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Brasilien und Pelé : Auf Distanz zum Helden der Nation

  • -Aktualisiert am

Das Schicksal von Pelé lässt viele Brasilianer erstaunlich kalt Bild: AP

Fußball-Idol Pelé ringt um seine Gesundheit. Immerhin kann er die Intensivstation wieder verlassen. Viele Brasilianer aber reagieren eher unterkühlt auf Pelés angeschlagenen Zustand. Das hat Gründe.

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          Als Ayrton Senna 1994 bei seinem tragischen Autounfall beim Großen Preis von San Marino in Imola ums Leben kam, trug eine ganze Nation Trauer. Zehntausende Fans säumten bei seiner Beerdigung die Straßen. Bis heute ist der wohl beste brasilianische Formel-1-Pilot aller Zeiten so tief in der Seele seines Heimatlandes verwurzelt, dass vor ein paar Monaten aus Anlass seines 20. Todestages die Fernsehstationen, Zeitungen und Magazine Senna mit ihrer ausführlichen Berichterstattung scheinbar noch einmal lebendig werden ließen.

          Zehn Jahre später spielten sich ähnliche Szenen in Buenos Aires ab. Hunderte, wenn nicht gar Tausende Fans umlagerten ein Krankenhaus in Buenos Aires, sie beteten um das Leben von Diego Maradona, der mit dem Tode rang. In ganz Argentinien wurden Gottesdienste für den Fußball-Nationalhelden gefeiert, und als er wieder auf die Beine kam, brach kollektiver Jubel aus. Es war, als sei ein ganzes Land erleichtert gewesen. Vor ein paar Tagen verbreitete sich in Brasilien die Nachricht, dass sich auch der große Pelé in einem labilen Zustand befinde - und doch reagierte das Land ganz anders.

          Intensivstation, große Sorge um den dreifachen Weltmeister, Nierendialyse, titelten die Boulevardblätter. Und doch blieb es seltsam ruhig rund um das Krankenhaus Albert Einstein in São Paulo. Ob es daran gelegen hat, dass Pelé selbst via Twitter die vermeintlich riesige Anzahl seiner Fans beruhigte und der Gesundheitszustand doch nicht so dramatisch war, blieb Spekulation. Am Dienstag gab es auch vom Krankenhaus gute Nachrichten: Pelé habe die Intensivstation verlassen. Demnach sei sein Zustand inzwischen so stabil, dass er nicht mehr ständig überwacht werden müsse.

          Die stolze Fußball-Nation verfolgte das Schicksal Pelés aber so oder so vergleichsweise unterkühlt. Natürlich ist das Medieninteresse enorm, aber abseits der Kameras, die sich in den ersten Tagen in Sichtweite des Hospitals aufbauten, blieb es relativ leer. Kein Vergleich auch zu den Szenen in Grenoble nach dem schweren Skiunfall von Michael Schumacher.

          Wenig Gespür für die Nöte der Basis

          Maradona und Senna verehren die Südamerikaner noch heute wie eine Art Ersatzgötter. Pelé aber ist vom Nationalhelden zum kühlen Geschäftsmann abgestiegen. Das hat für eine stattliche Distanz zwischen ihm und vielen Brasilianern gesorgt. Das Gespür für die Nöte und Sorgen an der Basis des brasilianischen Fußballs, die immer noch von einer überwiegend bettelarmen Bevölkerungsschicht getragen wird, ist dem wohl besten Fußballspieler aller Zeiten abhandengekommen.

          Während sich Maradona ab und zu noch beim einfachen Mann auf der Straße blicken lässt, mit seinen Fans singt und auch leidet, ist Pelé längst zu einem Symbol als hemmungsloser Geschäftemacher geworden. Er begegnet den Brasilianern nur noch als Werbefigur für potenzsteigernde Mittel oder Shampoo. In die Favela geht Pelé nur noch, wenn es seinem Image dient.

          Hauptsache, das Geschäft läuft

          Zum Bruch zwischen ihm und seinem Volk kam es vor der WM im Sommer in Brasilien. Pelé stand vor einer schwierigen Entscheidung. Sich zu einem Fürsprecher einer Bewegung zu machen, die den Gigantismus der modernen Weltmeisterschaften kritisiert und sich für Reformen im Weltverband einsetzt, wie es der frühere Weltmeister Romario tat, wäre eine Option gewesen. Pelé aber entschied sich für die Seite der Mächtigen, er bat seine Landsleute, doch bitte schön nach dem Turnier zu demonstrieren.

          Nichts sollte das Geschäft stören, an dem auch er selbst prächtig verdiente: Bis zu 100 Millionen Dollar soll Pelé direkt oder indirekt an diesem Turnier verdient haben. Während der WM gab es Demonstrationen, bei denen Schilder mit sehr unfreundlichen, ja diffamierenden Texten zum Thema Pelé zu sehen waren. Das wäre früher undenkbar gewesen.

          Tiefer Riss zwischen Pelé und Fans

          Jetzt, als Pelé um sein Leben kämpfte, ist der tiefe Riss zwischen ihm und seinen Fans deutlich wie selten geworden. Wie zum Trotz schmückten viele brasilianische Medien ihre Berichterstattung rund um das Krankenhaus mit Bildern aus seiner aktiven, seiner glorreichen Zeit. So als könnten sie die Zeit noch einmal zurückdrehen, um aus Pelé den strahlenden Nationalhelden zu machen, der er einmal war. Aber der Pelé, den Brasilien vergöttert hat wie einst Ayrton Senna, hat sich inzwischen verabschiedet. Ob er jemals noch einmal zurückkehrt, ist fraglich.

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