Fußballprofi mit Defibrillator : Spuren auf der Seele
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Engelbrecht ist nicht auf den Kopf gefallen. Er hat eine abgeschlossene Ausbildung als Bankkaufmann. Aber Plan B kam für ihn nie in Frage. Aufhören mit dem Sport? Niemals. Fußball ist sein Leben, dafür setzt er sein Leben aufs Spiel. Diesmal hat er auch Glück: Das Herz heilt besser, als die Ärzte dachten. Doch etwas anderes bleibt: Die Sache hat Spuren auf der Seele hinterlassen.
„Ich habe das Vertrauen in meinen Körper verloren.“
Erst recht, nachdem der Defibrillator ihn im vergangenen Januar bei vollem Bewusstsein schockte. 830 Volt – ein Gefühl, als würde er von innen verbrennen. Noch Monate danach litt Daniel Engelbrecht unter Panikattacken. Nachts halluzinierte er wegen der starken Medikamente sogar, sah Menschen durch sein Zimmer laufen oder am Bett sitzen. Bis er allein nicht mehr schlafen konnte. Die psychologische Behandlung half etwas. Am meisten aber hilft das Training. Jede Einheit gibt ihm ein Stück Sicherheit zurück. Ganz weggehen wird die Angst wohl nie. Er muss lernen, damit umzugehen, so wie mit vielen Dingen. Selbst banalen.
„Ich darf beim Flughafen nicht durch die Sicherheitsschleuse. Na ja, und in der Nähe von Stromkästen sollte ich auch nicht unbedingt abhängen.“
Es ist das erste Mal im Gespräch, dass er lacht. Er konnte es über ein Jahr nicht, sagt er.
„Wenn man sagt, man wisse die Gesundheit oder das Leben zu schätzen, dann ist das eigentlich Quatsch. Man weiß diese Dinge erst zu schätzen, wenn sie einem fast genommen wurden.“
Engelbrecht geht heute mit vielem entspannter um. Auch mit Verletzungen. Früher schien es für ihn wie für alle Fußballprofis der Weltuntergang, wenn eine Blessur ihn auch nur für kurze Zeit aus dem Training warf. Heute denkt er:
„Komm runter, was willst du? Ein Bänderriss bedroht nicht dein Leben.“
Die Ärzte sagten, sie hätten ihm einen Schutzengel eingebaut. Er scheint ihn zu beflügeln: Zwei Tore gelangen Engelbrecht in seinen vier Kurzeinsätzen seit November bislang, jedes Mal sicherten sie seinen Kickers den Sieg. Für Stuttgart ist dieses Jahr sogar der Aufstieg möglich. Doch daran will Engelbrecht noch nicht denken. Erst mal ganz fit werden, das ist Herausforderung genug. Noch reicht es nicht für 90 Minuten.
Im Winter-Trainingslager auf Teneriffa will er weiter an Ausdauer gewinnen. Für die Flughafenschleuse hat er einen speziellen Pass bekommen, damit er nicht hindurchlaufen muss. Medienanfragen kamen auch aus Brasilien, Mexiko, Malta und Griechenland. Die Strapazen will er nicht auf sich nehmen. Ein paar Termine noch in der Heimat, sagt er, dann sei es genug. Seine Kraft investiert er lieber in andere Projekte.
„Mich haben immer wieder Eltern kontaktiert. Eltern, die herzkranke Kinder haben. Die mir erzählen, dass sie aus meiner Geschichte Hoffnung schöpfen. Das macht mich stolz.“
Kinder liegen ihm am Herzen – jetzt mehr denn je. Engelbrecht hat in Aachen eine Patenschaft für den Bundesverband herzkranker Kinder übernommen. In den kommenden Tagen wird er einige Kliniken besuchen, und den Kleinen bei ihren Geschichten genau zuhören. Seine eigene will er bald als Buch zu Papier bringen, um noch mehr Menschen Mut zu machen.