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Copa America : Der große Traum nach Brasiliens Trauma

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Die Brasilianer wollen auch nach dem Halbfinale gegen Argentinien wieder jubeln. Bild: dpa

Bei der WM verpasste Brasilien den Auftritt im berühmten Maracanã. Bei der Copa America steht noch das Halbfinale gegen Argentinien dazwischen – und das ausgerechnet in einem Stadion, in dem die Brasilianer ein Debakel erlebten.

          Wer durch das Museum des riesigen Maracanã-Stadions spaziert, der wird an dunkle Stunden des brasilianischen Fußballs erinnert. Der deutsche WM-Triumph von 2014 hat dort eine eigene Ecke, konnte die Mannschaft von Trainer Joachim Löw doch gleich zwei Etappen ihres Siegeszuges in Brasilien in dieser Spielstätte feiern. Mehr als fünf Jahrzehnte zuvor war das Maracanã Schauplatz der historischen Finalniederlage gegen Uruguay, des „Maracanãço“, als Brasilien vor 200.000 Zuschauern überraschend 1:2 verlor. Doch bevor Brasiliens Seleção nun während der Copa América endlich wieder ins Maracanã zurückkehren darf, steht noch eine andere Traumabewältigung an.

          Es geht zurück nach Belo Horizonte. Wieder ist es ein Halbfinale am Dienstag (in der Nacht zu Mittwoch 2.30 Uhr MESZ bei DAZN) wie bei der WM 2014, wieder ist es ein Duell gegen eine der großen Fußball-Nationen. Der Klassiker gegen Argentinien, den es seit dem brasilianischen Finalsieg bei der Copa América 2007 im venezolanischen Ort Maracaibo (3:0) weder bei einer der darauffolgenden Südamerika- noch bei einer Weltmeisterschaft mehr gegeben hat. Aber das 1:7 im WM-Halbfinale von 2014 gegen die deutsche Mannschaft lastet immer noch auf der brasilianischen Fußballseele. Das Debakel von Belo Horizonte hat den Fußball im Land des Rekordweltmeisters vor fünf Jahren in eine tiefe Depression gestürzt. Es folgten seitdem das Viertelfinalaus bei der Copa América 2015 in Chile, das Vorrundenaus bei der Jahrhundertauflage der Copa in den Vereinigten Staaten und ein Viertelfinalaus bei der WM 2018 in Russland. Ein Debakel für ein Land, das sich vor allem über seine Erfolge im Fußball definiert. Das Olympiagold 2016 sorgte nur kurzzeitig für Linderung.

          Die Copa América soll den depressiven Patienten nun aus seiner Lethargie befreien. Ein erstes kleines Schrittchen in der Traumabewältigung gelang mit dem Viertelfinalsieg gegen Paraguay. Das sorgte im Rest der Fußballwelt zwar nicht gerade für Aufsehen, fand aber in der brasilianischen Medienlandschaft seine entsprechende Würdigung. Denn die Torwartparade von Alisson Becker im Elfmeterschießen gegen Gustavo Gómez bedeutete das Ende einer kleinen schwarzen Serie gegen Paraguay. Bei den vorangegangenen Turnieren in Argentinien 2011 und Chile 2015 war Brasilien jeweils im Elfmeterschießen ausgerechnet am Außenseiter Paraguay gescheitert.

          Schritt zwei soll nun am Dienstag in Belo Horizonte folgen. Von den 2014 beim 1:7 gegen Deutschland zum Einsatz gekommenen Brasilianern ist nur noch der nachnominierte Willian im Kader. Der aktuelle Kapitän Dani Alves und Innenverteidiger Thiago Silva verfolgten das Debakel damals von der Bank oder gesperrt von der Tribüne. Nichts soll mehr an das Drama aus dem Estádio Governador Magalhães Pinto, kurz Mineirão genannt, erinnern. Inzwischen hat der damalige Kommentar des brasilianischen Fernsehens seinen Weg in den alltäglichen Sprachgebrauch gefunden. Der Ausruf „Gol da Alemanha“ (Tor für Deutschland), der am 8. Juli 2014 gleich sieben Mal über die Lautsprecher der Fernsehgeräte im ganzen Land zu hören war, ist zu einem Synonym für einen derben Fluch geworden. Immer dann, wenn etwas kräftig misslingt.

          Für die von Trainer Tite neuformierte, in Teilen aber nicht gänzlich verjüngte Mannschaft ist der Klassiker gegen Argentinien die erste wirkliche Bewährungsprobe dieses Turniers. In den Vorrundenspielen gegen Bolivien (3:0), Venezuela (0:0), Peru (5:0) sowie im torlosen Viertelfinale gegen Paraguay (4:3) im Elfmeterschießen) überzeugte die Seleção nur in Ansätzen. Die erfahrene, aber auch in die Jahre gekommene Defensive steht allerdings. Für Filipe Luís (33), Dani Alves (36) und Thiago Silva (34) ist es vielleicht die letzte Chance, mit Brasilien noch einmal einen großen Pokal zu gewinnen. Ein Gefühl, das nur Alves kennt. Er war – wie Lionel Messi auf der Gegenseite – beim 3:0-Sieg Brasiliens bei der Copa 2007 in Venezuela mit von der Partie.

          Ein Halbfinalsieg über Argentinien, zumal in Belo Horizonte, wäre ein ganz anderes Kaliber als ein Viertelfinalerfolg über Paraguay, auch wenn dieser Erfolg eben seine eigene kleine Elfmeter-Geschichte hatte. Ein Sieg gegen Argentinien aber wäre die Ouvertüre zum dritten und letzten Kapitel der angestrebten brasilianischen Traumabewältigung: einem Finalsieg im Maracană in Rio de Janeiro.

          Sollte Brasilien nämlich gegen Argentinien ausscheiden, wäre das Undenkbare wahr geworden. Die riesige Arena wurde eigens für die Fußball-WM 2014 umgebaut. Rund 312 Millionen Euro soll die umfassende Renovierung des Stadions gekostet haben. Aufgelaufen ist die Seleção dort aber während des Turniers dann kein einziges Mal. Ein ähnliches Szenario könnte sich nun auch bei der Copa América im eigenen Land wiederholen, sollte es gegen Argentinien nicht klappen. Wieder haben die Organisatoren einen weiten Bogen um die mystische Arena gemacht, die mal die Herzschlagkammer des brasilianischen Fußballs war. Zwar gewann hier die brasilianische Olympiaauswahl 2016 gegen Deutschland die Goldmedaille und sicherte sich Brasilien 2013 beim Confed Cup den Turniersieg, doch ansonsten bekamen die Fans in Rio de Janeiro ihre Auswahl nicht zu sehen.

          Brasiliens ehemaliger Präsident Lula da Silva (2003 bis 2011), der WM und Olympia ins Land holte, sagte 2013 bei einem überraschenden Besuch während der Renovierung zu den Bauarbeitern: „Das Maracană ist nicht nur ein Stadion, es ist ein Schauspielhaus.“ Was allerdings noch fehlt, ist ein großes brasilianisches Drama auf dieser renovierten Bühne. Eine WM und eine Südamerikameisterschaft ohne einen einzigen Auftritt der Heimmannschaft im wichtigsten und größten Stadion des Landes, das wäre eine wirkliche Tragödie. Ein Finalsieg aber fände seinen eigenen Platz im Museum ganz unten im Bauch des Maracanã.

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