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Bundesliga : Rangnick ziemlich allein zu Haus

  • -Aktualisiert am

Immer wieder in der Defensive: Ralf Rangnick Bild: AP

Trotz unbestrittener Erfolge wird kein Trainer in der Bundesliga von seinem Präsidenten so schnell kritisiert wie Ralf Rangnick bei Hannover 96. Er hat sich inzwischen daran gewöhnt.

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          Mit federnden Schritten kommt Ralf Rangnick in den Presse-Raum. Noch im Gehen sagt er zu einer Mitarbeiterin von Hannover 96: "Ich muß um Punkt zwei hier weg, alles was bis dahin an Interviews geht, machen wir." Rangnick, in kurzen Sporthosen, eilt aufs Podium. Wo andere Bundesliga-Vereine ihre Sportchefs und Pressesprecher als Abschirmkommando um den Übungsleiter herum postieren, ist bei Hannover 96 Leere. Sportchef Ricardo Moar ist nicht da und ohnehin besser über das Handy als von Angesicht zu Angesicht zu erreichen, einen Pressesprecher hat Hannover 96 nicht. Wer mit der administrativen Abteilung des Vereins ins Gespräch kommen will, benötigt halbgeheime Handynummern oder ruft in Großburgwedel an - dort hat Präsident Martin Kind seine Hörgerätefirma. Es ist kein Geheimnis, daß sich in dem schlichten Zweckbau die Machtzentrale des niedersächsischen Bundesligaklubs befindet.

          Keiner wird von seinem Präsidenten so schnell kritisiert

          Zwar ist es Zufall, daß sich Rangnick an diesem Donnerstag allein um die Reporter kümmern muß - "Richard", wie Rangnick Moar nennt, versucht derzeit den Spanier Jaime für ein weiteres Jahr von Deportivo La Coruna auszuleihen -, doch es paßt ins Bild: Rangnick muß sich in Hannover ziemlich allein gelassen vorkommen (den Posten des Sportchefs gibt es ja auch erst seit einem Jahr). Er sitzt auf dem Podium, beantwortet alle Fragen ausführlich und geduldig - es sind mehr Journalisten gekommen als sonst. Nach dem überraschenden 3:0 beim HSV am Samstag wollen sie nun wissen, ob Hannover 96 an diesem Samstag auch Bayern München schlagen kann. Rangnick sagt: "Es ist nicht davon auszugehen, daß wir sie aus dem Stadion hauen." Man lacht.

          Und selbst wenn das passieren würde. Trotz unbestrittener Erfolge wie der Aufstieg in die Bundesliga 2002 oder der Klassenverbleib 2003 wird kein Trainer der Liga so schnell von seinem Präsidenten kritisiert wie der 45 Jahre alte Rangnick. Der Trainer weiß das. Er kennt das seit zwei Jahren. Der Präsident weiß das auch. Und trotzdem sind die beiden in der Vergangenheit immer wieder aneinandergeraten. Vor allem dann, wenn vorher die Fernsehkameras liefen - Kind ist ziemlich eitel und spricht gern öffentlich. Für diesen Sonntag hat er dem DSF-Stammtisch seine Zusage gegeben. Rangnick hat dann meist auch irgendwas über seinen Vorgesetzten gesagt. Zwar zerknirscht und defensiv, weil er doch eigentlich zu intelligent für solche Spielchen ist (wie der erfolgreiche Unternehmer Kind natürlich auch), aber auch Rangnick läßt sich von manchen Fragen locken. "Wie lange geht das noch gut?" fragte der "Kicker" schon vor der Saison. Rangnick sagt: "Wir haben uns unmittelbar vor dem Start der Saisonvorbereitung in Großburgwedel getroffen. Es wurde klar vereinbart, daß sich jeder nur zu dem Bereich äußert, für den er verantwortlich ist. Und daß man zunächst intern kommuniziert. Wenn wir uns alle daran halten, dann sehe ich keine Angriffsflächen mehr." Es ist keine allzu gewagte Prognose, daran nicht zu glauben.

          Rangnick hat sich an den Gegenwind gewöhnt

          Schon kurz darauf gab Kind nämlich ein Interview. Der Moderator legte ihm in den Mund, Saisonziel von 96 könne bei den Verstärkungen Simak, Christiansen, Dabrowski und Brdaric doch nur der internationale Wettbewerb sein. Kind verhedderte sich ein bißchen in der Gegenrede, und am übernächsten Tag stand es in der Zeitung: "96 will in den UEFA-Cup!" Rangnick muß zu Hause im Sessel die Hände überm Kopf zusammengeschlagen haben. Doch er scheint gelernt zu haben. Er sagt: "Ich habe vom Präsidenten weder gelesen noch gehört, daß er vom UEFA-Cup träumt. Er hat gesagt, Platz zehn bis 14 ist realistisch."

          Kind spricht gern von antizyklischem Handeln (das heißt: Geld ausgeben, wo alle sparen) und vor allem von der "mittelfristigen Planung". In der Durchsetzung dieser ist der Präsident knallhart. Ihm geht es weniger um schönen Fußball oder den Namen des Trainers. Er will die "Marke Hannover 96" in den nächsten Jahren mit Macht in der ersten Liga etablieren. Eine nach und nach verstärkte Mannschaft, das umgebaute Stadion und irgendwann auch eine wettbewerbsfähige Geschäftsstelle sollen Hannover 96 zu einem ständigen Mitglied der ersten Gesellschaft werden lassen. Das ist Kinds Traum. Deswegen wird er auch schnell nervös, wenn die Punkte fehlen. Er verweist gern auf die Wirtschaft, wenn er Rangnick wieder mal kritisiert hat: Wer dort versagt, werde ja auch angeprangert. Oder gar entlassen. Rangnick aber hat gezeigt, daß er mit der Dauerkritik des Präsidenten leben kann. Wenn er sie nicht vielleicht sogar braucht, so hat er sich daran gewöhnt.

          In dieser Saison nun steht Rangnicks Mannschaft vor der schwierigen Situation, die Heimspiele auf einer Baustelle austragen zu müssen. Die "AWD-Arena" wird für die Weltmeisterschaft 2006 umgebaut. Nur 22.500 Besucher passen hinein. Der Umbau sei sicher kein Vorteil, sagt Rangnick. Das erste Spiel beim HSV hat ihn aufatmen lassen. Die Partien daheim gegen die Bayern und in Leverkusen könne 96 nun relativ gelassen angehen. Aber was heißt schon gelassen. Rangnick sagt: "In der Bundesliga hast du immer Druck. In Hannover vielleicht noch ein bißchen mehr."

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