit im Plus. In den vergangenen zwei Jahren schasste Kuntz drei Trainer – Abfindung inklusive. Aufsichtsratschef Dieter Rombach, ein Software-Professor vom ansässigen Fraunhofer-Institut, redete sich um Kopf und Kragen, als er behauptete, dass die im vergangenen Jahr begebene Fananleihe in Höhe von rund sechs Millionen Euro nur für das Nachwuchsleistungszentrum verwendet würde.

          „FCK überlebt nicht ohne das neue Mietmodell“

          Hinterher stellte sich heraus, dass Kuntz und Grünewalt ein Teil der Summe schon für den laufenden Betrieb ausgegeben hatten. Trotzdem erteilt die Deutsche Fußball Liga, die sich rühmt, welchen volkswirtschaftlichen Nutzen der Vereinsfußball hat, dem FCK Jahr für Jahr die Lizenz.

          Und Kuntz klopft sich bei jeder Gelegenheit auf die Schulter, dass er den FCK auf gesunde Beine gestellt hat. Aber das glauben ihm nicht mal mehr seine Helfer aus der Politik. „Der FCK überlebt nicht ohne das neue Mietmodell“, hieß es nach dem letzten Deal von Seiten der SPD in Kaiserslautern. Das heißt auch: Die Situation bleibt prekär.

          Über geringen Zuschauerzuspruch können sich die Kaiserslauterer nicht beklagen

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