https://www.faz.net/-gtl-o76t

Bundesliga : Stevens gerührt - aber nicht gegenüber den Kritikern

  • -Aktualisiert am

Glückwunsch Trainer: Kovac freut sich mit Stevens Bild: dpa/dpaweb

Mit dem 1:0-Erfolg bei Hansa Rostock, der erste Sieg überhaupt für Hertha BSC, hat Huub Stevens seine erste Rate gezahlt. Jetzt scheint es so, als müsse er die zweite nicht unbedingt abstottern.

          3 Min.

          Es mußte ein bißchen getrickst werden mit Teleobjektiven und Superzeitlupe, um sich dem kargen Gefühlsleben des Fußballtrainers Huub Stevens zu nähern. Erst die Fernsehbilder verrieten, daß Stevens am Samstag nachmittag doch so etwas empfunden hatte wie Freude und Erleichterung. Nach dem Schlußpfiff war Stevens auf seine Spieler zugelaufen, hatte sie umarmt mit seiner dicken Daunenjacke, und bei diesen Umarmungen schossen ihm dann auch Tränen in die Augen. Das war ungefähr um 17.20 Uhr.

          Hertha BSC Berlin und Trainer Huub Stevens hatten gerade ihr erstes Spiel der laufenden Bundesligasaison gewonnen, 1:0 beim FC Hansa Rostock. Keine halbe Stunde später saß Stevens im Presseraum des Ostseestadions. Das eben noch zerzauste Haar lag wieder in öligen Wellen zurückgekämmt, und auch sonst hatte Stevens wieder zu sich selbst gefunden. Die Mauer zwischen ihm und der Außenwelt, sie stand wieder. "Ich will es heute kurz machen", sagte Stevens, "wir haben unsere Pflicht erfüllt. Die Mannschaft hat gekämpft und gewonnen. Danke."

          "Es muß nicht immer präzise Antworten geben"

          Damit sollte alles gesagt sein über diese wundersame Partie? Die erste erfolgreiche für Hertha BSC nach zuletzt neun trostlosen in Serie? Huub Stevens hielt jedes Wort für überflüssig am Samstag. Er wollte nur sein Werk sprechen lassen. Dieses 1:0 in Rostock, das spürte Stevens, kann eventuell über seine berufliche Zukunft in Berlin entscheiden. Zu Beginn der vergangenen Woche hatte Manager Dieter Hoeneß noch erklärt, die Zusammenarbeit von zwei Siegen in den nächsten beiden Spielen abhängig machen zu wollen. Stevens hat seine erste Rate gezahlt. Und jetzt scheint es so, als müsse er die zweite nicht unbedingt abstottern.

          Manager Hoeneß vermied jedenfalls nach dem ersten Sieg in Rostock eine eindeutige Aussage, ob sein klar definiertes Ultimatum aufrechterhalten bleibe. "Ich gehe davon aus, daß wir auch die zweite Partie - diesmal im Pokalwettbewerb an gleicher Stelle - am Dienstag gewinnen", sagte Hoeneß, "dann stellt sich diese Frage erst gar nicht." Auf den Einwand, daß diese Antwort nicht präzise sei, sagte der Manager: "Es muß auch nicht immer präzise Antworten geben."

          Immerhin clever herausgespielt

          Bei seinem abendlichen Auftritt im "ZDF-Sportstudio" äußerte sich Hoeneß abermals ausweichend in Sachen Stevens. "Ich warte ab, was der eine oder andere in den nächsten Tagen von sich gibt, der vorher den Daumen nach unten gerichtet hat. Wenn die sich alle einig sind, bin ich der erste, der mit sich reden läßt", sagte Hoeneß. Damit nährte er Spekulationen, Stevens werde auch im Fall einer Niederlage am morgigen Dienstag im Amt bleiben. Herthas Präsident Bernd Schiphorst allerdings erteilte diesen Spekulationen eine Absage: "Ich verstehe die ganze Diskussion nicht. Wir haben eine klare Vereinbarung."

          Wie Hertha BSC mit seinem leitenden Angestellten Stevens verfährt, wird sich wohl erst nach dem Wiedersehen mit den Rostockern zeigen. Am Samstag wurde aber schon deutlich, wie irrwitzig die sogenannte "Vereinbarung" zwischen Klub und Trainer ist. Gegen Hansa Rostock boten die Berliner ein solides Spiel. Es war zwar kein rauschender Sieg, aber immerhin ein clever herausgespieltes 1:0 gegen einen Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt.

          Gentlemen's Agreement mit unauflösbarem Widerspruch

          Der Sieg in Rostock macht natürlich nicht den Fehlstart in die Saison und das peinliche Scheitern im UEFA-Pokal vergessen - doch Rostock könnte so etwas wie ein Anfang gewesen sein, die Einleitung einer Wende zum Guten. Hertha hat sich mit seiner "Vereinbarung" nun selbst Handlungsspielraum genommen. Sollten die Berliner im Pokalwettbewerb nach überragendem Spiel unglücklich im Elfmeterschießen verlieren, müßte Stevens nach konsequenter Auslegung des Ultimatums entlassen werden. Bliebe er dennoch, würde sich das ganze Modell selbst ad absurdum führen.

          Was Hertha versucht hat mit seinem Gentlemen's Agreement, trägt zudem einen unauflösbaren Widerspruch in sich. Manager Dieter Hoeneß und der Aufsichtsratsvorsitzende Rupert Scholz haben Stevens in der zurückliegenden Woche ihr "hundertprozentiges Vertrauen" ausgesprochen. Scholz bezeichnete den Niederländer gar als "international anerkannte Kapazität". Dem Hochgelobten jedoch im selben Moment mit dem Rauswurf zu drohen paßte nicht zu all dem Gratislob.

          Die Situation ist kompliziert bei der Hertha, aber den Spielern gelingt es zur Zeit, eine professionelle Sicht auf die Dinge zu entwickeln. Fredi Bobic sagte, die Aufregung der vergangenen Tage sei zwar "an niemandem in der Mannschaft spurlos vorbeigegangen", doch "irgendwann hilft eben nur noch Abschalten". Regisseur Marcelinho mochte am Samstag seine Gefühle nicht mehr für sich behalten. Er sagte nur: "Diesen Sieg widmen wir unserem Trainer."

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump jr. im Oktober in San Antonio

          Die Familie des Präsidenten : Wahlkampf mit Trump Junior

          In der Familie von Präsident Donald Trump hat fast jeder seine Aufgabe. So ist Donald Trump jr. ist auf Wahlkampftour, während Schwester und Schwager direkt im Weißen Haus arbeiten. Zielgruppe sind besonders junge Leute.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.