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Bundesliga-Kommentar : Dumm und dämlich

Theatralik muss sein? Das glaubt jedenfalls der Paulianer Lehmann (am Boden) Bild: dapd

„Fair Play“ ist schön, wird aber nicht immer gepflegt. Der St.-Pauli-Spieler Lehmann tritt es mit Füßen. Er könnte sich was bei Michael Frontzeck abschauen - auch wenn es dem nichts genutzt hat. Er ist entlassen worden.

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          Norbert Meier versus Albert Streit – dieses Duell ist seit Dezember 2005 die Referenzgröße für Kopf-an-Kopf-Konfrontationen mit komödiantischem Anstrich. Unvergessen, wie Meier, damals Trainer des MSV Duisburg, an der Seitenlinie zur Kopfnuss gegen den Kölner Profi Streit ansetzte und daraufhin selbst wie vom Schlag getroffen niedersank. Dass Streit ihm dann noch mit einiger Verzögerung zu Boden folgte, rundete das kleine Laienschauspiel erst so richtig ab – nicht zu Unrecht belohnte das Magazin „11 Freunde“ die Darsteller kürzlich mit Platz vier in seiner Rangliste der „50 dämlichsten Ideen der Fußballgeschichte“.

          Ob Matthias Lehmann vom FC St. Pauli das Heft gelesen hat? Jedenfalls schien er zu wissen, was zu tun war, als der Gladbacher Igor de Camargo am Samstag mit der Stirn voraus auf ihn zustürmte. Ein leichter Kontakt, und Lehmann sank bühnenreif auf den Rasen. De Camargo dagegen verpasste seinen Einsatz – und sah Rot.

          Keine Fairplay-Gesellschaft

          Alles richtig gemacht? Aus Lehmanns Sicht offenbar schon. „So ein Geschenk nehme ich dankend an. Ich wäre ja dumm, wenn ich das nicht machen würde“, sagte er später. Es sollte wohl so etwas wie ein offenes Wort sein und deutlich machen, dass im Abstiegskampf nun mal der Zweck die Mittel heilige. Und manche Kommentatoren lobten Lehmann sogar für seine „Ehrlichkeit“. In Wahrheit aber leistete sich der Hamburger gerade damit eine der größeren Dummheiten dieser Saison, die auch deshalb besonders dreist war, weil er de Camargo vorher böse umgegrätscht hatte.

          Man muss der Bundesliga gewiss nicht mit der naiven Erwartung einer harmonischen Fairplay-Gesellschaft begegnen. Ein Mindestmaß an kollegialem Umgang sollte man aber vielleicht erwarten dürfen. So wie das auch der Dortmunder Neven Subotic tat, der sich nach dem 1:1 in Kaiserslautern beklagte, dass man „Fair Play“ nicht nur als Motto auf dem Ärmel tragen solle – eine Schwalbe von Srdjan Lakic hatte ihm zuvor die Gelb-Rote Karte eingetragen.

          Vorbild Frontzeck - was nützt es?

          Während die Dortmunder die Folgen verkraften dürften, steht Mönchengladbach nach dem 1:3 sportlich am Abgrund - für Trainer Michael Frontzeck bedeutete es sogar das Aus. Dass Lehmann die neuerliche Pleite nicht nur mit seiner Unsportlichkeit einleitete, sondern mit dem dritten Tor für St. Pauli auch noch besiegelte, muss für die Borussen mindestens so schmerzhaft gewesen sein wie dessen später zur Schau getragener Zynismus. Gemessen daran war es bemerkenswert, wie ruhig der Gladbacher Trainer Michael Frontzeck mit der Situation umging.

          Kein Vorwurf an den Schiedsrichter, kein Vorwurf an Lehmann (zumindest kein öffentlicher – im Kabinengang erkundigte er sich nicht ohne Ironie nach dessen „Platzwunde“). Schon in der Woche zuvor, beim 2:3 gegen Stuttgart, hätte die Borussia in zwei entscheidenden Szenen Grund zur Klage gehabt. Auch da verzichtete Frontzeck auf laute Töne. So viel Haltung in der Niederlage ist selten – erst recht, wenn es längst um den eigenen Job geht. Den ist Frontzeck seit Sonntagabend los. Sein „Fair Play“ dürfte da ein schwacher Trost sein.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

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