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Bundesliga : Alte Schwächen überlagern neues Denken

  • -Aktualisiert am

Klaus Toppmöller im Hamburger Regen Bild: AP

Bis Freitag nacht hatte Toppmöller Einzelgespräche geführt. Keine ruhige Minute habe es gegeben, seit er beim HSV ist. Er bemühte sich, eine Schwäche des Teams schon gegen Schalke abzustelle - vergebens: Nach einer 2:0-Führung gab es noch ein 2:2.

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          Die Diskussionen um Lügen, Fehler und heuchlerische Pressekonferenzen rund um die Entlassung von Kurt Jara werden den Hamburger SV noch eine ganze Zeit lang verfolgen. Von den Zeitungen der Hansestadt in allen denkbaren Variationen ausgebreitet und kommentiert, von den Fußballsendungen schon zum neuen, eigentlich uralten Lieblingsthema: "Der Fußball, das Spiegelbild der Gesellschaft" hochgejazzt - es war ein Glück, daß am Samstag nachmittag in der AOL-Arena auch Fußball gespielt und zumindest für neunzig Minuten plus Nachspielzeit über das Eigentliche gesprochen wurde. Obwohl für manchen das Geschäftsgebaren der HSV-Vorstandsherren Bernd Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer in dieser Gemengelage zwischen Lüge oder Fehler, Eiseskälte oder Verantwortung für den Großverein, längst wichtiger geworden ist als ein bloßes Bundesligaspiel.

          Die große Ausnahme machte Klaus Toppmöller. Ja, es sei eine turbulente Woche gewesen, ja, er freue sich auf die Bundesliga, sagte der neue Hamburger Fußball-Lehrer, doch im weiteren Verlauf seiner Analyse verlor er kein Wort mehr über die Begleitumstände seiner Verpflichtung nach acht Monaten Arbeitslosigkeit. So verfestigte sich das Bild vom Donnerstag, als Hoffmann und Beiersdorfer um Worte rangen, während der unbeschädigte, ja durchaus freundlich empfangene Toppmöller die beste Figur abgegeben hatte.

          Toppmöller will keinen Blick mehr zurück werfen

          So war es auch am Tag vor dem 2:2 des HSV gegen den FC Schalke 04: Fußball sei ein brutales Geschäft, hatte Toppmöller noch gesagt, und das ohne aufgesetzte Gefühle für seinen Vorgänger. In den Verhandlungen soll er es gewesen sein, der aufs Tempo gedrückt und mit anderen Angeboten kokettiert habe. Der HSV griff also zur Notlüge, um Zeit und Ruhe für Verhandlungen zu haben.

          Nach der Partie vor mehr als 55.000 Zuschauern in der AOL-Arena wollte Toppmöller nun wirklich keinen Blick zurück mehr werfen. Warum auch? Trainerwechsel bei Erfolglosigkeit - und die gab es beim Hamburger SV nun einmal seit Wochen - gehören zum Alltag der Bundesliga. Und so werden die Begleitumstände rund um Hoffmann, Beiersdorfer und Jara irgendwann zur Hamburgensie schrumpfen. Vor allem dann, wenn Toppmöller bald das gelingt, was er mit "neues Leben einhauchen" umschreibt. Daß die Profis sich jetzt solidarisch mit dem geschaßten, sympathischen Österreicher zeigen und sich selbst Sprachlosigkeit den Reportern gegenüber verschrieben, ist aller Ehren wert und mag ihre Abneigung gegen die Vorstände dokumentieren: Leichter wäre es aber gewesen, Jara durch Leistungen auf dem Feld den Rücken zu stärken.

          Weitere Sequenz für das HSV-Fehlervideo

          Bis Freitag nacht um 23 Uhr hatte Toppmöller Einzelgespräche geführt. Keine ruhige Minute habe es gegeben, seit er beim HSV ist. "Ich habe versucht, den Schulterschluß mit der Mannschaft herzustellen", sagte der neue Coach. Und er bemühte sich, eine große Schwäche des Teams schon gegen Schalke abzustellen: die Anfälligkeit bei gegnerischen Freistößen oder Eckbällen. Der HSV erhält die meisten Gegentore nach ruhenden Bällen. Das hatte Toppmöller zusammen mit seinem Assistenten Werner Melzer beim nächtlichen Videostudium festgestellt. Später dann auch noch einmal auf dem Feld: Als der für den am Kreuzband verletzten Martin Pieckenhagen zu seinem ersten Einsatz kommende Torwart Stefan Wächter eine Ecke unterlief, gab es eine weitere Sequenz für das Fehlervideo.

          Und ein Gegentor, das das Spiel zum Kippen brachte. Annibal Matellan durfte zum 2:1 (73. Minute) ins leere Tor schießen. Toppmöller sagte: "Wir vertrauen Wächter, müssen und werden auf der Torwartposition aber etwas tun." Als in den ersten Sekunden der Nachspielzeit auch noch Eduard Glieder zum 2:2 traf und die beiden Tore des Hamburgers Bernardo Romeo (29., 68. Minute) entwertet waren, wußte Toppmöller, daß auch er nicht über Nacht und in zwei Übungseinheiten die schon gewohnte Unordnung in der HSV-Defensive beseitigen kann. Das lag allerdings auch an den Ausfällen der verletzten Bernd Hollerbach und Sergej Barbarez (51., 59.) So tat der ziemlich souverän wirkende Mann von der Mosel trotz möglicher Enttäuschung das einzig Richtige: Er zeigte sich zufrieden mit dem Erreichten und versprach Arbeit, Analyse und weitere Fehlerbeseitigung. Das würzte er mit einer Messerspitze Zuversicht: "Wir werden unseren Weg beschreiten und wieder nach vorne kommen."

          "Klaus, hol uns hier raus"

          Genau solche Sätze mochte man Jara zuletzt nicht mehr glauben. Auch die Fans hatten sich übrigens schnell mit Neuem abgefunden: nachdem sie ihre Plakate "Vorstand raus!" und "Danke, Kurt!" eingerollt hatten, war nur noch eines mit der Aufschrift "Klaus, hol uns hier raus" zu sehen. Toppmöller hatte die Anhänger sehr geschickt schon bei Amtsantritt um Unterstützung gebeten.

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