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Bundesliga-Schiedsrichter : „Lass uns doch mal darüber reden“

Manuel Gräfe: „Verhältnis zwischen Spielern, Trainer und Schiedsrichtern wird immer besser” Bild: AP

Die Bundesliga-Schiedsrichter analysieren in der Winterpause ihre Leistungen der Hinrunde. Das Verhältnis zu den Profis ist nicht so schlecht, wie es scheint. Die Unparteiischen setzen auf Kommunikation.

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          Der Liverpooler Stürmer Ryan Babel ist seinen Bundesliga-Kollegen technisch weit voraus. Zumindest wenn es um die Kritik an Schiedsrichtern geht. Howard Webb, der bei der WM in Südafrika das Finale leitete, hatte am Wochenende beim 0:1 des FC Liverpool gegen Manchester United einen fragwürdigen Elfmeter zum Siegtreffer von United gegeben, dazu den Liverpooler Kapitän Gerrard vom Platz gestellt. Direkt nach dem Pokalspiel postete Babel via Twitter eine Fotomontage mit Webb im Manchester-Trikot und schrieb dazu: „Das soll der beste Schiedsrichter der Welt sein? Das ist ein Scherz.“ Der Verband ermittelt.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In der Bundesliga verläuft der Protest gegen Schiedsrichter noch traditionell. Wenn der Unparteiischen pfeift, wie er nicht soll, stürmen die Spieler auf ihn ein, gestikulieren und reklamieren. An der Seitenlinie regen sich die Trainer und ihre Assistenten höllisch auf. Wenn sich dann beim Blick auf die Fernsehbilder bestätigt, dass dem Schiedsrichter tatsächlich ein dicker Fehler passiert ist, dann beschimpfen ihn wahlweise Spieler, Trainer oder Manager auch noch auf dem Weg in die Kabine. Wie zuletzt der Wolfsburger Manager Hoeneß, der sich Fifa-Schiedsrichter Wolfgang Stark vorknöpfte, weil der ein absichtliches Handspiel des Schalkers Huntelaar übersehen hatte, das zum Ausgleich führte.

          Die Bilder täuschen offenbar

          Das Verhältnis zwischen Schiedsrichtern und Profis, so legen zumindest die Fernsehbilder nahe, ist latent gereizt. Aber offenbar täuschen die Bilder. „Ich habe den Eindruck, dass das Verhältnis zwischen Spielern, Trainer und Schiedsrichtern den letzten Jahren immer besser wird“, sagt der Fifa-Schiedsrichter Manuel Gräfe. Die Aufregungen und Schuldzuweisungen, die zwar immer wieder zu sehen und zu hören seien, gehörten zur Inszenierung, zum „Entertainment-Programm der Bundesliga“. Fehler der Schiedsrichter kämen ihm manchmal fast erwünscht vor.

          Schalker Spieler und Schiedsrichter Lutz Wagner: Entspannung auf dem Platz?

          Auch Lutz-Michael Fröhlich, Abteilungsleiter Schiedsrichter beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), stellt eindeutig Entspannung auf dem Platz fest. Wenn die Kameras abgeschaltet sind, ist selbst „kurz nach dem Spiel manches nur noch halb so wild.“ Die Klimaverbesserung führt Gräfe nicht zuletzt auf die Konzentration in der Schiedsrichter-Spitze zurück. Vor einigen Jahren leiteten noch rund vierzig Unparteiische die Spiele der Bundesliga, mittlerweile sind es nur noch 21. Sie haben mehr Einsätze, und so kommt es, dass man sich besser kennt. Durch Nähe steige die Hemmschwelle für aggressives Verhalten, sagt Gräfe. „Die Akzeptanz ist größer, die Verständigung besser.“

          „Wir müssen bereit sein, das Gespräch zu suchen“

          Gräfe und Fröhlich schulten in Berlin Journalisten und bilanzierten dabei die Hinrunde aus Sicht der Schiedsrichter, ebenso wie Herbert Fandel, der Vorsitzende der DFB-Schiedsrichterkommission, und Fifa-Schiedsrichter Stark in Köln. Erstmals analysierten die Unparteiischen in der Winterpause nicht nur ihre Leistungen, sie arbeiteten sie auch statistisch auf. „Vieles war gut, aber längst nicht alles“, sagt Fröhlich über „das 19. Team der Bundesliga“. 94 strittige Szenen aus der ersten und zweiten Liga haben sie herausgearbeitet. In 44 Fällen lagen die Schiedsrichter demnach absolut richtig. In 14 Fällen sei auch nach Studium der Fernsehbilder keine endgültige Klärung möglich gewesen. 36 Szenen hätte man laut Fröhlich „besser lösen können“, es habe aber kein großer Fehler vorgelegen. In zehn Fällen allerdings sei definitiv falsch entschieden worden.

          Aber das ist nur die fachliche Seite, bei der es um den richtigen Pfiff geht, nicht um die psychologische Wirkung des Schiedsrichters. Da gibt es Nachholbedarf. Auf dem Platz soll vor allem die Verständigung weiter gefördert werden. „Lass uns doch mal darüber reden“ – das ist der Beziehungsratschlag, der auch zwischen Schiedsrichtern und Spielern immer mehr gefragt ist. „Gerade in kniffligen Situationen müssen wir bereit sein, das Gespräch zu suchen“, sagt Fandel.

          Arrogantes und herrisches Auftreten

          Die Elite der deutschen Schiedsrichter soll zudem stärker an ihrer nonverbalen Kommunikation arbeiten, der Körpersprache. „Wir müssen uns immer hinterfragen: wie wirkt das auf die Spieler, auch auf die Zuschauer. Theatralisches Verhalten ist nicht förderlich“, sagt Fandel. Vor allem WM-Schiedsrichter Stark hat erfahren, dass er bei den Bundesligaspielern derzeit nicht besonders gut ankommt. Stark ist bei einer Umfrage des „Kicker“ mit 286 Profis zum schlechtesten Schiedsrichter der Hinrunde gewählt worden. Ihm wurden neben Fehlentscheidungen arrogantes und herrisches Auftreten vorgehalten.

          „Mir fällt selbst auf, dass meine Gestik und meine Ausstrahlung mitunter zu hart rüberkommt. Es wäre bestimmt besser, hin und wieder ein Lächeln einzustreuen“, sagt Stark. Manchmal wirke er strenger als er wirken möchte. In der Champions League, so stellt er fest, sei der Respekt von Spielern und Trainern gegenüber dem Schiedsrichter dennoch größer als in der Bundesliga. Stark aber hat sich vorgenommen, in der Rückrunde auch im deutschen Fußball-Land des Lächelns anzukommen.

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