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0:1 bei Schlusslicht Cottbus : Auf Schalke wird jetzt Tacheles geredet

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Kuranyi versteht die Welt nicht mehr Bild: ddp

Der Krisenklub Schalke 04 droht nach dem 0:1 in Cottbus seinen Profis. „Wir werden mit den Spielern hart ins Gericht gehen“, knurrte Manager Andreas Müller. Doch wie lange hält das Vertrauen zu Trainer Mirko Slomka?

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          Noch fällt der Protest sehr überschaubar aus. Ein einzelner Fan hatte sich Freitag, 23.10 Uhr, zur Sitzblockade vor dem Mannschaftsbus des FC Schalke 04 entschlossen. Ein halbes Dutzend Ordner beendet die Mini-Demo kompromisslos. Der Rest der 2000 Schalke-Anhänger verließ leise das Stadion der Freundschaft.

          0:1 beim FC Energie Cottbus, aus den vergangenen vier Bundesligaspielen nur zwei Punkte geholt - der Titelanwärter ist in der Krise. „Wir werden mit den Spielern hart ins Gericht gehen“, knurrte Manager Andreas Müller. Er gab ein Interview nach dem anderen und ließ die Spieler im Bus fast eine halbe Stunde warten. Weder Mirko Slomka noch Müller sprachen in dieser Nacht noch mit den Spielern, erst Samstag wurde „Tacheles geredet“, wie sich der Trainer ausdrückte: „Einige, die auf dem Platz standen, haben es verpasst, das tolle Spiel gegen Chelsea zu erleben.“ Erste Maßnahmen richten sich gegen die Profis, wie Müller andeutete: „Wir schmeißen keine Spieler raus“, sagte er, „doch wir beobachten die Leistung jedes einzelnen genau.“ Eine Drohung, ganz klar. Und was ist mit dem Trainer?

          „Wir sind alle mitverantwortlich“

          Müller wand sich bei den Fragen nach dem Übungsleiter. Was, wenn in den kommenden drei Wochen, bei sieben richtungweisenden Partien in der Liga und Champions League, zwei Saisonziele früh verpasst werden? „Chelsea wartet am Dienstag. Ich bin nicht derjenige, der schon weiter denkt.“ Es gebe „keine Schuldzuweisungen gegen den oder den, oder gar gegen den Trainer“, sagte Müller: „Wir sind alle mitverantwortlich.“ Er konterte mit einer Gegenfrage: „Wie viele Nationalspieler standen heute auf dem Platz? Wir sind auf jeder Position besser besetzt als Cottbus - warum verlieren wir so ein Spiel?“

          Kuranyi versteht die Welt nicht mehr Bilderstrecke

          Die Antwort gab Müller selbst. Er beklagte die spielerischen Defizite gegen den Tabellenletzten, der den ersten Saisonsieg errang, und er monierte fehlenden Mumm gegen einen Gegner, „der um sein Leben kämpfte“, wie es Jermaine Jones formulierte, Schalkes Vorkämpfer: „Da müsste sich jeder bei uns auch mal den Arsch aufreißen und gegenhalten - auch wenn es weh tut.“

          Nich schlecht, sehr schlecht

          Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, stimmt betriebsintern nichts mehr. Als Indiz darf auch die Szene unmittelbar nach der Pause gelten. Da schien der Cottbuser Dimitar Rangelov den Ball verloren zu haben, doch der Schalker Heiko Westermann beförderte ihn, noch gestört von Mitspieler Jones, dem Franzosen Christian Bassila vor die Füße - 1:0. Slomka nannte es „ein blödes Tor, eine bittere Niederlage“. Er wirkte sehr ratlos.

          Vor der Partie habe er auf die Cottbuser Schwächen bei Flanken hingewiesen, doch seine Spieler zeigten Flügelspiel nicht einmal im Ansatz. Konzeptlos rannten sie über den Platz, ohne Bindung zueinander. „Ich kenne keinen, der so akribisch auf den Gegner vorbereitet“, verteidigte Müller den Trainer, „aber die Spieler müssen es auch mal umsetzen.“ Auf Schalke geht es längst zu wie beim Turmbau zu Babel. Versteht keiner mehr den Vorarbeiter? Emotionslos, wie sie zuvor über den Platz gekrochen waren, schlichen die Profis zum Bus. Die meisten schwiegen stur, der glücklose Kevin Kuranyi, der sich eine Oberschenkelverletzung zuzog und am Dienstag gegen Chelsea womöglich fehlt, kritzelte apathisch seinen Schriftzug auf Poster. „Wir waren nicht schlecht, wir waren sehr schlecht“, sagte er, „wir hätten heute gegen keine Mannschaft gewonnen.“

          Slomka: „Mein Nervenkostüm ist stabil“

          Immerhin, der Nationalspieler gab sich selbstkritisch. Andere, wie Torwart Manuel Neuer, wichen unbequemen Fragen aus, formulierten stereotype Sätze und suchten nach Ausreden - 120 Minuten unter der Woche im Pokal gegen Hannover hätten Spuren hinterlassen, in Cottbus habe man mit zwei Pfostenschüssen viel Pech gehabt. „Das lasse ich alles nicht gelten“, fauchte Müller, „das war gar nichts, da muss viel mehr kommen für unsere Mannschaft, mit den Ansprüchen und den Qualitäten.“ Mit diesen Sätzen gibt er nur wieder, was Präsident Josef Schnusenberg in einem Interview vor dem Anpfiff gesagt hatte. Wieder plazierte der Chef einen Seitenhieb auf seinen leitenden Angestellten, nachdem er und Slomka sich erst vor Wochenfrist ausgesprochen hatten. „Wir haben eine sehr teure Mannschaft und können nicht damit zufrieden sein, nur um Platz fünf oder sechs zu spielen“, so Schnusenberg. Er sprach davon, sich in der Champions League zu etablieren, „auf Dauer als Topklub in Europa“.

          Davon ist Slomkas Ensemble weit entfernt, seit Wochen grassiert die spielerische Armut, weshalb er ahnt, was nun kommt. „Hundertprozentig werde ich jetzt kritisiert, das kenne ich ja nicht anders.“ Pause. „Mein Nervenkostüm ist stabil, ich kann einiges vertragen.“ Fragt sich nur, wie lange er sich angesichts unerfüllter Ansprüche überhaupt noch der Kritik stellen darf. Einstweilen betont Müller: „Nicht nur der Trainer ist in einer schwierigen Situation, wir alle sitzen im gleichen Boot.“ Doch es ist ja bekannt, wer in dieser Branche meist als Erster über Bord geht.

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