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Bundesliga : Marko Rehmer ist bei Hertha nur noch Ballast

Rehmer droht dort zu verschwinden, wo er hergekommen schien: im Nichts Bild: AP

Einst war er der gefeierte Star bei Hertha BSC. Nun macht Manager Dieter Hoeneß kein Geheimnis daraus, daß er einem Abschied Marko Rehmers in der Winterpause zugestimmt hätte.

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          Zwölf Einsätze fehlen noch, bis Marko Rehmer zweihundert Bundesligaspiele beisammen hat. "Das kriege ich auch noch hin", sagt der blonde Mann von 1,86 Meter Körpergröße und lächelt zuversichtlich. Als wollte er sagen: Ich habe schon ganz andere Sachen geschafft.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Er hat auch schon ganz andere Sachen geschafft. Rehmer, bald 33 Jahre alt und Fußballprofi bei Hertha BSC Berlin, erschien vor acht Jahren wie aus dem Nichts auf der Bühne Bundesliga. Trainer Frank Pagelsdorf hatte ihn in der Winterpause 1996/97 von Union Berlin in der Regionalliga zum Tabellenletzten Hansa Rostock geholt. So wie er spielte, machte Rehmer Karriere: im Sprint und ohne sich zu schonen. Nach anderthalb Jahren nominierte ihn Berti Vogts für die Nationalmannschaft. Ein weiteres Jahr darauf holte Hertha BSC ihn für sechs bis sieben Millionen Mark Ablösesumme zurück in seine Heimatstadt Berlin.

          Verletzungen, Formschwäche und Konzentrationsmängel

          Nun droht Rehmer dort zu verschwinden, wo er hergekommen schien: im Nichts. Bei Hertha ist er aus dem Spiel. Am Ende einer verkorksten Saison, in der die Berliner gegen den Abstieg und Rehmer gegen Verletzungen, Formschwäche und Konzentrationsmängel kämpften, wurde ihm die Einnahme eines im Sport meldepflichtigen Medikaments nachgewiesen. Rehmer hatte, ohne Absprache mit der medizinischen Abteilung, einen Arzt konsultiert und sich ein Schmerzmittel verschreiben lassen, dessen Wirkstoff auf der Dopingliste steht.

          Die Strafe folgte auf dem Fuß: neun Spiele Sperre und die fristlose Kündigung durch den Verein. Den Rauswurf konnte Rehmer abwenden, indem er für dieses Vierteljahr auf sein Gehalt verzichtete. Er trat in zwei Pokalspielen für die Hertha an; mit den Amateuren unterlag er Schalke 04, mit den Profis flog er in Braunschweig aus dem Wettbewerb. Inzwischen bekommt Rehmer zwar wieder Geld, doch mitspielen lassen die Berliner ihn immer noch nicht. Hertha-Manager Dieter Hoeneß machte kein Geheimnis daraus, daß er einem Abschied Rehmers in der Winterpause zugestimmt hätte.

          Verhindert auch sein Gehalt einen Einsatz?

          Alle besäßen dieselben Chancen, sich für die erste Mannschaft zu qualifizieren, sagt Trainer Falko Götz vor dem Start der Rückrunde. Doch vielleicht hat nur eine Verletzung Rehmer erspart, so wie sein Kollege Michael Hartmann demonstrativ aussortiert zu werden. Beim Testspiel in Cottbus fiel Rehmer unglücklich und zog sich eine Sehnen- und Muskelverletzung am Arm zu. So kam er für die Testspielreise nach Belgien gar nicht erst in Frage.

          Auch aus finanziellen Gründen dürfte ein Comeback von Rehmer bei Hertha unwahrscheinlich sein. Bei seiner Vertragsverlängerung vor zwei Jahren war zu hören gewesen, Rehmer habe Zugeständnisse beim Grundgehalt gemacht zugunsten von Einsatz- und Erfolgsprämien. Als er während der Sperre auf drei Monatsgehälter verzichtete, wurde dies auch als Geldstrafe in Höhe von 320.000 Euro beschrieben. Hochgerechnet müßte ein finanziell konkurrenzfähiges Angebot, Rehmer für vier Monate bis zum Saisonende zu verpflichten, also bei über 420.000 Euro liegen - wer sollte das bezahlen?

