https://www.faz.net/-gtl-121g2

Brasilien schlägt Italien : Problembewältigungsseminar für Samba-Fußballer

Zwei Sorgenkinder schütteln ihre Probleme ab: Ronaldinho und Robinho (Nummer 11) Bild: REUTERS

Brasilien nutzt das Testspiel gegen Italien, um die Psyche seiner Sorgenkinder wieder aufzubauen. Vor allem Ronaldinho meldet sich mit einer bemerkenswerten Leistung zurück. Italiens Trainer Marcello Lippi verpasst hingegen einen neuen Weltrekord.

          3 Min.

          Wenn Ronaldinho so weitermacht, könnten seine zwei innigsten Wünsche wirklich in Erfüllung gehen. „Ich möchte wieder der beste Spieler der Welt werden und den Papst treffen.“ Die Audienz bei Benedikt XVI. wäre wohl erstmal leichter umzusetzen, verfügt der brasilianische Fußballstar als Spieler des AC Mailand doch über beste Kontakte zu den wichtigen Stellen in Italien - vor allem zu Silvio Berlusconi, Besitzer seines Klubs und Regierungschef. Zudem zeigt sich Ronaldinho nach einer wilden Zeit der Eskapaden in stabilerer Verfassung und könnte dem höchsten kirchlichen Würdenträger als geläutertes Schäflein gegenübertreten.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber auch auf dem Fußballrasen ist der bald 29 Jahre alte Mittelfeldspieler auf dem richtigen Weg, die alte Stärke zu erlangen, welche ihn einst zum begehrtesten Protagonisten seiner Zunft werden ließ. Als der brasilianische Nationaltrainer Carlos Dunga am Dienstag nach dem 2:0-Sieg im Testspiel gegen Italien die phasenweise starke Leistung seiner Mannschaft kommentierte, nannte er zwar Ronaldinho nicht beim Namen, aber jeder konnte sich denken, wen er zwischen den Zeilen meinte mit seinem Lob. „Es war schön zu sehen, dass wir wieder mehr Kreativität im Spielaufbau gezeigt haben.“

          Ronaldinho hat die schwerste Zeit hinter sich

          Dunga hatte zuletzt auf Ronaldinho verzichtet, ihn nicht nominiert, weil er sich nicht sicher war, in welche Richtung die Entwicklung des einstigen Zauberfußballers tendieren würde. Ginge es wohl weiter bergab mit ihm? Zu präsent waren im vergangenen Jahr auch bei Dunga noch die Skandalgeschichten aus Barcelona, wo Ronaldinho in die schwerste Krise seiner Laufbahn geschlittert war. Gemunkelt wurde von Sex- und Drogenpartys, Fotos kursierten von einem degenerierten Spieler mit Fettansatz, dem die Kraft zum Aufbäumen fehlte. Auch der Wechsel Ronaldinhos im Sommer zum AC Mailand mochte den mit harter Hand führenden Nationaltrainer erst nicht überzeugen - es war wahrscheinlich das richtige Zeichen an den Spieler, sich doch zusammenzureißen. (siehe: Ronaldinho: Die Auferstehung einer abgehalfterten Diva)

          Jubel im Sambarhythmus: Brasilien feiert Torschütze Elano (verdeckt)

          Mittlerweile hat der Brasilianer die schwerste Zeit hinter sich gelassen, was auch am Zutrauen von Milan-Trainer Carlo Ancelotti liegt, der anscheinend weiß, wie mit der labilen Psyche des Spielers umzugehen ist. Ronaldinho durfte an den Olympischen Spielen teilnehmen und er bekam die Zeit, sich wieder einzugewöhnen in den Hochleistungsbetrieb, der nach permanenten Superleistungen verlangt. Einen der wenigen Nachtausflüge kommentierte Ancelotti mit milder Ironie. „Dinho war bis vier Uhr morgens unterwegs? Ein Musterschüler, ich hatte ihm eigentlich gesagt, er müsse erst um fünf zu Hause sein.“

