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Brasiliens Seleção : Ratlos in Rio

  • -Aktualisiert am

Strahlendes Trikot - aber keine strahlenden Aussichten: Neymar vor dem Maracana-Stadion Bild: REUTERS

15 Monate vor der WM im eigenen Land muss sich die Seleção mit Rumänien vergleichen lassen. Brasilien hat seit Jahren nicht gegen einen Weltmeister gewonnen. Und gegen Russland reicht es nur zu einem Unentschieden. Wo ist das Selbstvertrauen geblieben?

          Eigentlich hat derzeit nur Joseph Blatter Vertrauen in die brasilianischen WM-Träume: Der Fifa-Präsident beruhigte angesichts von verspäteten Bauarbeiten, halbfertigen Stadien und regelmäßigen Durchhalteparolen aus Rio de Janeiro den Rest der Welt mit der optimistischen Feststellung: „Brasilien wird für die WM 2014 bereit sein.“

          Damit bezieht sich der Chef des Weltfußballverbandes allerdings nur auf die Bauarbeiten in, an und rund um die Stadien. Im Gastgeberland der kommenden Titelkämpfe regieren angesichts der sportlichen Vorstellung der eigenen Nationalmannschaft ansonsten Frust, Pessimismus und Resignation.

          Die Sportzeitung „Lance“ fragte nach dem 2:2 gegen Italien: „Was ist nur mit der Seleção los? Warum können wir nicht mehr gegen die Großen Europas gewinnen?“ Die These dazu liefert das Blatt gleich mit und erinnert dabei ein klein wenig an die jüngste Chinesen-Kritik von Dortmunds Trainer Jürgen Klopp an Bundesliga-Tabellenführer Bayern München.

          „Von denjenigen, die kopiert wurden, sind wir zu denjenigen geworden, die kopieren. Wir sind in der Zeit und im Raum stehengeblieben, leben von einer glorreichen Vergangenheit, die heute nicht mehr existiert. Wir waren mal was Besonderes, heute sind wir auf gleicher Stufe mit den anderen oder gar schlechter.“

          Bayern-Verteidiger Dante (rechts) ist inzwischen in der Verteidigung gesetzt

          Brasiliens Fußball stagniert gut 15 Monate vor der WM im eigenen Land. Ähnlich wie auf den unzähligen Baustellen des riesigen Landes scheinen auf dem grünen Rasen nur wenige Fortschritte erkennbar. Dass die Nationalmannschaft im Juni kommenden Jahres eine perfekt aufeinander abgestimmte Architektur besitzen soll, können nur wenige glauben.

          Das Fachblatt „Placar“ kritisiert: „Es fehlt uns an Selbstvertrauen. Das gelbe Trikot erschreckt niemanden mehr. Der brasilianische Spieler fühlt sich nicht mehr allmächtig, wenn er die Uniform überzieht. Es scheint sogar, dass wir so was wie Schweden, Rumänien oder Kolumbien darstellen, die auch in Gelb spielen.“

          Trainer Luis Felipe Scolari übernahm die Brasilianer und soll sie nun fit machen

          Brasiliens Jungstar Neymar weist die Kritik zurück: „Italien ist eine große Mannschaft, hat viel Qualität. Natürlich bin ich verärgert, schließlich lagen wir 2:0 vorne. Aber mit einigen Korrekturen werden wir schon unseren Weg finden. Wir steigern uns von Tag zu Tag.“ Es war die einzige Äußerung, die der weltweit begehrte Offensivspieler nach dem Spiel von sich gab.

          Nationaltrainer Luis Felipe Scolari hat ihm ein wenig mehr Zurückhaltung verpasst: „In der Seleção wird er weniger öffentliche Auftritte haben als im Klub, wo er zahlreichen Verpflichtungen nachgehen muss, die ihn außerhalb des Spielfeldes in Anspruch nehmen. Ich denke, dass er schon eingesehen hat, dass er somit mehr abgeschirmt wird.“

          Neymar sticht zwar heraus aus der Mannschaft, kann es aber nicht alleine richten

          Auch das ist eine Baustelle des brasilianischen Fußballs: Der kommende Weltstar vom FC Santos wird im eigenen Land herumgereicht wie ein Zirkuspferd, weil zahlreiche Sponsoren, die seinen gut dotierten Vertrag finanzieren, ihre Rechte einfordern. Ob Neymar nun schon vor der WM nach Europa wechselt oder erst danach, ist eine der vielen Unwägbarkeiten, auf die sich Scolari einlassen muss.

          Der Grund für die allgemein traurige Gemütslage des fünfmaligen Weltmeisters ist eine erschreckende Serie. Brasilien gewinnt gegen die großen Mitbewerber einfach nicht mehr. Seit dem 1:0 im November 2009 gegen England gab es sechs Niederlagen gegen frühere Weltmeister. Zweimal gegen Argentinien (0:1 und 3:4), gegen Deutschland (2:3), Frankreich (0:1) und zuletzt gegen England (1:2). Das 2:2 gegen Italien ist also eigentlich sogar ein kleiner Fortschritt.

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          Scolari, erst seit zwei Spielen zum zweiten Mal im Amt, versucht seine verunsicherten Landsleute hinter sich zu scharen und erinnert an seine erste Amtszeit vor mehr als zehn Jahren: „Dürfen die Fans von uns Siege fordern? Ja, sicher. Wer mit der Seleção arbeitet, muss damit leben. Ich habe den Spielern gesagt, dass die Leistung wichtig ist, aber wir brauchen auch vorzeigbare Ergebnisse. Wir müssen in der jetzigen Phase auch an Vertrauen in Brasilien gewinnen. Ich kann mich noch gut an 2002 erinnern, als wir abreisten und wir im eigenen Land keinen Pfifferling wert waren. Man glaubte nicht an die Seleção.“

          Gegen Italien sah er immerhin Fortschritte: „Mir hat das Team über das ganze Spiel hindurch gefallen, obwohl wir zwei Gegentore kassiert haben. Taktisch haben wir uns von der ersten bis zur letzten Minute gut verhalten.“ Ein Gewinner der Vorbereitung unter Scolari steht schon fest. Bayern-Verteidiger Dante scheint den zuletzt angeschlagenen Thiago Silva, der unter Mano Menezes noch Kapitän war, erst einmal verdrängt zu haben. „Ich habe mich für Dante entschieden, weil er durchgängig bei den Bayern spielt.“

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          Sechs Trainingstage, zwei Testspiele: das ist alles, was Scolari noch an Zeit bleibt, um seine Ideen in der Praxis zu überprüfen, bevor er seinen Kader für den Konföderationen-Pokal (15. bis 30. Juni) in Brasilien nominieren muss. Am Montagabend kam die Seleção über ein 1:1 gegen Russland nicht hinaus. Nun stehen noch die Länderspiele im April gegen Bolivien und Chile an, zu denen nur in Brasilien tätige Profis eingeladen werden. Die Duelle gegen England und Frankreich Anfang Juni bestreitet schon der Kader, den Scolari in den Testlauf zur WM schicken wird.

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