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Brasiliens Nationalmannschaft : Generation Dunga

  • -Aktualisiert am

Daumen hoch: Der Erfolg gibt Dunga Recht Bild: AP

Wille und Kampfkraft statt Stars und Allüren: Brasiliens Nationaltrainer Carlos Dunga hat die Seleção erfolgreich erneuert. Die Jahre als Spieler in der Bundesliga haben ihn geprägt, mit den brasilianischen Medien liegt er im Dauerzwist.

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          Jubelposen oder gar markige Sprüche sind ihm fremd: Carlos Dunga ist ein ruhiger Vertreter seines Fachs. Der Trainer des fünfmaligen Fußball-Weltmeisters Brasilien lässt lieber Taten sprechen. Gut ein Jahr nach dem brasilianischen Debakel bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland hatte Dunga beim Gewinn der Copa America 2007 in Venezuela bereits einen ersten Einblick in seine Philosophie gewährt. Der Kapitän der Weltmeistermannschaft von 1994 ordnet dem Erfolg der Seleção alles unter.

          Stars mit Allüren haben es bei Dunga schwer, wenn sie sich nicht wie der stets seriös auftretende Kaka ins System einbinden lassen. Von den großen Namen der Vergangenheit sind daher nicht viele übrig geblieben: Der in Mailand zum Mitläufer abgestürzte Ronaldinho wurde ebenso aussortiert wie die beiden ehemaligen Welttorjäger Ronaldo und Adriano, die zuletzt mehr mit sich selbst zu kämpfen hatten als mit dem Gegner. Das prominente Trio, das bei der 0:1-Viertelfinalniederlage gegen Frankreich im Juni 2006 noch auf dem Rasen der Frankfurter WM-Arena gestanden hatte, spielt in den Überlegungen Dungas derzeit zumindest öffentlich keine Rolle mehr.

          „Willen, Kampfkraft und Technik“

          Der Trainer hat trotz der Enttäuschung bei den Olympischen Spielen in Peking - dort gab es nur die Bronzemedaille - einen für brasilianische Verhältnisse geräuschlosen Generationswechsel vollzogen. Der zahlt sich nun aus. Die neue Seleção, die am Wochenende mit einem souveränen 4:0-Erfolg beim ehemaligen Angstgegner Uruguay die Tabellenführung in der südamerikanischen WM-Qualifikationsrunde übernahm (siehe: Fußball-WM 2010: Die Niederlande und ein Asien-Trio qualifizieren sich), glänzt weniger durch spektakuläre Kabinettstückchen als durch kühle, berechnende Effektivität.

          Klarer Erfolg: Dunga beim 4:0 in Montevideo

          Kaum hatte Brasilien im legendären Centenario-Stadion in Montevideo die mehr als 33 Jahre dauernde Durststrecke beendet und erstmals wieder als Sieger den Platz in der Hauptstadt des wegen seiner robusten Spielweise ungeliebten und gefürchteten Nachbarn verlassen, rühmte der ehemalige Stuttgarter die neuen Tugenden seiner Mannschaft. Von „Willen, Kampfkraft und Technik“ sprach Dunga. Qualitäten, die in einem nach Spektakel und Spielkunst dürstenden Land bislang eher milde belächelt wurden. Und Eigenschaften, die vor allem eher mit dem deutschen Fußball in Verbindung gebracht werden. Kein Zufall, vermuten viele brasilianische Fachleute, ist doch das Trainergespann Dunga/Jorginho durch viele Bundesliga-Jahre in Stuttgart, Leverkusen und München geprägt.

          „Warum sollte ich etwas ändern?“

          In der Nacht zum Donnerstag kann Dunga nun der nächste und wohl entscheidende Schritt in Richtung WM 2010 in Südafrika gelingen. Gehen die Brasilianer in der Küstenstadt Recife mit einem Heimsieg gegen den zuletzt schwächelnden ehemaligen Spitzenreiter Paraguay vom Platz, ist der Fußballgroßmacht die Qualifikation für 2010 nur noch theoretisch zu nehmen. Ob Paraguay, das in den letzten drei Qualifikationsspielen nur einen Zähler gewann, angesichts seiner aktuellen Verfassung in der Lage sein wird, das neue brasilianische Kollektiv ernsthaft zu gefährden, ist mehr als zweifelhaft.

          Der Gewinn der Copa America 2007 und der Sprung an die Tabellenspitze der WM-Qualifikationsrunde versetzt Dunga in eine strategisch komfortable Lage: Im Dauerzwist mit den nach großen Namen rufenden heimischen Medien verweist der Coach gerne auf die erzielten Ergebnisse: „Warum sollte ich etwas ändern?“, fragte er zuletzt in die Runde, als die Presse vehement die Rückkehr Ronaldos nach dessen durchaus geglücktem Comeback in der heimischen Meisterschaft in den Kreis der Auserwählten forderte. Dunga kann sich zurücklehnen und abwarten. Durch seine Nichtberücksichtigung der großen Namen hat er den Druck auf die alternden Stars erhöht. Nur wenn Ronaldo, Ronaldinho und Adriano wieder konstant und zuverlässig erstklassige Leistungen in ihren Klubs abliefern, wird sich Dunga mit ihrer Rückkehr ernsthaft beschäftigen.

          Auch für den Noch-Bremer und künftigen Turiner Diego ist die Nichtberufung ein deutlicher Fingerzeig. Dunga, der mit seinem aktuellen Kader auch den anschließenden Confederations Cup in Südafrika bestreiten wird, hat dem offensiven Mittelfeldspieler bereits zwei Chancen gegeben. Bei der Copa America 2007 (siehe: Brasilien gewinnt wieder Copa América: 3:0 über Argentinien ) nutzte Diego seine Möglichkeiten ebenso wenig wie bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Ein drittes Mal wollte er sich offenbar nicht auf die Offensivkünste des deutschen Pokalsiegers verlassen. Die Zeit der Experimente ist in Brasilien vorbei.

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