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„Siggi“ Dietrich im Gespräch : „Wir haben jetzt die Strahlkraft der EM im Rücken“

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Eintracht-Frauen im Nationaltrikot bei der EM: Sophia Kleinherne (links), Nicole Anyomi (Mitte) und Sara Doorsoun Bild: Reuters

Die Europameisterschaft in England war aus Sicht von „Siggi“ Dietrich ein „echter Quantensprung“ für den Fußball der Frauen. Nun fordert er Standards, die im Männerfußball längst normal sind.

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          Seit Jahrzehnten schon verkörpern Sie die Lobby des Fußballs der Frauen hierzulande. Wie sehr haben Sie angesichts der hohen sportlichen Qualität und Aufmerksamkeit der EM in England jubiliert?

          Meine Freude über die Entwicklung bei dieser EM hat sich von Spiel zu Spiel gesteigert. Und daran hat auch die unglückliche Finalniederlage, die ich in Wembley miterlebt habe, nichts geändert. Das Turnier war ein echter Quantensprung und der Start in ein neues Wahrnehmungszeitalter für den Profi-Frauenfußball.

          Inwiefern?

          Das unterstreichen nicht nur die Zuschauerzahlen in den Stadien und die herausragenden Einschaltquoten im TV, sondern auch die vielen positiven Kommentare aus allen Bereichen der Gesellschaft. Und wenn schon die Queen den Erfolg ihrer Europameisterinnen zum Anlass nimmt, die Leistungen der Teams zu adeln und als ein Beispiel für Inspiration auch für Mädchen und Frauen künftiger Generationen benennt, dann hat der gesellschaftliche Stellenwert des Fußballs der Frauen eine neue Dimension erreicht. Darauf lässt sich wahrlich aufbauen.

          Genau das war misslungen nach der Heim-WM 2011, als die Aufmerksamkeit für den Fußball der Frauen nicht erhalten werden konnte. Was gilt es nun besser zu machen?

          Dafür gibt es heute viel mehr Ansätze als 2011, als das damalige Sommermärchen durch das frühe Ausscheiden nicht fertig erzählt werden konnte und sich der Profi-Frauenfußball auch noch nicht auf dem heutigen Niveau befand. Mit der begeisternden EM in England gab es nun eine deutlich höhere Aufmerksamkeit in einer noch breiteren Öffentlichkeit. Unsere Spielerinnen konnten sich mit ihren überzeugenden Leistungen auf und ihren sympathischen Auftritten neben dem Platz in den Herzen vieler neuer Fans einnisten. Diese Wahrnehmung gilt es nun mit den richtigen Maßnahmen auszubauen.

          An welche denken Sie da primär?

          An Standards und Bereiche, die im Männerfußball selbstverständliche Normalität sind. Zum Beispiel, dass Länderspiele am frühen Abend oder zur Primetime übertragen werden müssen. Wir wollen uns auf der vordersten Bühne und nicht mehr nur im Nachmittagsprogramm präsentieren. Genau in diesem Sinne haben der DFB und die ARD für das erste Heimspiel nach der EM gegen Frankreich Anfang Oktober sofort reagiert. Unsere Frauen spielen zur besten Sendezeit um 20.30 Uhr in Dresden – mit besten Chancen, sich auch hierzulande mal wieder vor vollen Rängen zu präsentieren. Darüber hinaus bringt uns nach wie vor jeder zugkräftige Beitrag in den sozialen und linearen Medien weiter.

          Aus welchen einstigen Fehlern ist man also schlauer geworden?

          Die wichtigsten Themen, die es zu optimieren gilt, nicht ewig vor sich her zu schieben. Sondern mit klaren, selbstbewussten Vorstellungen sofort und nachhaltig zu handeln. Das gilt für die Arbeit in den Verbänden, bei den Bundesligaklubs und auch den Amateurvereinen.

          In den vergangenen Jahren ist die Anzahl der fußballspielenden Mädchen und Frauen erheblich zurückgegangen…

          …um diese zurückzugewinnen und die Interessen der Stars von morgen bedienen zu können, braucht es in den Städten, Vereinen und Schulen die nötige Infrastruktur. Fußballplätze, Trainingszeiten und vor allem ausreichend viele gut ausgebildete Trainerinnen und Trainer. Die wachsende Präsenz unserer Spielerinnen in den Social-Media-Kanälen kann ein Schlüssel dafür sein, Mädchen für den Fußball zu begeistern und sie mit ihren Familien in die Bundesligastadien zu locken.

          „Uns bringt nach wie vor jeder zugkräftige Beitrag in den sozialen und linearen Medien weiter“: „Siggi“ Dietrich
          „Uns bringt nach wie vor jeder zugkräftige Beitrag in den sozialen und linearen Medien weiter“: „Siggi“ Dietrich : Bild: picture alliance / C. Erler

          Sie sind nicht nur Sportdirektor der Eintracht-Frauen, sondern auch Vorsitzender des DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen. Was sind konkret die nächsten Schritte, um den Rückenwind in den an vielen Standorten oft grauen Ligaalltag zu transportieren?

          Wir haben jetzt die Strahlkraft der EM und der Sympathiewelle für unsere Spielerinnen im Rücken. Beim letzten DFB-Bundestag haben wir die Professionalisierung der Ersten und Zweiten Bundesliga forciert – ich sehe sehr gute Chancen, dass wir nun schneller vorankommen. Hier sind zusammen mit der neuformierten DFB-Spitze vor allem die Klubs gefragt. Die in meinen Augen drei wichtigsten Punkte sind: Weiterentwicklung der Strukturen und Trainingsbedingungen; bessere Vermarktung mit deutlich höheren Erlösen für wachsende wirtschaftliche Stabilität; höhere Wahrnehmung und Sichtbarkeit unserer Spiele.

          Unsere Eintracht-Mannschaft hat durch ihre vielen EM-Teilnehmerinnen sehr an Attraktivität gewonnen. Ich glaube, dass wir auf der einen Seite neue Fans und auf der anderen Seite neue Sponsoren und Partner hinzugewinnen werden. Der größte Fortschritt ist freilich, dass schon seit der letzten Saison alle Bundesligaspiele live übertragen werden und mit dem nächsten TV-Vertrag ab der Saison 2023/24 auch noch ein Montagabendspiel angeboten werden soll. Besonders wirkungsvoll und wertschaffend sind Highlightspiele in den großen Stadien.

          Welche Chance birgt das Bundesliga-Auftaktspiel der SGE gegen den Vorjahreszweiten Bayern in der großen Arena?

          Die Chancen könnten mit Blick auf Wahrnehmung und Sichtbarkeit des Frauenfußballs kaum größer sein. Es ist ein Topspiel unter Flutlicht, bei dem viele prägende Gesichter der EM in Aktion zu sehen sein werden. Ich hoffe auf eine Initialzündung in Sachen Zuschauerinteresse für die Liga, die wir zuletzt schon in England, aber auch in Spanien und Frankreich erlebt haben. Von der Kulisse, die wir erreichen, wird ein Signal ausgehen. Und ich bin sicher, dass auch Klubs wie Bayern, Wolfsburg oder Hoffenheim und wie schon angekündigt, auch Bremen für besondere Bundesligapartien in die großen Stadien gehen.

          Der Liga-Zuschauerrekord von 12.500 dürfte fallen, oder?

          Genau das wollen wir erreichen. Und wenn dieser dann nicht so lange hält wie der bisherige Rekord aus dem Jahr 2014 sind wir auf dem richtigen Weg.

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