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Bundesliga-Kommentar : Neuer Mut tut meistens gut

  • -Aktualisiert am

Junger Chef an der Seitenlinie: Julian Nagelsmann ist nun für die TSG Hoffenheim verantwortlich Bild: dpa

Die Beförderung von Julian Nagelsmann oder anderen zu Bundesliga-Cheftrainern beweist: Die alte Gleichung im Berufsbild eines Coaches gilt nicht mehr. Doch das Modell, auf den großen Unbekannten zu setzen, hat auch seine Tücken.

          Sie sind mutiger geworden, die Fußballvereine. So mutig wie nun die TSG Hoffenheim war überhaupt noch kein Klub. Mitten in der Saison die auch noch stark abstiegsgefährdete Mannschaft nicht nur einem Trainerneuling in der Bundesliga, sondern mit Julian Nagelsmann gleich einem Coach anzuvertrauen, der bislang nur Erfahrung mit Jugendmannschaften besitzt und zudem auch noch jünger als einige Akteure ist, als deren Chef er nun auftritt - das ist ungewöhnlich für eine Branche, die, wie die teils sehr emotional geführten Diskussionen um Videobeweis und Torlinientechnik zeigen, gerne auf Bewährtes setzt und Neuerungen erst einmal gründlich misstraut.

          Doch die alte Gleichung im Berufsbild eines Trainers gilt offenbar nicht mehr: War er früher einmal drin im erlauchten Kreis, deren Mitgliedern man zutraute, einen Profiverein zu trainieren, dann blieb er in diesem Zirkel erst einmal. Eine Entlassung gehörte zum guten Ton, und allzu sehr sorgen musste sich niemand - irgendwann würde irgendwo ein Kollege gehen müssen, und dann klingelte das Telefon schon wieder. Rekordhalter in dieser Beziehung ist Felix Magath, der vor fünf Jahren ganze zwei Tage brauchte, um die blau-weiße Jacke beim FC Schalke auszuziehen und das grün-weiße Modell des VfL Wolfsburg überzustreifen.

          Das Beispiel hat Schule gemacht

          Doch das war gestern. Mittlerweile scheint es für den Sprung in die Bundesliga hilfreicher, schon als Übungsleiter im Verein zu arbeiten. Der Weg von Pep Guardiola hätte für einen solchen Karrieresprung Vorzeigecharakter, aber möglicherweise überstrahlen seine vielen Titel die Tatsache, dass er zunächst als Trainer der zweiten Mannschaft tätig war, ehe er als Novize das Starensemble des FC Barcelona auf eine andere Ebene hievte. Das Beispiel hat Schule gemacht und in Deutschland viele Nachfolger gefunden: Thomas Tuchel wurde in Mainz einst kurz vor der Saison von der A-Jugend zur Profimannschaft befördert, Pál Dárdai war in Berlin bei der zweiten Mannschaft tätig, genauso wie Martin Schmidt in Mainz oder Viktor Skripnik in Bremen.

          In Mönchengladbach und in Stuttgart dürfte in dieser Saison indes das Sprichwort „Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah“ kaum eine Rolle gespielt haben. Mit André Schubert und Jürgen Kramny waren aber Trainer bei der zweiten Mannschaft tätig, denen man die Profis anvertrauen konnte, während im Hintergrund ein neuer Mann gesucht wurde. Ehe der gefunden war, hatten sich die Neuen als gewinnbringende Variante herausgestellt - und Erfolg ist immer noch das beste Argument, um Vorbehalte auf die Schnelle auszuräumen. Denn weder Schubert noch Kramny, mit denen die Borussia und der VfB nun so überaus zufrieden sind, waren personelle Lösungen, die überall im Verein sofort Zustimmung gefunden hatten.

          Das Modell hat auch seine Tücken, weil der Cheftrainer seinen potentiellen Nachfolger schon immer in der Nähe wähnen muss. Und es funktioniert auch nicht überall - in Hamburg beispielsweise nicht, wo es der HSV bei seinem Trainerverschleiß im Fall von Joe Zinnbauer auch einmal mit dem Coach der zweiten Mannschaft versuchte. Ob sich demnächst die Idee durchsetzt, einen der vielen Experten des Fernsehens zu verpflichten, bleibt noch offen. Viel Werbung für diese Version ist Stefan Effenberg in Paderborn nämlich noch nicht gelungen. Aber es gibt ja noch ein paar andere.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

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