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Bundesliga : Der BVB als Landeplatz für gefallene Fußballstars

  • -Aktualisiert am

Mit Bert van Marwijk soll es beim BVB wieder nach oben gehen Bild: dpa/dpaweb

Resozialisierungsprogramm in Schwarz-Gelb: Selbst der streitbare Amoroso ist in den Zeiten der Not bei Borussia Dortmund wieder willkommen.

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          Die Verantwortlichen von Borussia Dortmund haben ein neues Zauberwort: Aufbruchstimmung. Der Begriff zieht sich wie ein Leitmotto durch die Aussagen der Führungskräfte. In ihrem Abwärtstrend - nicht nur auf dem Fußballplatz - erinnert die Borussia an eine politische Partei, die sich nach einer Reihe von Wahlniederlagen wieder aufrappeln will.

          Ins sportliche Mittelmaß abgerutscht und wirtschaftlich tief in die Verlustzone geraten, brauchen die Dortmunder dringend einen Aufschwung, wenn sie sich nicht noch weiter vom eigenen Anspruch entfernen wollen. Als das kickende Personal aus den Ferien zurückgekehrt war, sprach Präsident Gerd Niebaum von einem "personellen Neuanfang". Er kann damit allein Trainer Bert van Marwijk gemeint haben, der die Nachfolge Matthias Sammers angetreten hat. Sonst sind die handelnden Personen lauter alte Bekannte, in der Mannschaft wie in der Unternehmensspitze.

          „Rigoroser Sparkurs“

          Den Borussen fehlt es an Geld, um wie in den Jahren zuvor namhafte und allseits begehrte Profis unter Vertrag zu nehmen. Sie haben zwar ein Auge auf den Mittelfeldspieler Mark van Bommel geworfen, den Schwiegersohn des neuen Cheftrainers. Dank seiner Persönlichkeit könnte der 27 Jahre alte Niederländer offenbar ein Vakuum füllen. "Mark wäre genau der Spieler, den wir benötigen. Er kann eine Mannschaft führen", sagt der Dortmunder Sportmanager Michael Zorc. Die familiäre Bindung ist aber nicht stark genug, als daß die neuerdings mit spitzem Bleistift rechnenden Westfalen von ihrem "rigorosen Sparkurs" abweichen könnten.

          Wieder interessant: Marcio Amoroso

          "Die Konditionen passen nicht ins Programm", sagt Geschäftsführer Michael Meier. Falls van Bommels aktueller Arbeitgeber, der PSV Eindhoven, von seiner bisherigen Ablöseforderung abrücke, werde der BVB "erneut überlegen". Danach sehe es aber nicht aus. "Die wollen den Vertrag wohl verlängern." Van Marwijk sähe van Bommel gern im Zusammenspiel mit dem Mittelfeldstrategen Tomas Rosicky. "Mark wäre kein Ersatz für Rosicky." Ein Verkauf des Tschechen, der bei der Europameisterschaft wieder aufgeblüht ist, gilt als unwahrscheinlich. Nur bei einer außerordentlich hohen Ablöse wären die Dortmunder bereit, ihren Kapitän abzugeben.

          „Viel Geld verbrannt“

          Die Borussia, einst voller Kauflust, muß längst nach Schnäppchen suchen. Der Klub habe auf dem Transfermarkt "viel Geld verbrannt", sagt Meier. Selbst die neuen BVB-Spieler, die zuletzt anderen Arbeitgebern dienten, wie etwa Florian Kringe oder Sunday Oliseh, sind alte Bekannte, die in Dortmund einen neuen Anlauf nehmen wollen. Während Kringes Rückkehr aus Köln allgemein erwartet worden war, erregte die Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit Oliseh ein gewisses Erstaunen. Der Nigerianer hatte sein sportlich überaus gedeihliches Intermezzo beim VfL Bochum im Frühjahr abbrechen müssen, weil er seinem Mannschaftskollegen Vahid Hashemian, von dem er sich provoziert fühlte, einen Kopfstoß versetzt und das Nasenbein gebrochen hatte. Kurz darauf hatte der BVB dem defensiven Mittelfeldspieler, der ein Spiel eröffnen kann, fristlos gekündigt. Der anschließende Arbeitsgerichtsprozeß löste sich in Wohlgefallen auf. Nachdem Sammer, Dortmund verlassen hatte, bot der Mittelfeldspieler, der sich mit dem Trainer überworfen hatte, dem Klub an, für weniger Geld noch einmal von vorn anzufangen. "Er ist uns finanziell gewaltig entgegengekommen, da hat man gesehen, daß er es ernst meint", sagt Meier. Oliseh werde nun "durch ein Stahlbad gehen müssen", habe aber "eine Riesenchance, sich zu rehabilitieren".

          Das Resozialisierungsprogramm für gefallene, aber hochqualifizierte Profis könnte noch einem weiteren Spieler zugute kommen. Die Rückkehr des brasilianischen Stürmers Marcio Amoroso scheint nicht mehr ausgeschlossen. Nach vielen Querelen und Affären hatte der BVB sich scheinbar endgültig von dem früheren Bundesliga-Torschützenkönig getrennt. Eine Knieverletzung, sein mittlerweile schlechter Ruf und vor allem der Einfluß seines dubiosen Beraters Nivaldo Baldo haben den Liebling von einst zu einem schwer vermittelbaren Profi gemacht. Amorosos Vater wollte nicht länger mit ansehen, wie sein Sohn auf die schiefe (Lauf-)Bahn gerät. Über den einstigen Dortmunder Abwehrstrategen Julio Cesar sondierte er die Möglichkeiten einer Rückkehr. Meier schließt nicht aus, daß er über seinen Schatten springe und Gespräche aufnehme. "Aber vorher muß Amoroso über seinen Schatten springen."

          45000 Dauerkarten verkauft

          Der BVB verlangt, daß der Stürmer einen leistungsbezogenen Vertrag akzeptiert, und vor allem, daß er sich von seinem vermeintlichen Berater Baldo trennt, dessen Einflüsterungen dem Spieler offenbar nicht gut bekommen. Aktuell gebe es keinen Kontakt zu Amoroso. "Für Marcio ist es schwer, sich zu lösen", sagt Meier, "er ist leider nicht der stabilste." Stabil ist dafür das Interesse der Fans. Gut vier Wochen vor dem Bundesligastart hat Borussia Dortmund 45000 Dauerkarten verkauft. Und Meier rechnet damit, daß der Klub die Fünfzigtausendermarke abermals erreichen wird. "Wir sind der Publikumsliebling in Europa." Die Menschen werden weiter ins altbekannte Westfalenstadion gehen. Auch hier ist beim Neuanfang vorerst Kontinuität gefragt, zumindest was den Namen angeht. Das Fußball-Unternehmen hatte die Namensrechte im Januar vorübergehend verpfändet, um sich kurzfristig Liquidität zu verschaffen, den Kredit in Höhe von fünf Millionen Euro aber rechtzeitig zum 30. Juni abgelöst und die Namensrechte wieder zurückerworben. Fürs erste glaubt Meier die Fans beruhigen zu können. Eine Änderung des Namens sei derzeit nicht geplant. Alter Name, alte Gesichter - neues Glück?

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