          Ronaldinhos Führungsrolle

          Nun gelingen Ronaldinho nun wieder schöne Tore in wichtigen Spielen und plötzlich ist er wieder da - der leichtfüßige und für seine Mannschaften gewinnbringende Sambafußball. „Es war eines der besten Spiele seit ich Nationaltrainer bin“, sagte Dunga nach der Partie am Dienstag. Das war etwas übertrieben. Denn zu erwähnen ist, dass der Weltmeister aus Italien nicht besonders viel dafür tat, die begeisterungswilligen 60.000 Zuschauer im Stadion des FC Arsenal auf seine Seite zu ziehen. Der Spielaufbau wirkte meist kompliziert und pomadig, die sonst so hochgerühmte Defensive um Kapitän Fabio Cannavaro zeigte sich in einigen Situationen fast abwesend.

          Wie selbstverständlich übernahm Ronaldinho in dieser für ihn günstigen Gemengelage die Führungsrolle im Mittelfeld. Er sorgte nicht nur für den kreativen Input am Ball, was ihm natürlich am meisten Spaß bereitete, sondern erfüllte auch Defensivaufgaben, die manchmal weh tun. So oft wie diesmal gegen Italien war ein Ronaldinho lange nicht in verbissenen Zweikampfposen zu sehen gewesen, wobei er noch lange nicht in der Verfassung seiner starken Jahre ist. In der 13. Minute eröffnete sein kluger Pass die Spielkombination zum Führungstreffer durch Elano (Manchester City).

          Lippi verpasst Rekordmarke

          Sowieso wirkte der Abend in London mit dem ehemaligen und dem amtierenden Weltmeister, der von der Schweizer Agentur Kentaro wie derzeit alle „Heimspiele“ der Brasilianer außerhalb der offiziellen Qualifikationsrunden aus kommerziellen Gründen auf der Insel inszeniert wurde, aus Sicht der Brasilianer wie ein Problembewältigungsseminar: Nicht nur Ronaldinho durfte neues Selbstvertrauen aufbauen, auch andere Problemfälle konnten die Last ihres schwierigen Alltags zumindest für neunzig Minuten kurz mal abladen. Der kleine Wuselstürmer Robinho jagte dem in einem kurzen Moment indisponierten Andrea Pirlo den Ball ab und dribbelte sich gegen vier Gegenspieler zum traumhaften Treffer zum 2:0 (27. Minute); außerhalb des Rasens muss sich der formschwache Stürmer von Manchester City derzeit mit Vorwürfen auseinandersetzen, in einem Nachtklub angeblich eine Frau vergewaltigt zu haben. (siehe: Fußball kompakt: Rassismus in Berlin, Beschuldigung in Manchester)

          Fast durchspielen ließ Dunga auch das andere Sorgenkind des brasilianischen Fußballs: Adriano, dessen Disziplinlosigkeiten Inter Mailand seit geraumer Zeit beschäftigen. So zog die brasilianische Reisegesellschaft zufrieden ab aus London und hinterließ bei ihren vielen Fans ein gutes Gefühl. Die Italiener, die in der zweiten Halbzeit mit dem glücklosen Münchner Stürmer Luca Toni vergeblich die Wende versuchten, dürften dagegen ins Grübeln kommen - nicht nur weil ihrem Trainer Marcello Lippi jetzt die Weltrekordmarke von 32 Spielen in Folge ohne Niederlage als Nationaltrainer versagt bleibt. Lippi muss sich die bestehende Bestmarke nun weiter mit dem Gusztáv Sebes, dem Trainer der Deutschland 1954 unterlegenen Wunderelf, dem Argentinier Alfio Basile und dem Spanier Javier Clemente teilen. Der Auftritt war insgesamt viel zu wenig. Als erfahrener Stratege spielte Lippi die eklatanten Schwächen allerdings herunter. „Wir bauen doch unsere Mannschaft gerade um.“

          Weitere Themen

          Gigantische Olympische Ringe Video-Seite öffnen

          Sommerspiele in Japan : Gigantische Olympische Ringe

          Die Installation ist 32,6 Meter breit und 15,3 Meter hoch. Sie soll in der Bucht von Tokio vor Anker gehen, in der Schwimm- und Triathlonwettbewerbe stattfinden. Die Olympischen Sommerspiele beginnen am 24. Juli.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.