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Frauenfußball-Bundesliga : Die Turbinen sind die Letzten ihrer Art

  • -Aktualisiert am

Lang ist es her: Die Spielerinnen von Turbine Potsdam freuen sich über die Meisterschaft 2011. Bild: dpa

Turbine Potsdam ist ein reiner Frauenfußball-Verein. Er ist einer der letzten in der Bundesliga – und will es auch bleiben. Doch Potsdam kämpft dabei mit einigen Problemen.

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          Welches Stück werden sie in den kommenden Jahren aufführen? Die Geschichte eines, von den Galliern Asterix und Obelix inspirierten, tapferen Widerstandsnests? Oder eher „Stirb langsam“ auf Brandenburger Art? Turbine Potsdam ist seit Gründung der Bundesliga eine prägende Kraft im deutschen Frauenfußball. Sechs Meistertitel, drei Pokalsiege, zwei Europapokaltriumphe sprechen von einer an Silberware reichen Historie.

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          Deshalb Historie, weil der letzte Titel schon zehn Jahre zurückliegt und, das glauben viele, auf längere Sicht keine mehr dazukommen werden. In der Bundesliga sind derzeit nur noch drei, in der kommenden Saison voraussichtlich nur noch zwei von zwölf Teilnehmern reine Frauenfußballvereine. Die Potsdamerinnen halten sich beharrlich in der erweiterten Spitze, wie die Platzierungen der letzten Spielzeiten – vier, vier, drei, vier – belegen. An diesem Samstag (14.00 Uhr bei MagentaSport) startet die Mannschaft von Rang fünf aus mit einem Nachholspiel gegen den VfL Wolfsburg.

          „Es ist kein Automatismus, dass die reinen Frauenfußballvereine zum Abstieg verdammt sind und verschwinden“, sagt Präsident Rolf Kutzmutz. Der 74-Jährige blickt auf eine Vita mit vielen Jahren als SED-Funktionär, zweijähriger Stasi-Mitarbeit, achtjährigem Bundestags-Mandat (Die Linke) und schon 21 Jahren in der Verantwortung bei Turbine. Kutzmutz steht für ein: es soll so bleiben wie ist. Und: sollen sich die anderen doch ändern, wir bleiben standhaft.

          Mithalten im Wettbewerb

          Im deutschen Frauenfußball ist zwar häufig die Rede davon, dass es in Sachen Vermarktung und Professionalisierung nicht schnell genug vorangeht. Doch hat auf recht breiter Ebene eine Entwicklung eingesetzt, dass Lizenzvereine in ihre Frauenfußball-Abteilungen investieren beziehungsweise diese quersubventionieren. Bayern München und der VfL Wolfsburg machen seit Jahren die Meisterschaft unter sich aus, dahinter folgen die aufstrebenden TSG Hoffenheim und Eintracht Frankfurt, das sich den langjährigen Turbine-Rivalen 1. FFC Frankfurt einverleibt hat.

          Die Frankfurter sagen, der Schritt sei alternativlos gewesen, weil überlebenswichtig im Wettbewerb mit der Konkurrenz. Die Potsdamer sagen: „Wir haben eine Zukunft als reiner Frauenfußballklub. Wir können gleichzeitig Ausbildungs- und Spitzenverein sein“, so Kutzmutz. Cheftrainer Sofian Chahed – als einstiger Profi bei Hertha BSC und Hannover 96 sowie Coach von Hertha-Juniorenteams im Männerfußball sozialisiert – ist da skeptischer.

          Spielerinnen wandern ab

          „Wenn die Lizenzvereine ernst machen, dürfen wir den Zeitpunkt nicht verpassen, Mittel und Wege zu finden, um die Schritte mitzugehen. Dann benötigen wir mehr Geld, um konkurrenzfähig zu bleiben“, sagt der 38-Jährige. Die Gehälter im Frauenfußball betragen nur ein Bruchteil derer ihrer männlichen Pendants. Vor diesem Hintergrund macht es für Spielerinnen, so Chahed, „einen großen Unterschied, ob sie 1500 oder 5000 Euro verdienen können“.

          Schon eine Weile kann Turbine seine besten Spielerinnen nicht halten, weil sie andernorts das Doppelte und Dreifache des Turbine-Tarifs bekommen können. Präsident Kutzmutz verweist zwar bei jeder Gelegenheit auf die benachbarte Sportschule als „unser A und O und Faustpfand“. Der Strom an in direkter Nachbarschaft zum Verein ausgebildeten talentierten Nachwuchskräften, die Turbine und auch die Nationalmannschaft zuverlässig belieferten, ist allerdings abgeebbt.

          Zumal in der Umgebung auch RB Leipzig im Nachwuchsbereich und für das Zweitligateam enorm aufrüstet. Im aktuellen Turbine-Kader stehen nur noch vier Spielerinnen mit Wurzeln in der Sportschule, und Chahed sieht für die kommenden ein bis zwei Jahre auch so recht keine, die den Sprung schaffen könnte.

          Die langjährige Potsdamer Spielerin und einstige Nationalspielerin Tabea Kemme ist im vorigen Jahr des 50-jährigen Bestehens gegen Kutzmutz angetreten, um erste Präsidentin eines Frauen-Erstligaklubs zu werden. Und um, wie sie sagte, die Standortbedingungen zu verbessern und die Professionalisierung voranzubringen. Sie scheiterte mit ihrem Versuch. Unlängst hat Kutzmutz lange überlegen und rechnen müssen, ob das Budget eine Physiotherapeuten-Stelle hergibt.

          Der Frauenfußball ist hierzulande ein Zuschussgeschäft für die Lizenzvereine und eine knappe Kalkulation für die Potsdamer. Nur 68.000 Euro bekommen die Erstligaklubs jährlich an Fernsehgeld ausgezahlt. Dank ihrer Sponsoren kommt Turbine laut Kutzmutz für den Gesamtverein auf ein Budget von 1,7 Millionen Euro. Damit werden die Brandenburgerinnen künftig wohl die letzten Mohikanerinnen in einem verschärften Wettbewerb sein.

          Zwar gibt es seit Sommer 2020 eine auf zunächst drei Jahre ausgelegte Kooperation mit Hertha BSC, die noch immer ohne eigene Frauensparte ist. Doch über sporadische Kontakte, etwas Geld, Hilfe bei medizinischer Betreuung und Social-Media-Aktivitäten sowie der unregelmäßigen Entsendung des Hertha-Maskottchens zu Turbine-Heimspielen geht dies nicht hinaus. Wird Turbine eines Tages folgen und in der nur zwölf Kilometer entfernten Hertha aufgehen? „Nein“, sagt Kutzmutz entschieden. „Wir behalten unseren Namen und unsere Selbstständigkeit. Und es wird weiter kein Mädchen ab sechs Jahren abgelehnt, das bei uns Fußball spielen möchte.“

          Der 1. FFC Frankfurt hat sich der Eintracht angeschlossen, Turbine Potsdam will sich weiter als reiner Frauenfußballverein behaupten.
          Der 1. FFC Frankfurt hat sich der Eintracht angeschlossen, Turbine Potsdam will sich weiter als reiner Frauenfußballverein behaupten. : Bild: picture alliance / Eibner-Presse

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