          Der Bonus wird ein Malus

          Und wer sollte daran zweifeln, daß der Trainer bei der Aufstellung seiner Mannschaft immer auch hohe Prämien für Rehmer einkalkuliert? So ist, was als Bonus vereinbart wurde, für Rehmer zum Malus geworden.

          Man muß gewiß kein Mitleid mit einem Fußballprofi haben, der ausgesorgt haben dürfte. "Es gibt Wichtigeres als Fußball", sagt Rehmer, und er sagt das nicht erst, seit eine Flutwelle in Südostasien die ganze Welt erschüttert hat. Marko Rehmer hat früh gelernt, was er in solchen Sätzen ausdrückt: "Ich bin dankbar, daß ich das Privileg hatte, so Schönes zu erleben."

          Kampf in Reha-Zentren und Krafträumen

          Als er Neunzehn war, diagnostizierten Ärzte in der Berliner Charite einen derartigen Knorpelschaden in seinem Knie, daß sie ihm rieten, sich vom Leistungssport zu verabschieden. Die Chance, wieder gesund zu werden, lag bei nicht mehr als zwanzig Prozent. Weinend saßen Rehmer, gelernter Elektriker, und seine Freundin vor dem Sprechzimmer. Dann nahm er die Herausforderung an, mit einer Operation und monatelanger Rehabilitation um die Verwirklichung seines Traumes vom Profifußball zu kämpfen.

          Mit dem Mädchen von damals hat Rehmer heute einen Sohn. Um seinen Platz im Profifußball hat er manches Mal noch in Reha-Zentren und Krafträumen kämpfen müssen. "Die Extremsituation von damals hat mich geprägt", sagt er. Er weiß, daß es im Profisport nicht um die Existenz geht, sondern lediglich um sehr viel Geld.

          2002 das war der Gipfel seiner Laufbahn

          "Eigentlich ist nicht die Zeit zurückzuschauen", sagt Rehmer. "Im nächsten halben Jahr hoffe ich, von Verletzungen verschont zu bleiben, und ich will mich im Training voll reinhängen." Dann endet sein Vertrag in Berlin. Mindestens zwei Jahre will er noch spielen als Profi. 35 Länderspiele hat Rehmer bestritten. Bei der Weltmeisterschaft 2002 kam er lediglich auf einen Einsatz, doch das Turnier gehört zu seinen schönsten Erinnerungen - "auch wie es zu Ende gegangen ist: mit der Vizeweltmeisterschaft".

          Seinen Beitrag hatte Rehmer in den Qualifikationsspielen geleistet. 2001, 2002, das war der Gipfel seiner Laufbahn. Daß er für nicht mehr als ein halbes Spiel beim WM-Turnier fit war, war Folge eines Fouls. Der Kölner Christian Springer hatte ihm - zu Anfang eines Bundesligaspiels nahe der Mittellinie - Bänder und Kapseln des Knöchels gesprengt. Seitdem ist Rehmer nie mehr in Tritt gekommen.

          Von einer Fraktur der Kieferhöhlenvorwand über Schulter- und Sprunggelenkverletzungen bis hin zu Bänder- und Muskelfaserrissen - Fouls und Fehltritte dürften Rehmer mindestens fünfzig Punktspiele gekostet haben; 188 hat er bestritten, davon 107 für Hertha. Manchmal überfällt Migräne den Kicker. Er sei in eine Schublade geraten, klagt Rehmer. Was sich wieder in Cottbus gezeigt habe: "Man sagt nicht: Er hängt sich rein trotz seiner Verletzung. Man sagt: Ist er schon wieder verletzt!"

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