https://www.faz.net/-gtl-qyca

Bremen - Dortmund 3:2 : Meister Micoud und die Skorpione

  • -Aktualisiert am

Schon fast wieder in Meisterform: Johan Micoud (r.) Bild: AP

Werder Bremen ist voller Sturm und Drang wieder im Kreis der Titelanwärter in der Bundesliga angekommen - ohne schon perfekt zu sein. Das 0:2 gegen Barcelona hat das belegt, ebenso wie das 3:2 gegen Dortmund.

          3 Min.

          Niemand unter den Trainern der Fußball-Bundesliga blickt so anhaltend melancholisch drein wie Bert van Marwijk. Der Arbeitsplatz Borussia Dortmund ist allerdings nicht geeignet, diese typbedingte Tendenz zu mildern. Im Gegenteil. Als der ZDF-Reporter Rolf Töpperwien im Bremer Weserstadion darauf beharrte, daß Borussia doch seinen Teil zum „tollen Spiel“ bei Werder beigetragen habe, blieb van Marwijks Haupt gesenkt. Die Hände gefaltet, blickte er drein wie jemand, der einen leeren Teller vor sich hat. „Aber ich darf doch enttäuscht sein“, bettelte der Holländer fast darum, seinen Kummer über dieses 3:2 von Werder Bremen gegen seine Borussen bitte schön auch ausleben zu können.

          Es war in der Tat ein grandioses, bewegtes Hin und Her auf dem Rasen, ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wie es am Tag darauf für die Bundestagswahl vorhergesagt worden war. Auf dem Fußballfeld spannend bis in die Nachspielzeit, als Jan Koller um wenige Zentimeter am Ball vorbeirutschte, statt ihn über die Linie zu lenken. Mit einem 3:3, so viel ließ van Marwijk durchblicken, wäre er nicht enttäuscht gewesen. Neben van Marwijk saß Thomas Schaaf. Selbstzufriedenheit ist dem Bremer Coach so fremd wie dem Kollegen, aber für diesen Tag gestattete er sich für den Augenblick, einfach mal stolz zu sein auf seine Elf. Die benötigte einige Zeit, um auf Touren zu kommen, dominierte dann aber dank hoher Drehzahl in Mittelfeld und Angriff.

          Mit der Geduld einer Großkatze

          Der erste Rückstand der Saison durch Ebi Smolarek in der 8. Minute wurde allenfalls als störend, aber nicht als irritierend empfunden. Also legte das Ensemble einen Gang zu. Es hat ja die „K-und- K“-Sturmspitze, ein Duo, das schließlich die Wende einleitete. Erst war Miroslav Klose (37.) mit seinem sechsten, dann Ivan Klasnic (54.) mit dem fünften Saisontor zur Stelle. Zwischenzeitlich, als sich das Geschehen längst in die Hälfte der Dortmunder verlagert hatte, brachte sich Smolarek mit dem Ausgleich zum 2:2 (69.) in Erinnerung. „Daß wir in jeder Phase die Ruhe bewahrt haben, war unsere größte Stärke“, analysierte Nationalspieler Torsten Frings eine Partie, in der die Norddeutschen mit der Geduld einer Großkatze und der Zielsicherheit eines Skorpions zu Werke gingen.

          Ballkontrolle: Odonkor setzt sich gegen Werders Schulz (hi.) durch

          Als Koordinator erblühte nach langer Zeit mal wieder Monsieur Johan Micoud. Sein Tor zum Sieg eine knappe Viertelstunde vor dem Schlußpfiff allerdings war lediglich als Flanke gedacht. Schon vorher hatten sich die Werder-Fans in der Ostkurve auf den Franzosen eingestimmt: Auf den Namen Micoud, unterlegt mit einer Melodie, die einst die Beatles in die Welt gesetzt haben.

