https://www.faz.net/-gtl-pm3i

Bundesliga : Statt "Club"-Sekt Fußball mit Champagner-Zutaten

  • -Aktualisiert am

Völlig losgelöst: der viermalige Torschütze Marek Mintal Bild: dpa/dpaweb

An triumphale Auftritte ihres "Club" können sich die Nürnberger Fans mitunter Jahrzehnte erinnern. Denn sie kommen so selten vor, daß man sie gar nicht vergessen kann. Auf ein Spiel wie das 4:0 über Tabellenführer Wolfsburg haben sie 15 Jahre warten müssen.

          3 Min.

          An funkelnde, triumphale Auftritte ihres "Club" können sich die Nürnberger Fans mitunter Jahrzehnte erinnern. Das liegt nicht daran, daß sie in Franken ein besseres Gedächtnis als anderswo hätten. Der Grund ist ein anderer: Solche Spiele kommen in Nürnberg so selten vor, daß man sie gar nicht vergessen kann. So war die Partie am Samstag gegen den VfL Wolfsburg noch lange nicht beendet, da beschäftigten sich manche im Frankenstadion schon mit der Frage, wann es so etwas zum letzten Mal gegeben habe, ein 4:0 gegen eine Spitzenmannschaft. Extremanhänger wie der populäre Radioreporter Günter Koch, die Stimme Fußball-Frankens, hatten prompt die Antwort parat. Es war am 28. November 1989, also vor fast genau 15 Jahren, und der Gegner war damals der FC Bayern München.

          Siege - erst recht solche - über die Großkopferten aus der Landeshauptstadt sind in Nürnberg natürlich mit nichts zu vergleichen. Aber auch diesen verregneten, kühlen und trotzdem wunderbaren Samstag nachmittag werden die "Club"- Fans lange nicht vergessen. Zu Tausenden standen sie noch Minuten nach dem Schlußpfiff in der Nordkurve und harrten aus, als wollten sie ihn festhalten, diesen kostbaren Moment. Nur 22000 waren ins Frankenstadion gekommen, auch das eine Folge von der Durchschnittsware, zu der die Nürnberger Spiele in den vergangenen Jahren allzuoft verkommen sind. "So etwas", sagte der Nürnberger Trainer Wolfgang Wolf nach dem 4:0 über Tabellenführer Wolfsburg, "haben unsere Fans einmal gebraucht."

          Drinnen, im Bauch des Frankenstadions, stand Michael A. Roth, der Präsident des Aufsteigers, er glühte vor Glück. Aus besonderem Anlaß, sagte er, werde er später mit seiner Frau ein Gläschen Schampus trinken. Tatsächlich war dieses Spiel wie Champagner gewesen: fein, prickelnd, anregend und mit einem langen Nachgeschmack. Natürlich ließ sich hinterher einwenden, die "Wölfe" seien im Spiel gegen Wolf, ihren langjährigen Trainer, wie Wölflein aufgetreten, zahm und ohne Biß. Ihr Coach Erik Gerets sprach später einigermaßen erschüttert von einem "Skandalspiel". Aber er vergaß auch nicht, den Gegner zu rühmen, der ein "ganz starkes Spiel" gezeigt habe und "den Ball hervorragend laufen ließ". Tatsächlich spielte, während der Novemberregen unablässig auf den Platz niederging, nur eine Mannschaft, der 1. FC Nürnberg. Nach 47 Sekunden drosch der Slowake Marek Mintal, von seinem Landsmann Robert Vittek freigespielt, den Ball zum ersten Mal ins Tor von Simon Jentzsch. Und als dann nach acht Minuten der Wolfsburger Künstler Andres d'Alessandro wegen einer Unbeherrschtheit nach einem Zweikampf mit Markus Schroth die Rote Karte sah, brach schon der letzte Rest des Wolfsburger Widerstandes zusammen. Fortan rannten sie ihrem Gegner und dem Ball hinterher, und mit jedem weiteren Tor näherte sich Gerets' Gesichtsfarbe der seines eisgrauen Bartes. Mintal, der 27 Jahre alte slowakische Nationalspieler, traf noch zweimal, in der 28. und in der 49. Minute. Kurz vor der Halbzeit gelang auch Schroth ein Tor.

          Mintal war die zentrale Figur eines Offensiv-Stakkatos, wie sie es in Nürnberg lange nicht erlebt haben. Schon zum zweiten Mal in dieser Saison erzielte der Siebenundzwangzigjährige drei Tore in einer Partie, sein Gesamtertrag beläuft sich inzwischen auf neun Treffer (siehe "Mann der Woche"). Dabei ist Mintal nur die erfolgreichste, aber bei weitem nicht auffälligste Kraft einer Torproduktionsgesellschaft, um die selbst etablierte Konkurrenten den Aufsteiger beneiden. Mintal gibt den Vollstrecker, sein 22 Jahre alter Landsmann Vittek ist ein Spezialist für die Vorarbeiten, und auch der vor der Saison verpflichtete Markus Schroth wird mehr und mehr zu einem Volltreffer. Von den 22 Toren der Nürnberger gehen allein 16 auf das Konto dieser drei. Dahinter zieht in der Offensive Ivica Banovic so fein die Fäden, daß in Nürnberg manche schon von den "Fantastischen Vier" sprechen.

          Der Nürnberger Trainer Wolfgang Wolf quoll nach dem Spiel schier über vor Stolz auf die spektakuläre Vorstellung seiner Mannschaft. Vor ein paar Jahren hatte er, noch als VfL-Trainer, einmal einen 5:0-Sieg über den "Club" erleben dürfen. Am Samstag abend nutzte er die Gelegenheit und feierte mit einem Dutzend "alter Freunde" aus Wolfsburg in einem italienischen Restaurant das Wiedersehen. Er wolle den Abend "einfach nur genießen", sagte er. Damit gab er exakt die Stimmung wieder, in der sich der "Club"-Anhang nach diesem elektrisierenden Spiel auf den Heimweg machte. Für die Franken war der Samstag ein Fußball-Feiertag, den es zu begießen galt. Wer weiß, wann der nächste kommt.

          Weitere Themen

          Freudenberg macht Frankfurt froh

          Basketball-Bundesliga : Freudenberg macht Frankfurt froh

          Neuer Spielmacher, zwei überzeugende Youngsters – und der treffsichere Älteste: Der Sieg der Frankfurt Skyliners in Crailsheim hatte viele Gesichter und Geschichten. Am besten lässt er sich aber mittels einer starken Defensivarbeit definieren.

          Topmeldungen

          Klimagipfel : Mit Verzichtspanik wird nichts erreicht

          Als müsste in einer klimafreundlicheren Welt jemand aufs Auto, aufs Heizen, Fliegen oder auf Kinder verzichten! Das Vertrauen in die Technik ist bei denen, die den Innovationsgeist am lautesten für sich reklamieren, am geringsten.
          Warnt die SPD: der CSU-Vorsitzende Markus Söder

          Zukunft der Groko : „Stabilität ja, Siechtum nein“

          Einen grundlegend neuen Kurs der Koalition werde es nicht geben, warnt die Union die SPD. Beim Klimapaket, das am Abend im Vermittlungsausschuss beraten wird, erwartet der Unionsfraktionschef aber eine schnelle Einigung.

          Johnson gegen Corbyn : Eine radikale Wahl

          Die Labour-Partei unter Corbyn ist keine sozialdemokratische Partei mehr. Mit sozialistischen Forderungen und geplanten Verstaatlichungen macht er auf sich aufmerksam. Die Tories dagegen sind weiter nach rechts gerückt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.