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Brasilien : Sehnsucht nach dem Karneval

Alles Kopfsache! Ronaldinho beim Training fürs Spiel gegen Japan Bild: dpa/dpaweb

Ronaldinho, Kaka und Adriano: Ein famoses Offensiv-Trio läßt die Fußball-Weltmarke "Brasil" auf die Rückkehr der unbeschwerten Strahlkraft hoffen. Brasiliens Fußballer haben nur ein Problem: Sie lieben den Ball einfach zu sehr.

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          Nicht immer hat die Welt für Brasiliens Fußball geschwärmt. Sie tat das erstmals 1958 mit dem jungen Pele, auch 1970 mit dem alten Pele. Dann erlahmte die Begeisterung. Sie erwachte erst wieder mit einem Team, das nichts gewann, nicht Weltmeister wurde. Denn es betrachtete ein Gegentor nicht als etwas, das man durch unangenehme Tätigkeiten zu verhindern sucht; nur als Anlaß, selber noch ein Tor mehr zu schießen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          "Wir drückten mit dem Fußball unsere Gefühle aus", sagte die auffälligste Gestalt jener Elf, der kettenrauchende Arzt Socrates. Er und seine Mittelfeldpartner Zico und Alemao spielten den schönsten Fußball der achtziger Jahre. Doch sie scheiterten an sachlicheren Europäern: 1982 an Italien, 1986 an Frankreich. Seitdem spielt die Selecao selber sachlich und taugt wieder zum Weltmeister. Seitdem träumt die Fußballwelt aber auch von der Wiedergeburt des alten Brasilien, jenes Fußballs, der mit tropischem Zauber ein Spiel in einen Karneval verwandelt. Es ist eine Illusion. Aber vielleicht eine, die man braucht, um modernen Fußball auszuhalten.

          Mit dem Ball Emotionen ausdrücken

          Immer wieder lebt sie auf. Wie nach dem 3:0 gegen Griechenland letzten Donnerstag. Doch dann setzten die fleißigen Mexikaner fort, was Südkoreaner 2002 und Griechen gezeigt hatten: Zerstören schlägt Betören, Organisation schlägt Inspiration. Die defensive Vernetzung des Spiels, die Verdichtung von Raum und Zeit, die Druckausübung auf den Ballführenden geht längst so weit, daß Rinus Michels, Schöpfer des "totalen Fußballs" der Holländer von 1974, kurz vor seinem Tod in diesem Jahr beklagte: "Wir erreichen heute die Grenzen des technischen Könnens". Manchmal selbst bei den Brasilianern, jedenfalls wenn sie müde sind. Deshalb will Trainer Parreira diesen Mittwoch in Köln gegen Japan einige "regenerieren lassen", darunter die Stars Ronaldinho und Kaka.

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          Man mag es positiv sehen: Auch Müdigkeit ist ein Gefühl, das sich am Ball ausdrückt. Und Ronaldinho eben endlich wieder ein Spieler wie jene, die Socrates beschrieb: Einer, der mit dem Ball Emotionen ausdrückt. Er spielt immer und überall. Und immer dieses Lächeln, das nicht fotogen ist, aber doch die ansteckende Lebensfreude des ewigen Ballkindes ausdrückt. Er lächelt beim Aufwärmen, er lächelt beim Spiel, er lächelte sogar, als ihn beim Topspiel FC Barcelona gegen Real der Linienrichter wegen einer knappen Abseitsstellung bei einer großen Chance abwinkte. Ronaldinho lächelte ihn an, mit erhobenem Daumen: Du hast recht und ich hab' Spaß. Mal sehen, ob er auch auf der Bank lächelt.

          Wie in der Wundertüte

          Noch vor wenigen Jahren hatte sich die Weltmarke "Brasil" weit von solch unbeschwerter Strahlkraft entfernt. Korrupte Funktionäre bereicherten sich am Talentreservoir. Das Nationalteam bangte erstmals in der Geschichte um die WM-Teilnahme. Trainer Wanderley Luxemburgo, heute bei Real Madrid, mußte nach Niederlagen gegen Paraguay und Chile gehen. Steuerfahnder und ein Parlamentsausschuß zur Korruption interessierten sich für den Mann, der in nicht mal zwei Jahren die Rekordzahl von 91 Spielern eingesetzt hatte - was bei den Europa-Transfers der vielen Neu-Nationalspieler die Erlöse für Klubs, Vermittler und Hintermänner erhöhte. Seit jener Zeit kam eine solche Flut von brasilianischen "Nationalspielern" nach Europa, daß man schnell mal den Überblick verlor. So kaufte Celtic Glasgow 1999 für sechs Millionen Pfund den Verteidiger Rafael Felipe Scheidt, der bei Luxemburgo zwei Spiele gemacht hatte. Celtic fand zu spät heraus, daß er "nicht mal einen Zementsack decken konnte".

          So kam es, daß Brasilianer bald nicht mehr so gefragt waren. Ronaldo hatte dauernd Verletzungen, Rivaldo wurde langsamer, und mit den Neuen war es wie in der Wundertüte: mal was Schönes dabei, aber viel Unnötiges. Und so kam es, daß die drei Supertalente, die das Spiel der Selecao heute prägen, auf dem Transfermarkt unter Wert weggingen: Ronaldinho, Kaka und Adriano. Beim vierten wird das kaum passieren, obwohl noch nicht sicher ist, ob der leichtfüßige Robinho sich zum spielerischen Schwergewicht entwickeln wird. Für ihn hat Real Madrid angeblich 16 Millionen Euro geboten.

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