          Reinkes Schönheitsfehler

          In der Form vom Samstag könnte Micoud sogar ein Erfolgsschlager werden, aber bei dieser Diva weiß man ja nie, wie Lust und Laune gerade ausfallen. „Er ist auf einem sehr guten Wege“, sagt Werder-Sportdirektor Klaus Allofs. Für seine Verhältnisse wagte er sich mit seinem Zwischenzeugnis ziemlich weit vor: „Johan hat diesmal den Unterschied ausgemacht. Er nähert sich langsam der Verfassung, die er in unserem Meisterjahr hatte.“ Horcht, horcht, der Sportdirektor stellt Vergleiche mit dem Meisterjahr an, und die Mannschaft spielt auch fast wieder so unerschütterlich optimistisch nach vorn wie in der Meistersaison.

          Borussia Dortmund war zumindest in der Lage, ein paar Schönheitsfehler aufzudecken: Torhüter Andreas Reinke fabriziert bisweilen so unorthodoxe Rettungsaktionen, als wollte er die Aufmerksamkeit seiner Vorderleute schärfen. Auch Kapitän Frank Baumann spielte in der Vergangenheit schon abgeklärter, ist aber auf dem Wege der Besserung. Die Mängelliste ließe sich im aktuellen Fall noch um den Namen Christian Schulz erweitern. Auf der linken Abwehrseite entwischte ihm der wieselflinke David Odonkor wieder und wieder. Borussen-Torhüter Roman Weidenfeller machte sich indirekt zum Anwalt von Schulz, als er Odonkor zum „Ben Johnson der Bundesliga“ erklärte. Der überragende Sprinter von einst entpuppte sich bei den Olympischen Spielen in Seoul freilich als gedopt. Aber diese Parallele hat der Kollege Weidenfeller bestimmt nicht gemeint.

          Bremer voller Sturm und Drang

          Trotz der Einlagen Odonkors, der Rettungstaten des tüchtigen Weidenfeller, blickte der traurige Herr Marwijk bekümmert zurück auf Minuten, in denen Werder überwiegend „viel Druck gemacht hat, auf den wir keine Antwort hatten“. Theoretisch hätten sie gewußt, wie man gegen Werder spielen müsse: „Kompakt in der Abwehr, schnell über die Flügel“. Aber in der Praxis habe das Rezept nur 25 Minuten lang funktioniert. Ein paar Sätze weiter räumte er wenigstens ein, „gegen eine absolute Top-Mannschaft“ verloren zu haben. Früher zählte Borussia Dortmund in Theorie wie Praxis der Fußball-Bundesliga zu diesem erlauchten Kreis. Vorbei? „Meine Spieler haben genug Klasse und auch den Willen, sich weiter nach oben zu orientieren.“ Da, wo die Bremer voller Sturm und Drang längst wieder angekommen sind, ohne schon perfekt zu sein. Das 0:2 gegen Barcelona hat das belegt, ebenso wie das 3:2 gegen Borussia.

          Weitere Themen

          Borussias neuer „Heiland“? Video-Seite öffnen

          Haaland vor Heimdebüt : Borussias neuer „Heiland“?

          Der junge Stürmer aus Norwegen wird von vielen BVB-Fans beim öffentlichen Training beobachtet – sein Debüt am Wochenende hat große Hoffnungen geweckt. Ist Erling Haaland der neue „Heiland“ für die Borussia?

          Wetten, dass es so furchtbar schlecht nicht läuft?

          F.A.Z.-Newsletter : Wetten, dass es so furchtbar schlecht nicht läuft?

          Auf dem Weltwirtschaftsforum ist am Freitag der Ausblick auf die Konjunktur ein Thema – Finanzminister Scholz spricht. Das und mehr steht heute im Newsletter für Deutschland, ein letztes Mal aus Davos, wo das Jahrestreffen endet.

          Topmeldungen

          Borussia Dortmund : Das Problem hinter dem Haaland-Hype

          Alle reden vor dem Spiel gegen Köln von Erling Haaland. Ohne den Hype um ihn würde der BVB wieder festhängen im Stimmungstief. Denn richtig rund läuft es eigentlich nicht. Die Suche nach Lösungen ist kompliziert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.