https://www.faz.net/-gtm-y4xf

1:4 gegen Nürnberg : Stuttgart zweitligareif

  • -Aktualisiert am

Ratlosigkeit: VfB-Trainer Labbadia bei er Niederlage gegen Nürnberg Bild: dapd

Der VfB Stuttgart droht den Anschluss an die Nichtabstiegsplätze zu verlieren. Bei der 1:4-Niederlage gegen Nürnberg präsentieren sich die Schwaben in erbärmlicher Verfassung. Eine Stuttgarter Leihgabe trägt zum Elend bei und bringt sich somit selbst in Abstiegsgefahr.

          3 Min.

          Julian Schieber sah aus, als wäre ihm gerade ein großes Missgeschick unterlaufen: Auf dem Bauch liegend, den Mund aufgerissen, ungläubig Richtung gegnerisches Tor schauend. Dabei hatte der Stürmer des 1. FC Nürnberg gerade ein wunderbares Tor erzielt, ein Tor das alle Fähigkeiten, die ein überdurchschnittlicher Bundesligastürmer haben muss, bündelte: Antizipationsvermögen, Durchsetzungswillen und Ballfertigkeit.

          Erst wand sich Schieber an seinem günstiger postierten Gegenspieler Tasci vorbei, dann brachte er den Ball mit einem spektakulären Flugkopfball im Tor unter. Der einzige Fehler an der Sache - der Volltreffer gelang gegen den falschen Verein. Julian Schieber hat einen Vertrag mit dem VfB Stuttgart, im Sommer muss die Leihgabe an den Neckar zurück, das ist so abgesprochen. Einerlei, ob der VfB in der ersten oder in der zweiten Liga spielt.

          Das Risiko, dass sich der VfB in der Zweitklassigkeit wiederfindet, hat sich am Samstag durch die 1:4-Heimniederlage gegen den „Club“ noch einmal deutlich erhöht. Schiebers Beitrag zur Niederlage, die VfB-Sportdirektor Bobic eine Klatsche nannte, bestand nicht nur in seinem wunderschönen Treffer zum 0:2 (28.). Der 22 Jahre alte Stürmer zerstörte auch noch die nach dem 1:2 kurzfristig aufkeimenden Stuttgarter Hoffnungen (1:2 durch Funk in der 45.) durch eine perfekte Torvorbereitung. Nach seinem Solo mit abschließender zentimetergenauen Hereingabe musste Chandler (51.) nur noch den Fuß hinhalten, um den Ball über die Linie zu schieben. Die Tore von Simons (11.) und Ekici (65.) umrahmten das heimatliche Schieber-Festspiel.

          Dumm gelaufen für den VfB: Das Stuttgarter Eigengewächs Schieber (2.v.l.) trifft - aber für den Sieger Nürnberg

          „Julian ist die ärmste Sau bei uns“

          Der Schwabe, in Backnang geboren, seine Familie betreibt in Unterweissach eine Baumschule, verließ im vergangenen Sommer seinen Lieblingsklub, um sich in der Ferne weiterzuentwickeln. Lieber bei einem abstiegsgefährdeten Verein Spielpraxis sammeln, als weiterhin in einem Klub mit internationalem Anspruch zu den Aushilfskräften zu gehören. An den Konkurrenten Pogrebnjak, Cacau, Harnik und Marica schien ihm dauerhaft kein Vorbeikommen. „Da musste ich mich hinten anstellen.“

          In Nürnberg lastet die Verantwortung in der Sturmspitze alleine auf ihm, nachdem sich Kollege Bunjaku verletzte. „Julian ist die ärmste Sau bei uns. Er muss den Ball gegen zwei Innenverteidiger alleine behaupten“, verteidigte der Nürnberger Trainer Hecking sein Talent, als es zu Saisonbeginn kritisiert wurde. Schieber hat sich dann schnell an die neuen Umstände gewöhnt und ist an der Aufgabe gewachsen. Nach seiner Glanzvorstellung in Stuttgart steht er in der Scorerliste der Bundesliga gemeinsam mit dem Münchner Nationalspieler Thomas Müller auf Rang fünf - mit 15 Punkten, die sich aus sechs Toren und neun Vorlagen zusammensetzen.

          Stuttgarter Unerfahrenheit

          Nach 22 Spieltagen sind die Vorzeichen verkehrt. Schieber ist Stammspieler und erfolgreicher als jeder einzelne Stuttgarter Angreifer, und die Nürnberger haben mit dem Abstiegskampf nichts mehr zu tun, ganz im Gegensatz zum VfB. „Wir können uns selbst zum Klassenerhalt gratulieren, das ist das größte Kompliment, das ich meiner Mannschaft machen kann“, sagte Trainer Hecking nach der Begegnung. Sportdirektor Bader sprach vom Genuss, „dass uns endlich mal das Wasser nicht bis zum Hals steht.“

          Genau so fühlt sich die Lage am Neckar an. Und Trainer Labbadia sprach vom Nachteil, dass seine Profis den mentalen Umgang mit der Abstiegsgefahr nicht gewohnt seien. Das ließen die Reaktionen nach der Niederlage erkennen. Obwohl die Leistung unterirdisch war, sagte Cacau, dass man nicht an den Abstieg denke. Und Tasci, der von Schieber immer wieder genarrt wurde, beharrte darauf: „Wir haben es noch selbst in der Hand.“ Labbadia kam zum Schluss: „Es wäre der größte Fehler, jetzt auf die Mannschaft einzuschlagen.“ Was aber hilft, um das zu schaffen, was inzwischen wie ein kleines Wunder anmutet, wusste Labbadia indes nicht zu berichten.

          Ein Stürmer wie Julian Schieber würde natürlich nützen. „Wir freuen uns auf Julian im Sommer“, sagte Sportchef Bobic, was etwas seltsam klang. Die Nürnberger würden ihn zwar gerne länger behalten, aber Schieber möchte selbst in die Heimat zurück, er spürt auch im Trikot der Franken die alte Verbundenheit. „Das gehört sich nicht, in der Situation, in der der VfB steckt“, sagte er auf die Frage, warum er nicht gejubelt habe. Nach seiner Vorlage zum 3:1 griff er sich sogar verlegen an den Kopf. Selbst den Sonntag nach dem großen Spieln seinen 22. Geburtstag, teilte er brav auf. Nach dem Training in Nürnberg fuhr er nach Hause - zur Feier in Unterweissach im Tal nahe Stuttgart.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Individuelle Mobilität : Ein Lob auf das Auto

          Einst galt das Auto als des Deutschen liebstes Kind, jetzt tut mancher so, als trage es die alleinige Schuld am Weltuntergang. Die überwältigende Mehrheit der Bürger aber will und kann nicht auf das Auto verzichten.
          Kohle-Renaissance in China: Aus den Kühltürmen eines Kohlekraftwerks in Zhangjiakou steigt Wasserdampf auf.

          China, die EU und Amerika : Gegensätzlicher könnte Klimapolitik kaum sein

          Während die Europäer auf Klimaneutralität drängen, erlebt die Kohle in China eine Renaissance. In Amerika macht zumindest eine Entwicklung – etwas – mehr Hoffnung. Unsere Korrespondenten berichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.