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Brasilien 2014 : Von wegen WM-Fieber

  • -Aktualisiert am

Von WM-Standard sind die Stadien in Brasilien noch weit entfernt Bild: dpa

Verzögerungen, Kostensteigerungen, Korruption: Brasiliens Vorbereitung auf die Fußball-Titelkämpfe 2014 macht nicht nur der Fifa Sorge. Im WM-Eröffnungstadion steht noch immer kein Stein. Auch im Maracanã geht es kaum voran.

          Wenn Brasiliens Sportminister sagt, es werde „unter Volldampf“ an den Vorbereitungen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 gearbeitet, heißt das noch lange nicht, dass überall an den Stadien mit Hochdruck gebaut und renoviert wird, dass die Verkehrssysteme und andere neuralgische Infrastrukturprojekte verbessert werden. Brasilien geht es gemächlich an. Das war immer so, so ist es auch bei der WM 2014, und so wird es bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro sein.

          Es gebe ein „Chronogramm“, sagte Minister Orlando Silva kürzlich beruhigend. Doch das ist nach brasilianischer Art sehr flexibel. Demnach werde immerhin schon an zehn von zwölf Stadien gearbeitet. Doch eines, ausgerechnet das wichtigste, fällt völlig aus dem Zeitplan: Von dem neuen Stadion in der Megalopolis São Paulo, in dem die WM eröffnet werden soll, steht drei Jahre vor dem Anpfiff zum Auftaktspiel noch kein Stein. Und in Rio de Janeiro kommen die Renovierungsarbeiten am Maracanã-Stadion, in dem das Endspiel stattfinden soll, nur schleppend voran.

          Sowohl São Paulo als auch Rio könnten ganz herausfallen, wenn die Arbeiten nicht beschleunigt würden, hatte der Präsident des Internationalen Fußball-Verbands (Fifa), Joseph Blatter, gedroht und damit den Sportminister provoziert. „Die WM ist morgen, doch die Brasilianer denken, sie sei übermorgen“, erregte sich Blatter. Drei Jahre vor der „Copa do Mundo“ ist tatsächlich noch wenig vom WM-Fußballfieber in Brasilien zu spüren.

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          Kritische brasilianische Beobachter der Fußballszene warnen vor allem vor einem Ausufern der Kosten und erinnern an das schaurige Beispiel der Panamerikanischen Spiele 2007 in Rio. Damals waren aus den zunächst auf 175 Millionen Euro veranschlagten Aufwendungen 1,6 Milliarden Euro geworden. Schon jetzt beginnt sich die Kostenspirale munter zu drehen. Im Maracanã-Stadion in Rio müssen mittlerweile statt der zunächst vorgesehenen 300 Millionen Euro 500 Millionen angesetzt werden, weil dort zusätzlich das Dach renoviert werden muss, was ursprünglich nicht vorgesehen war.

          Das Corinthians-Stadion in São Paulo ist vor allem wegen Divergenzen über die Finanzierung nicht einmal über das Planungsstadium hinausgekommen. Der Klub Corinthians beteuert, dass er lediglich das Geld für ein Stadion für 48.000 Besucher aufbringen könne. Die Fifa fordert jedoch eine Erweiterung auf eine 65.000 Personen fassende Arena. Bislang hat sich niemand gefunden, der die zusätzlichen knapp 90 Millionen Euro aufbringen könnte. Auch andernorts sorgen immer neue Nachbesserungsforderungen der Fifa für einen wachsenden Kostendruck. In einigen Stadien sind bei der Erstellung des Kostenvoranschlags schlicht die Einrichtungselemente übersehen worden, zum Beispiel die Sitze oder die elektronischen Anzeigetafeln.

          Bei den in der Regel recht lukrativen Bauaufträgen sind Korruptionspraktiken allgegenwärtig. Den Argwohn der Justizbehörden wecken vor allem die Finanzierungsmodelle für den Bau oder die Renovierung verschiedener Stadien über gemischte staatlich-private Konsortien, weil den Bauträgern in Aussicht gestellt wird, das Dreifache des investierten Betrags erlösen zu können, wenn auch erst nach 15 oder 20 Jahren. Das ist offenbar der Köder, mit dem in vielen Fällen überhaupt Firmen für die Baulizenzvergabe angelockt werden konnten. Für das Stadion in der nordbrasilianischen Stadt Natal gab es bis vor kurzem keinen einzigen Interessenten. Staatsanwaltliche Untersuchungen wegen einer mutmaßlich „konfusen“ Klausel im Vertrag zwischen einer Baufirma, die schließlich anbiss, und dem Staat könnten den für Juni geplanten Baubeginn weiter hinauszögern.

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